Mittwoch, 28. Februar 2024

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Menschenrechte im Sport
DFB und DOSB als internationale Vorbilder?

In Sachen Menschenrechte maximale Forderungen durchzusetzen, sei "weltfremd", sagt DFB-Präsident Bernd Neuendorf im Bundestag. Die Politik erhöht aber den Druck auf deutsche Sportverbände. Und es gibt Ideen, wie Deutschland Vorbild werden könnte.

Von Maximilian Rieger | 04.03.2023
FIFA-Präsident Gianni Infantino (l.), DFB-Präsident Bernd Neuendorf im Stadion von Doha während der WM in Katar
Keine Antwort von der FIFA in dringenden Menschenrechtsfragen: DFB-Präsident Bernd Neuendorf (r.), FIFA-Boss Gianni Infantino (picture alliance / Gladys Chai von der Laage)
Es dauert nicht lange, bis der Ton im Menschenrechtsausschuss gesetzt ist. "Wie kann es denn sein, dass bei der Frauen-WM der Sponsor Saudi-Arabien heißt? Da ist anscheinend das Papier wieder total geduldig. Gibt es für einen DFB auch mal irgendwo eine rote Linie?" Dies fragt der CDU-Politiker Norbert Altenkamp.
Vor ihm, in der Mitte der Parlamentarier, sitzt DFB-Präsident Bernd Neuendorf. Eine direkte Antwort hat Neuendorf nicht. Er habe bei der FIFA nachgefragt, ob die Medienberichte stimmten, dass die Werbespots der saudischen Tourismusbehörde während der WM im Sommer laufen sollen.
"Ich will genau wissen: Was ist da passiert? Gibt es das Engagement? Wenn es das Engagement gibt, ist es an Bedingungen geknüpft, dass man in Sachen Menschenrechte in irgendeiner Form hier Bedingungen geknüpft hat? Das kann ich ihnen im Moment alles nicht beantworten, weil wir auf die Antwort der FIFA warten."

DFB als Bittsteller bei der FIFA - auch bei Menschenrechtsfragen

Der DFB als Bittsteller, der vom Weltfußball-Verband auf Informationsentzug gesetzt wird: Die Aussage von Neuendorf zeigt, wie schlecht das Verhältnis zwischen DFB und FIFA im Moment ist. Und es zeigt ein grundsätzliches Dilemma: Selbst wenn deutsche Sportverbände wie der DFB in Zukunft Menschenrechtsfragen bei ihren Entscheidungen bedenken wollen - im internationalen Sportsystem ist dieses Vorgehen kaum mehrheitsfähig.
"Da sind wir als Westeuropäer oft in der Minderheit, um das ganz klar zu sagen. Ich kann und ich werde versuchen, da garantiere ich Ihnen auch für, dass wir mit kleinen Schritten vorankommen. Aber die Vorstellung, dass wir maximale Forderungen sofort umsetzen, die ist einfach weltfremd." Deshalb wolle er Verbündete suchen, so Neuendorf.
Progressive Allianzen, angestoßen von deutschen Sportverbänden, das ist auch die Forderung von Maximilian Klein. Klein ist Direktor für Sportpolitik und Strategie bei der unabhängigen Athleten-Vereinigung Athleten Deutschland. Er sitzt zwei Stunden vor Neuendorf im Menschenrechtsauschuss, zusammen mit DOSB-Präsident Thomas Weikert. Und Klein erkennt an, dass deutsche Verbände international einen schweren Stand haben.
"Es ist wirklich sehr, sehr schwierig, Einfluss im internationalen Sportsystem zu üben. Herr Weikert als ehemaliger Weltverbandspräsident weiß das sehr, sehr gut. Und da haben wir natürlich auch Verständnis, dass das für den DOSB allein extrem schwierig ist. Da darf man auch nicht zu hohe Erwartungen haben."

DOSB bekennt sich zu Sorgfaltspflichten - nach Kritik von Athleten Deutschland

Vor einem Jahr hatte Klein vor dem Menschenrechtsausschuss noch kritisiert, dass der DOSB keine Menschenrechtsstrategie habe. Seitdem hat sich aber etwas getan: Der DOSB hat sich in seiner Satzung zu menschenrechtlichen Sorgfaltspflichten bekannt. Es gibt inzwischen einen runden Tisch für Menschenrechte und einen Menschenrechtsbeirat. Dieser Beirat soll nach vorhergehender Analyse eine Menschenrechtspolicy für den Dachverband entwickeln, damit sich der DOSB in Zukunft klarer und besser positionieren kann.
Es ist auch der Versuch, aufzuholen, was in den vergangenen Jahren verpasst wurde - auch, weil der Druck aus der Politik lange gefehlt hat. "Wir haben uns in der Vergangenheit nicht genug gekümmert um das Thema, das muss man einfach so sagen", konstatiert Peter Heidt, menschenrechtspolitischer Sprecher der FDP.
Auch das hat sich inzwischen geändert. Die Wortmeldungen der Parlamentarier zeigen: Zumindest im Menschenrechtsausschuss gibt es eine fraktionsübergreifende Mehrheit dafür, Verbänden Steuergeld zu entziehen, wenn sie menschenrechtliche Risiken missachten.

Entzug von Fördergeldern als Drohkulisse für Verbände

"Wir sagen ja nicht, dass wir sozusagen von heute auf morgen den Verbänden Steuergelder wegnehmen wollen. Wir sagen aber: Das sind Steuergelder, die wir hier vergeben, und wir müssen da eben auch Kriterien dran anlegen. Also geht es für uns darum, dass sich die Verbände auf den Weg machen in die richtige Richtung: Menschenrechte in ihre Satzung aufnehmen, Menschenrechte leben und dann ist alles gut. Und wenn sie sich aber beharrlich weigern und sagen: 'Das interessiert uns alles gar nicht' - dann können wir ihnen auch keine Steuergelder mehr geben."
Selbst DOSB-Präsident Thomas Weikert steht der Idee offen gegenüber. "Das halte ich insgesamt, weil wir in der Vergangenheit ja viele Probleme hatte im internationalen Bereich, durchaus für eine Möglichkeit, die man ansprechen sollte."
Wie die Kriterien aussehen und wann sie kommen könnten, ist noch aber unklar. Hier gibt es, bei aller grundsätzlichen Einigkeit, das Potenzial für Konflikte. Maximilian Klein von Athleten Deutschland geht sogar noch einen Schritt weiter. Er bringt die Idee ins Spiel, eine Integritätsbehörde für den deutschen Sport zu schaffen, eine Agentur zuständig für alle Bereiche von Korruption bis zu sexualisierter Gewalt.

Klein: "Sport als Teil der deutschen Außenpolitik"

Damit könnte Deutschland international Vorbild werden. Und nicht nur das: Sport müsse auch Teil der deutschen Außenpolitik werden, fordert Klein: "Wichtig ist, dass auch Deutschland das internationale Sportsystem in seiner Außenpolitik adressiert, um Druck auszuüben, damit sich die Zustände im internationalen Sportsystem ändern. Weil das internationale Sportsystem hat keinen Gegenspieler, das ist der Grund, warum es so träge ist und warum sich so wenig ändert."
Vielleicht würde das auch Eindruck auf Thomas Bach machen. Der Ausschuss würde den IOC-Präsidenten nämlich auch gerne mal einvernehmen. Aber Bach ignoriert die Einladungen bisher.