Mittwoch, 18. Mai 2022

Ein Jahr nach dem Scheitern der Super League
„Sorge, dass wir Fans verlieren - und damit das Fundament“

Ein Jahr nach dem gescheiterten Versuch von zwölf Clubs, eine europäische Super League zu gründen, scheint dieses Projekt zwar nicht mehr brisant. In welche Richtung sich der europäische Fußball in Zukunft entwickeln wird, ist aber weiterhin ungewiss – und die Kluft zwischen superreichen und weniger reichen Clubs wird immer größer.

Helen Breit, Chaled Nahar und Christoph Peschek im Gespräch mit Maximilian Rieger | 17.04.2022

Am 21.04.21 an der Stamford Bridge in London: Chelsea-Fans protestieren gegen die geplante Super League.
Fans des FC Chelsea protestieren gegen die Super-League-Pläne, denen sich auch ihr Club angeschlossen hat. (IMAGO / Sportimage)
Kurz vor vor Mitternacht am 18. April 2021 erschütterte eine Pressemitteilung den europäischen Fußball. Zwölf führende europäische Fußballklubs verkündeten damals, dass sie einen neuen Wettbewerb, die Super League, gründen. Es wäre eine praktisch geschlossene Liga der ruhmreichsten Klubs aus England, Italien und Spanien gewesen, finanziert durch 3,5 Milliarden Euro der US-Investmentbank JP Morgan Chase. Die Initiative, unabhängig von UEFA und nationalen Ligen, war ein Frontalangriff auf das europäische Fußballsystem. Die nationalen Ligen, die Fans, Regierungen verbünden sich gegen die Super League und innerhalb von wenigen Tagen zerfällt diese neue Allianz.
Ein Jahr später diskutieren im Dlf-Sportgespräch Christoph Peschek, Geschäftsführer Wirtschaft bei Rapid Wien, Helen Breit, Fanvertreterin und Vorsitzende des Fanbündnisses „Unsere Kurve“ und der Sportjournalist Chaled Nahar über die Zukunft und Perspektiven des europäischen Fußballs.
Christoph Peschek von Rapid Wien zufolge handelt es sich bei den Initiatoren der Super League um „vorwiegend investorengeführte oder hochverschuldete Clubs, die sich dem sportlichen Wettbewerb entledigen wollen, um damit größtmögliche Planungssicherheit zu haben. Das verstehe ich grundsätzlich als Geschäftsführer. Aber als Fußballfan eben nicht. Es ist sicherlich auch ein Stück Entfremdung zwischen Fans und den Profifußball“, so Peschek.

Fanvertreterin Breit: Aufschrei groß, Effekt gering

Für die Fanvertreterin Helen Breit lautet die bittere Bilanz, dass der Versuch, eine Super League zu schaffen, zu keiner positiven Veränderung geführt hat. “Der Aufschrei war riesig, der Effekt davon ist aber nicht groß.“
Sportjournalist Chaled Nahar betont, dass auch die Reformpläne der Champions League in eine ähnliche Richtung gehen: „Man möchte das sportliche Element so klein halten wie möglich und die unternehmerische Planungssicherheit erhöhen.“ Dies soll durch einen Koeffizienten erfolgen, mit dem sich grundsätzlich erfolgreiche Teams auch in einer schwachen Saison in die Champions League retten können. Es sei dann zwar keine geschlossene Liga, wie es die Super League gewesen wäre, „aber es ist ein Schritt in diese Richtung.“
Und Nahar stellt zur Debatte: „Wenn sich zwei Klubs auf diese Art und Weise qualifizieren, wer sagt denn, dass es ab 2027 nicht vier oder acht oder noch mehr Clubs sind?“ Seine Kritik: „Wir wagen uns nicht an die Ursache des Problems, die Geldverteilung. Wir bekämpfen das Symptom.“ Ein neuer Modus würde Nahar zufolge wieder zum gleichen Ergebnis führen.

Finanzielle Schere ein Hauptproblem

Ein Problem sehen die Gesprächsgäste auch in der ungleichen Verteilung finanzieller Ressourcen. Christoph Peschek erläutert, dass sein Verein Rapid Wien einen Umsatz von 40 Millionen mache, der große Konkurrent Red Bull Salzburg 140 Millionen. Er sagt: „Rapid wurde gegründet, um Fußball zu spielen, Red Bull Salzburg, um eine Dose zu bewerben. Das heißt, uns unterscheidet natürlich schon mal in der fußballerischen Weltanschauung einiges. Was ich aber akzeptieren und respektieren muss, ist, dass sie ihren Job mittlerweile sehr, sehr professionell machen.“ Die derzeitigen Reformen sähen vor, dass diejenigen, die ohnehin ganz oben stehen, noch mehr Planungssicherheit erhalten.
Chaled Nahar ergänzt zu diesem Problem, dass nur eine Umverteilung der Einnahmen von unten nach oben dieses Problem beseitigen würde. Dies sei illusorisch, aber die eigentlich einzig wirksame Maßnahme. Das Geld der UEFA sorge dafür, dass es in den nationalen Ligen in Europa meist ein dominantes Team gebe.
Helen Breit sieht den Solidartopf der UEFA als einen möglichen Hebel, um für mehr Gerechtigkeit zu sorgen. Dieser beinhaltet, dass die nicht für Europa qualifizierten Vereine der nationalen Ligen vier Prozent der Erlöse erhalten. Auf der Homepage ihres Bündnisses „Unsere Kurve“ heißt es: „Zur Verdeutlichung: Die nicht für Europa qualifizierten Vereine der nationalen Ligen erhielten 2018/19 gemeinsam 130 Millionen Euro, während der FC Bayern München alleine 117 Millionen Euro für den CL-Sieg einnahm.“
Breit sagte dazu: „Wir fordern, dass der Solidartopf bis zu 50 Prozent ausmacht, das heißt die Hälfte kriegen die, die qualifiziert sind und mitmachen, und die Hälfte kriegen alle anderen. Dann komme ich eben sukzessive vielleicht auch wieder in Richtung von Chancengleichheit.“ Es gebe Möglichkeiten, für mehr Gerechtigkeit zu sorgen, aber die würden von Funktionären als Utopien und Fußballromantik abgetan. Da unterscheide sich die UEFA nicht zur Super League. „Da geht es um Geld und es geht um Macht.“

Peschek (Rapid Wien): Sorge, dass Vereine ihre Identität aufgeben

Christoph Peschek äußert zudem die Sorge, dass Vereine ihre Eigenständigkeit, ihre Identität aufgeben. „Ich habe die große Sorge der Entfremdung, dass die Fans nicht mehr mitgehen oder wir Fans verlieren und damit dann letztlich unser Fundament.“
Auch Sportjournalist Chaled Nahar sieht die Tendenz, dass der Fußball zu einer „Produktionsstätte für TikTok-Videos herabgewertet wird, indem man sagt ja, hier hast du Ronaldo, da hast du Messi. Und da hast du jemanden in Belgrad oder Piräus, der gegen den Pfosten läuft, dann hast du die drei wichtigsten Videos bei TikTok vom Spieltag gesehen.“ Das sei dann der Fußball. Das sei zwar traurig, aber in vielen Spitzenclubs liege der Fokus darauf.
Helen Breit versucht gemeinsam mit Fanvertreterinnen und -Vertretern auch aus anderen Ländern, den Fußball durch die Politik schützen zu lassen. Die Initiative heißt „Win it on the pitch“. „Ohne Regularien werden wir die Gier Einzelner und Investorengebaren nicht in den Griff kriegen“, so Breit.
Christoph Peschek von Rapid Wien stellt heraus: „Was es braucht, ist eine sehr umfassende Diskussion, die nicht nur an der Oberfläche kratzt, sondern darüber, wohin sich der Fußball entwickeln soll.“ Dafür seien Initiativen wie die von Breit und ihren Mitstreiterinnen und Mitstreitern wichtig.