Samstag, 18. Mai 2024

Sportgespräch zum Deutschland-Achter
„Wir verwalten den Sport inzwischen, das funktioniert so nicht“

Der Deutschland-Achter, das Paradeboot des Deutschen Ruder-Verbandes, ist für die Olympischen Spiele in Paris qualifiziert. Im Dlf-Sportgespräch sprechen die Bundestrainerin Sabine Tschäge und Schlagmann Hannes Ocik über Perspektiven für Paris und strukturelle Herausforderungen für Trainerin und Athleten.

Hannes Ocik und Sabine Tschäge im Gespräch mit Matthias Friebe | 07.04.2024
Der Deutschlandachter 2024 auf dem Dortmund-Ems-Kanal.
Der Deutschlandachter 2024 auf dem Dortmund-Ems-Kanal. (IMAGO / Sven Simon / IMAGO / Malte Ossowski / SVEN SIMON)
Der Deutschland-Achter hat sich bei der WM vergangenes Jahr in Belgrad für die Olympischen Spiele qualifiziert. Bundestrainerin Sabine Tschäge empfindet das als „komfortable Situation“. Man habe bei den kommenden Wettbewerben Zeit, „ein paar Sachen noch richtig in Angriff zu nehmen.“ Die Weltspitze sei sehr eng zusammengerückt in den vergangenen Jahren, eine Dominanz sei schwer herzustellen. Das liege an der Trainingswissenschaft, die sich unter anderem durch Trainer-Transfers weltweit verbreite. Zudem verbreite sich viel Knowhow über das Internet. Und Rudergeräte seien inzwischen so professionell, dass damit die passende physische Leistung hergestellt werden könne.
Was die Besetzung des Achters betrifft, steht laut Tschäge die physische Leistung zwar im Vordergrund. Die Besetzung der einzelnen Positionen müsse aber auch so erfolgen, dass sie im Gefüge als Mannschaft funktioniere. Hannes Ocik war von 2015 bis 2021 bereits Schlagmann und ist seit diesem Jahr wieder an vertrauter Position im Team. Er ergänzte, die Mannschaft müsse geschlossen den Druck annehmen, den das Boot erzeuge und das so schnell wie möglich durchziehen.

Besetzung der Positionen entscheidend im Achter

Im Bug müsse beispielsweise jemand sitzen, der schnell Höhenunterschiede ausgleichen könne durch sein ruderisches Können, da die Bugspitze sich deutlich nach oben bewege im Rennen. Und die Position des Schlagmannes – seine eigene - werde nicht unbedingt mit dem stärksten, aber dem konstantesten Ruderer im Achter besetzt. Gemeinsam müsse dann ein Kompromiss gefunden werden, wie man das Boot schnellstmöglich anschiebt. Ocik betonte, dass er auch für jede andere Position offen wäre: „Wenn das die Garantie wäre, was zu gewinnen.“
Sabine Tschäge, Cheftrainerin des Deutschland-Achters
Sabine Tschäge, Cheftrainerin des Deutschland-Achters (IMAGO / Sven Simon / IMAGO / Malte Ossowski / SVEN SIMON)
Seine Einstellung sei, „dass wir jeden Tag im Training 100 Prozent geben und unser letztes Hemd jeden Tag hier auf dem Wasser lassen. Das bedeutet auch, dass wir in Paris am Ende das Maximum rausholen wollen. Und natürlich ist das Maximum am Ende Gold.“ Personelle Änderungen im Achter sind nach Angaben der Bundestrainerin bis zu den Olympischen Spielen im August noch möglich.

Kritik an starren Strukturen des Sports in Deutschland

Der Deutschland-Achter war lange Jahre Topfavorit auf Titel bei Weltmeisterschaften und Olympische Spiele. In den letzten Jahren schwankten Form und Leistung der Ruderer im Paradeboot. Bundestrainerin Tschäge erklärt im Dlf, dass sich alle Kraftausdauer- oder Ausdauersportarten momentan sehr schwer täten. Grund dafür seien die starren Strukturen, in denen die Sportarten verhaftet seien. Sie kritisierte, dass ständig neue Strukturen installiert würden: „Erst war es Potas, jetzt soll es die Sportagentur richten. Aber die eigentlich entscheidenden Fragen stellen wir halt eben nicht. Wir verwalten den Sport inzwischen, das funktioniert so nicht.“
Sie frage sich, wie man genug Trainer nach Deutschland bekomme, die Leute ausbilden und, wie man Kinder begeistere, die in die Sportarten gingen. Die Fokussierung auf Medaillen zerstöre viel. Für den Rudersport zeigte sie sich optimistisch, dass man aus der Formdelle wieder herauskommt. Die Belastung der Trainerinnen und Trainer sei allerdings groß: Es wird immer mehr obendrübergestülpt, immer mehr Verwaltung“, sagte Tschäge.
Ocik schloss sich an und kritisierte mangelnde Flexibilität in der Mittelverwendung: „Es gibt unterschiedliche Töpfe, dafür müssen wir als Ruderverband Geld beantragen. Aber wenn wir jetzt spontan ein Trainingslager machen wollen würden, weil gerade Not am Mann ist, haben wir keine Mittel zur Verfügung. Das macht uns nicht konkurrenzfähiger.“ Wenn die Bundestrainerin eine gute Idee hätte, wie Geld auf Verbandsseite investiert werden könne, gebe es so viele Barrieren, dass es ein Problem sei.