Samstag, 04. Dezember 2021

Schwangerschaft und Corona"Covid-Erkrankung verhindern, um Frühgeburtenrate zu senken"

Eine Impfung sei zu jedem Zeitpunkt der Schwangerschaft sinnvoll, sagte Geburtsmediziner Ekkehard Schleußner im Dlf. Die Empfehlung, erst nach dem Ende des ersten Schwangerschaftsdrittels zu impfen, beruhe in Deutschland nur auf Sicherheitsbedenken und nicht auf Fakten.

Ekkehard Schleußner im Gespräch mit Lennart Pyritz | 23.11.2021

Schwangere erhält Impfung
Schwangere erleiden etwa doppelt so häufig schwere Verläufe, wenn sie sich infiziert haben (imago images/AFLO)
Eine Schwangerschaft gilt als Risikofaktor für einen schweren Covid-19-Verlauf. In Deutschland wurden bislang etwa 10.000 Fälle von SARS-CoV-2-positiven Schwangerschaften gemeldet, darunter auch zahlreiche intensivpflichtige Patientinnen und mehrere Fälle mit tödlichem Ausgang. Vertreterinnen und Vertreter mehrerer geburtshilflicher Fachgesellschaften haben ihre Empfehlungen zur Versorgung infizierter Schwangerer und deren Neugeborener aktualisiert. Dabei geht es auch um ganz praktische Hinweise für Geburtshelferinnen und Schwangere. Professor Ekkehard Schleußner leitet die Klinik für Geburtsmedizin am Universitätsklinikum in Jena und hat die Empfehlungen maßgeblich mit erarbeitet.
"Wir wissen, dass die Corona-Impfung bei Schwangeren sehr gut und sehr effektiv vor der Erkrankung schützt. Es gibt dazu in der Zwischenzeit tausende, ja, hunderttausende Daten, insbesondere aus Israel und aus den USA, die große Registerstudien gemacht haben und gezeigt haben, dass etwa zehn Tage bis zwei Wochen nach der Impfung ein vollständiger Schutz da ist", so Schleußner.

Lennart Pyritz: Herr Schleußner, die StiKo empfiehlt seit September Schwangeren, sich ab dem zweiten Schwangerschaftsdrittel mit einem mRNA-basierten Impfstoff impfen zu lassen, das gilt jetzt auch für die Booster-Impfung. Wie ist denn der aktuelle Wissensstand, wenn Sie den einmal kurz zusammentragen? Welchen Nutzen und welche Risiken hat die Corona-Impfung für Schwangere und deren Nachwuchs?
Ekkehard Schleußner: Wir wissen, dass die Corona-Impfung bei Schwangeren sehr gut und sehr effektiv vor der Erkrankung schützt. Es gibt dazu in der Zwischenzeit tausende, ja, hunderttausende Daten, insbesondere aus Israel und aus den USA, die große Registerstudien gemacht haben und gezeigt haben, dass etwa zehn Tage bis zwei Wochen nach der Impfung ein vollständiger Schutz da ist. Auch wir selber in Jena hatten eine kleine Fallzahl untersucht, die gezeigt haben, dass die Bildung der Antikörper, auch der aktiven, der neutralisierenden Antikörper bei Schwangeren sich in keiner Weise von nicht-schwangeren gleichaltrigen Frauen und Männern unterscheidet. Also die Wirkung, die Effektivität der Impfung ist gleich. Und wir wissen, dass die Nebenwirkungen der Impfungen, auch das ist in großen Untersuchungen gezeigt worden, sich in keiner Weise unterscheidet von Frauen, die nicht schwanger sind, von Stillenden. Im Gegenteil: Tendenziell – das ist eine große Arbeit aus dem JAMA, aus einem amerikanischen Journal, vom Herbst diesen Jahres – scheinen sogar Schwangere etwas weniger Kurzzeitnebenwirkungen zu haben, also weniger Schmerzen und weniger Müdigkeit, als Nicht-Schwangere. Aber das ist nur in der Tedenz.

„Impfung zu jedem Zeitpunkt der Schwangerschaft empfohlen“

Pyritz: Wie sieht es denn mit dem Risiko von Frühgeburten aus?
Schleußner: Im Zusammenhang mit der Impfung werden Frühgeburten verhindert, denn die Covid-Erkrankung ist bei Schwangeren eine sehr viel schwerere Erkrankung als bei Nicht-Schwangeren. Schwangere erkranken etwa doppelt so häufig an schweren Erkrankungen mit der Notwendigkeit von Beatmung, von ITS, Intensivbehandlung, aber eben auch – und das ist die Erfahrung der letzten anderthalb Jahre: Die Frühgeburtenrate ist zwei- bis dreifach erhöht. Wir müssen also die Covid-Erkrankung verhindern, um die Frühgeburtenrate zu senken.
Pyritz: Was sollten Frauen bedenken, die sich vor oder ganz zu Beginn einer Schwangerschaft haben impfen lassen, zum Beispiel noch ohne zu wissen, dass sie schwanger sind?
Schleußner: Diese Frauen können wir beruhigen. Wir wissen in der Zwischenzeit, wiederum aus amerikanischen Studien und auch aus Daten von Israel, dass die Rate an Fehlgeburten nicht erhöht ist. Deswegen ist auch weltweit, außer in Deutschland, die Impfung zu jedem Zeitpunkt der Schwangerschaft, auch die Booster-Impfung, ganz explizit in den USA, in England und in Österreich, unserem Nachbarland, zu jedem Zeitpunkt der Schwangerschaft empfohlen. Nur in Deutschland haben wir aus unseren Sicherheitsbedenken, die allerdings keine Substanz, keine Fakten haben, sondern auf einer allgemeine Sicherheitsbetonung beruhen, gesagt, okay, wir impfen erst nach dem Ende der ersten Schwangerschaftsdrittel, so ab der 12., 13. Schwangerschaftswoche.

„Antikörper gehen in die Muttermilch über und schützen das Kind“

Pyritz: Wie ist die Empfehlung bei stillenden Frauen? Gibt es da bezüglich der Impfung etwas zu beachten?
Schleußner: Es gibt keinen Grund, sich als Stillende nicht impfen zu lassen. Der Impfstoff geht nicht oder nur in verschwindend geringen Mengen … lässt sich der in der Muttermilch nachweisen. Was aber ist, sind die Antikörper, die Antikörper, die innerhalb von 10 bis 14 Tagen gebildet werden: Die gehen in die Muttermilch über und schützen das Kind.
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Pyritz: In ihren aktuellen Empfehlungen geht es auch um die Versorgung infizierter Schwangerer, wenn also die Prävention nicht gelungen ist, da geht es zum Beispiel um die Geburt und die Frage, ob bei Schwangeren mit SARS-CoV-2 eine Spontangeburt oder ein Kaiserschnitt besser ist.
Schleußner: In den ersten Monaten war die Kaiserschnittrate extrem hoch. Also gerade die Berichte aus China und dann auch aus Italien, wo man ja auch noch nicht wusste, wie man mit der Krankheit umgehen kann, da sind sehr viele Frauen per Kaiserschnitt entbunden worden. Das ist nicht notwendig. Wir empfehlen ganz klar, dass nur aus geburtshilflicher Indikation ein Kaiserschnitt gemacht werden soll, also wenn es eine Gefahrensituation für die Mutter gibt, weil sie schwer krank ist natürlich, aber das würde bei einer anderen schwer kranken Mutter ja auch passieren, oder aber, weil es eben unter der Geburt zu Problemen kommt, soll ein Kaiserschnitt gemacht werden. Es gibt keinen Grund, wegen der Covid-Erkrankung eine Schwangerschaft früher zu beenden, also künstliche Frühgeburt zu machen, oder aber einen Kaiserschnitt zu machen, wenn die Mutter nicht selber schwer erkrankt ist.

Infizierte Mutter und Kind sollen nicht getrennt werden

Pyritz: Inwieweit können oder sollten denn aus medizinischer Sicht nicht-infizierte Neugeborene mit ihrer infizierten Mutter Kontakt haben können? Was sind da die aktuellen Empfehlungen Ihrer Fachgesellschaft?
Schleußner: Wir sind bei unserer Empfehlung geblieben, die wir bereits im Frühjahr vorigen Jahres ausgesprochen haben, dass Mutter und Kind nicht getrennt werden sollen. Wir wissen in der Zwischenzeit, dass bei Beachten von Hygienerichtlinien, also dass die Mutter Maske trägt und sich die Hände desinfiziert, der Kontakt zwischen Mutter und Neugeborenen möglich und, ja, sinnvoll, notwendig ist, und auch Stillen möglich ist.
//Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.//