Freitag, 01. Juli 2022

125. Geburtstag von Elisabeth Hauptmann
Die Co-Autorin von Brechts "Dreigroschenoper"

Das „kollektive Produzieren“ im Dienste Bertolt Brechts bedeutete für Elisabeth Hauptmann auch: Schreibtisch und Bett teilen. Ihr Anteil am Erfolg des Dramatikers ist groß – für die „Dreigroschenoper“ soll sie zu 80 Prozent verantwortlich gewesen sein. Am 20. Juni 1897 wurde die Schriftstellerin geboren.

Von Christoph Vormweg | 20.06.2022

Bertolt Brecht und Elisabeth Hauptmann 1927
Bertolt Brecht und Elisabeth Hauptmann 1927 (imago / Mary Evans)
Der „Alabama-Song“ ist weltberühmt. Lotte Leyna, die „Doors“ oder David Bowie haben ihn vertont. Doch stammt er nicht von Bertolt Brecht, wie oft geglaubt. Elisabeth Hauptmann hat ihn für Brechts Oper „Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny“ verfasst. Die Begegnung der beiden Mitte der 1920er Jahre in Berlin ist für den aufstrebenden Dramatiker ein Glücksfall. Denn sie spielt Klavier und spricht fließend Englisch, weil ihre Mutter in den USA aufgewachsen ist. Bald teilen die beiden – sehr diskret - Schreibtisch und Bett.

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"Wenn man bei Brecht mitarbeitete, musste man irgendetwas mit einbringen in die Arbeit", erzählt Elisabeth Hauptmann 1965, neun Jahre nach Brechts Tod, im DDR-Rundfunk. „Nun, ja, ich kam vom Lande und war im Grunde sehr ungeschickt. Ich hatte wenig Stücke gesehen. Aber merkwürdigerweise behauptete Brecht, ich verstünde doch was davon, und nahm mich gleich mit in die Arbeit an ‚Mann ist Mann‘ herein. Ich könnte auch heute meinen Finger an einige Stellen legen, wo ich wirklich einen Beitrag geleistet habe. Zufällig. Blindes Huhn findet auch mal ein Korn.“

Bis zu 80 Prozent Anteil an der "Dreigroschenoper"

Die Bescheidenheit Elisabeth Hauptmanns, geboren am 20. Juni 1897 im westfälischen Peckelsheim, ist legendär. Dabei hängt sie ihren Beruf als Lehrerin gerade deshalb an den Nagel, weil sie mehr vom Leben verlangt. Sie stellt dem jungen Brecht die richtigen Fragen und hat überraschende Ideen, wenn die Dramaturgie eines Stücks hakt. Eines Tages weist sie ihn auf John Gays „Beggar´s Opera“ hin, die Bettler-Oper. Die englischen Medien feiern gerade deren 200. Geburtstag. Elisabeth Hauptmann übersetzt das Stück ins Deutsche.
"Denn für dieses Leben
ist der Mensch nicht schlau genug,
niemals merkt er eben
diesen Lug und Trug ..."
Die „Dreigroschenoper“ wird 1928 zum ersten Kassenschlager der Brecht-Ära. Elisabeth Hauptmann: „Das Stück war in der Form gänzlich neu. Es ist sozusagen das Vorbild des Musicals gewesen.“ 12,5 Prozent der Tantiemen gehen an Elisabeth Hauptmann. Doch Literaturwissenschaftler bemessen ihren Anteil auf bis zu 80 Prozent. Solche Fragen spielen in der kollektiven Theaterarbeit der 1920er Jahre aber keine Rolle. Die Clique um Brecht schnuppert gemeinsam am Erfolg.
Theaterplakat für die Aufführung der Dreigroschenoper des Berliner Ensembles 1928 am Theater am Schiffbauerdamm in Berlin
Die „Dreigroschenoper“ - erster Kassenschlager der Brecht-Ära (imago / KHARBINE-TAPABOR)

Den vielen Brecht-Geliebten nicht gewachsen

Auch in der Arbeit am Stück „Die Heilige Johanna der Schlachthöfe“ zeichnet sich Elisabeth Hauptmann aus: „Am Anfang dieser Geschichte steht eine Kurzgeschichte von mir. Die hieß ‚Bessie Sowieso‘ und handelte auch von einem Heilsarmeemädchen, das sich sehr vernünftig und praktisch während des Erdbebens in San Francisco verhält." Die Recherchen machen sie dann zusammen:  „Brecht und ich gingen sehr oft in die Heilsarmee-Lokale und sahen uns an, wer dort hinging und wie das Ganze gemacht war. Wir studierten es richtig.“
Den vielen Brecht-Geliebten ist Elisabeth Hauptmann aber nicht immer gewachsen. Nach seiner zweiten Heirat mit Helene Weigel versucht sie, sich das Leben zu nehmen. Vergeblich. 1933, nach der Wahl Hitlers zum Reichskanzler, setzt sich Brecht nach Prag ab. Elisabeth Hauptmann flieht nach einem Verhör durch die Gestapo nach Paris. Es gelingt ihr aber nicht, wie geplant, einen Koffer mit Manuskripten aus Deutschland herauszubringen. Brecht ist verstimmt. Sie flieht weiter zu ihrer Schwester nach St. Louis.

„Größte Arbeitsfreundschaft"

In einem Brief an Brecht bezeichnet Elisabeth Hauptmann ihr Verhältnis als die „größte Arbeitsfreundschaft“, die sie kenne. Dafür hat sie eigene Wünsche oft zurückgestellt: „Ich wollte ja immer Stücke schreiben, nicht. In den 20er Jahren hatte ich ja Pläne, die habe ich bis heute eigentlich nicht vergessen. Das ist die Frage: Was erschien mir wichtiger damals?“
1948 entscheidet sich Elisabeth Hauptmann für ein Leben in der DDR. Am Berliner Ensemble wird sie Dramaturgin und gehört wieder zum inneren Kreis um Brecht – bis zu seinem Tod 1956. Klagen über ihre Dienste für ihn hört man nie: „Die Verse - das hat der Brecht allein geschrieben. Ich glaube, das sieht man ihnen auch an. Und bei mir war es zwar auch viel Arbeit, aber Mit - Bindestrich – Arbeit.“ 
Mit ihrem unermüdlichen Einsatz für die gesamtdeutsche Brecht-Ausgabe unterstreicht Elisabeth Hauptmann ihre Unersetzbarkeit - bis zu ihrem Tod 1973 in Ost-Berlin. 
Das Grab von Elisabeth Hauptmann, Mitarbeiterin und Geliebte von Bertolt Bert, auf dem Friedhof Chausseestraße in Berlin
Das Grab von Elisabeth Hauptmann auf dem Friedhof Chausseestraße in Berlin (imago / Jürgen Ritter)