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Startschuss für das Frühwarnsystem

Technik. – Heute wurden in Hamburg die beiden ersten Bojen des Tsunami-Warnsystems verschifft, das Indonesien ab 2008 vor herannahenden Riesenwellen warnen soll. Die Technik und ein wesentlicher Teil der Finanzierung kommen aus Deutschland. Mit einem solchen Bojennetz soll eine Katastrophe wie die vom 26. Dezember letzten Jahres gemildert werden.

Von Frank Grotelüschen | 25.08.2005

Sie hängt an einem Kran im Hamburger Hafen: eine Tonne aus Metall, knapp so groß wie eine Litfaßsäule, gespickt mit Technik und Sensoren. Das Ding ist knallgelb lackiert, auf der einen Seite prangen die deutschen Farben, auf der anderen die von Indonesien. Jetzt setzt der Kran die Boje vorsichtig ins Wasser. Träge dümpelt sie im Hafenbecken vor sich hin.

"Das ist die erste Tsunami-Boje, die jetzt fertig ist und nach Indonesien verschifft werden soll, auf deren Spitze kegelförmig ein GPS-Empfänger ist,"

sagt Jörn Lauterjung vom Geoforschungszentrum Potsdam.

"Wir sehen da noch einen kleinen Windgenerator zur Energieerzeugung und eine Anzahl von Messgeräten für Windgeschwindigkeiten, Temperaturen, Luftdruck und ähnliche Geschichten. Diese Einheit kostet rund eine viertel Million Euro."

Es ist die erste von insgesamt zehn Tsunami-Bojen, die Deutschland in den kommenden zwei Jahren nach Indonesien verschiffen wird. Die Bojen sind Teil eines Frühwarnsystems, das 2008 voll einsatzbereit sein soll. Und dieses System soll konkret wie folgt funktionieren:

Im Sundabogen, in der seismisch aktiven Region vor der Küste Indonesiens, bebt der Meeresgrund. Ein bis zwei Minuten später registrieren Seismometer das Beben, melden seine Stärke und Ausdehnung. Kurz darauf erfassen die Bojen vor der Küste, ob tatsächlich eine Flutwelle vorbeirauscht. Lauterjung:

"Das ist einmal das Instrument, was am Ozeanboden in vier bis sechs Kilometer Tiefe liegt, Druckmessungen macht und Seismometermessungen. Dann die Boje selber, die zum einen als Relaisstation dient, um die Daten online über Satellit ins Datenzentrum zu bringen. Zum zweiten trägt die Boje aber selber noch eine Reihe von Messinstrumenten - u.a. auch einen GPS-Empfänger, der uns ermöglicht, aus dem Auf- und Abschwanken der Boje Aussagen über die Wellen und einen möglichen Tsunami, der da durchläuft, zu machen."

Jetzt laufen die Daten in der Warnzentrale in Djakarta zusammen. Hier sitzen rund um die Uhr Experten, die in aller Eile entscheiden müssen, ob sie Alarm auslösen oder nicht. Das Problem:

"Wie können die Daten so interpretiert werden, dass man mit Sicherheit sagen kann, ein Tsunami kommt oder er kommt nicht? Und wenn man weiß, wo er kommt: Welche Auswirkungen wird er haben. Genau das ist die kritische Frage."

sagt Stefan Dech vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt in Oberpfaffenhofen.

"Der Mensch hat im konkreten Fall maximal zehn Minuten. Zehn Minuten, nachdem wir ein Seebeben festgestellt haben, das eine kritische Größe erreicht hat, müssen wir in der Lage sein, eine Warnung auszusprechen oder Entwarnung zu geben."

Bei dieser Entscheidung hilft der Computer. Er gleicht die einlaufenden Daten blitzschnell ab mit Tausenden von vorberechneten Szenarien, die auf der Festplatte gespeichert sind. Die Forscher hoffen auf eine hohe Trefferquote, auf möglichst wenig Fehlalarm. Dech:

"Wenn man eine 50prozentige Trefferquote hat, wäre das schon ein sehr gutes System. Wir können sagen, dass andere Tsunami-Warnsysteme, die z.B. im Pazifik existieren, relativ häufig mit Fehlalarmen arbeiten. Da haben wir eine deutlich höhere Fehlalarmquote."

Beim deutschen System soll auf einen richtigen Alarm nur ein Fehlalarm kommen. Ein überaus ehrgeiziges Ziel, das weiß auch Stefan Dech, denn

"wir bauen ein System, ohne es letztlich in der Praxis richtig testen zu können. Denn wir müssen davon ausgehen, dass zehn oder 15 Jahre oder noch mehr vergehen, bis der nächste Tsunami kommt. Entsprechend müssen wir im Trockenlauf das System aufbauen und mit simulierten und angenommenen Daten rechnen und so das System optimieren."