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StartseiteHintergrundFeuerwerk zwischen Freiheit und Feinstaub27.12.2019

Streit über SilvesterböllerFeuerwerk zwischen Freiheit und Feinstaub

Knallfrösche, Chinakracher, Raketen - Böllern gehört für viele Deutsche zu Silvester einfach dazu. Mehr als 100 Millionen Euro werden die Bundesbürger wohl auch in diesem Jahr wieder für Feuerwerkskörpern ausgeben, trotz der anhaltenden Debatten über die vermeidbare Feinstaubbelastung, Unfälle und Müllberge.

Von Monika Dittrich

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Eine Frau schaut sich am 01.01.2019 in Berlin das Silvesterfeuerwerk an (gestellte Szene).  (picture alliance / dpa / Florian Schuh)
Das Feuerwerk gehört für viele zum Jahreswechsel dazu - doch die Kritik wächst (picture alliance / dpa / Florian Schuh)
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Man hört es knallen und böllern: Das klingt nach Silvesternacht, ist aber in Wirklichkeit nur eine Qualitätskontrolle am helllichten Tag. Das machen sie hier ständig auf dem Abbrennplatz der Firma Weco in Eitorf in Nordrhein-Westfalen.

"Man hört das gerade im Hintergrund, das ist basierend auf der Schichtleistung eine statistische Menge, die gezogen und auf Funktion getestet wird, also angezündet und man guckt, ob alles so abläuft, dass die Qualität gewährleistet ist", sagt Lutz Hinsch. Er ist Betriebsleiter bei Weco in Eitorf, er überwacht die Produktion von Feuerwerksraketen.

Weco ist Deutschlands Marktführer für Feuerwerkskörper. Raketen, Batterien, Knallfrösche, Vulkanfontänen, China-Böller und so weiter - hunderte Millionen Produkte stellt die Firma mit rund 450 Mitarbeitern jedes Jahr her. Fast die Hälfte davon an den drei Standorten in Deutschland - auch hier am Hauptsitz in Eitorf.

Brennende Zündschnur an einem Feuerwerkskörper der Firma Weco (imago/localpic)Silvesterfeuerwerk als Geschäftsmodell: Die Firma Weco macht laut eigenen Angaben 95 Prozent ihres Umsatzes in den letzten drei Tagen des Jahres (imago/localpic)

"Das hier ist eine vollautomatische Maschine, die eine Feuerwerksrakete, eine Batterie herstellt, drinnen ist es jetzt ein wenig lauter." Drinnen zischt es und pfeift und dröhnt. Die Frauen am Fließband tragen Gehörschutz. Eine Maschine presst Schwarzpulver in Bombetten.

Mehr als 100 Millionen Euro für Böller und Raketen

"Das ist ein sogenanntes Revolvermagazin, wo diese Bombetten dann in die Batterie zugeführt und da eingeführt werden." So eine Bombette ist das eigentliche Herzstück jeder Feuerwerksrakete: Es ist der Behälter für die sogenannte Effektladung, wie Lutz Hinsch erklärt:

"Die Effektladung basiert auf Schwarzpulver und allem, was der chemische Baukasten bezüglich Farben halt hergibt. In der Fachsprache sind das Sterne, die dann in einem Körper, der sogenannten Bombette zusammengebracht werden. In diesem Fall ist die noch an den Himmel zu bringen, um den Effekt dann in 20 oder 30 Metern Höhe zur Zündung zu bringen, um das Bild, das jeder kennt, am Himmel zu erzeugen."

Das Bild am Himmel, das jeder kennt und das für viele Menschen in der Silvesternacht einfach dazugehört: ein buntes Feuerwerk.

Es ist der einzige Termin im Jahr, an dem die Bundesbürger ein privates Feuerwerk zünden dürfen. Drei Verkaufstage darf es vor Silvester geben - und schätzungsweise werden es wie in den vergangenen Jahren auch dieses Mal um die 130 Millionen Euro sein, die die Deutschen für Böller, Raketen und Knallfrösche ausgeben.

"Wir machen 95 Prozent unseres Umsatzes in den letzten drei Tagen des Jahres. Und das ganze Jahr davor arbeiten wir dafür", sagt Weco-Geschäftsführer Thomas Schreiber. Ob das Geschäft gut läuft, entscheidet sich also allein an diesen drei Verkaufstagen. Großfeuerwerke bei Veranstaltungen seien mehr fürs Renommee, nicht so sehr für den Umsatz. Geld verdiene sein Unternehmen vor allem mit dem privaten Feuerwerk in der Silvesternacht, sagt Thomas Schreiber.

Gesellschaftspolitischer Streit um eine alte Tradition

Debatten über Böllerverbote, wie sie seit einigen Jahren immer wieder aufkommen, hört er deshalb gar nicht gern – denn solche Verbote würden das Geschäftsmodell seines Unternehmens vernichten: "Das Hauptgeschäft wäre dann quasi tot. Das ist so."

Feuerwerk ist zum gesellschaftspolitischen Zankapfel geworden. Befürworter sehen darin einen uralten Brauch, mit dem zum Jahresende böse Geister vertrieben werden: "Das ist einfach pure Emotion und auch Bestandteil einer jahrtausendealten Tradition", sagt der Unternehmer.

Tatsächlich hat das Feuerwerk eine lange Geschichte. Das Schwarzpulver wurde vor rund 1400 Jahren in China erfunden. Händler brachten die explosive Mischung über die Seidenstraße nach Europa.

Silvester-Raketen und Böller liegen ausgebreitet auf einem Tisch.  (dpa / picture alliance / Lino Mirgeler) (dpa / picture alliance / Lino Mirgeler)Resch (DUH) - "Wir möchten Silvester ohne Knaller und Raketen" 
An Silvester gebe es "die höchsten Feinstaubwerte des Jahres", sagte Jürgen Resch, von der Deutschen Umwelthilfe, im Dlf. Deswegen plädiert die Organisation für ein Silvester ohne Feuerwerk.

Heutzutage sehen allerdings viele in der privaten Böllerei eine unverantwortliche Gefahr - für Mensch, Tier und Umwelt. "Also wir möchten rauschende Silvesterfeste, aber ohne den ganzen Dreck, Müll und die Verletzungen der Menschen", sagt Jürgen Resch. Er ist Bundesgeschäftsführer der Deutschen Umwelthilfe und vermutlich der prominenteste und entschlossenste Vorkämpfer für ein Feuerwerksverbot.

"Ich glaube, wir müssen uns einfach verabschieden von alten Technologien, die übermäßig die Umwelt belasten und eben auch Gesundheitsgefahren zur Folge haben und überwechseln zu solchen, die mindestens so viel Spaß machen wie das alte, aber sauberer und sicherer sind."

Die Deutsche Umwelthilfe ist ein gemeinnütziger Verein mit rund 430 Mitgliedern. Zu den Vereinszielen gehören unter anderem Klimaschutz und saubere Luft. Die Umwelthilfe ist als klageberechtigter Verbraucherschutzverband anerkannt. Zuletzt hat sie damit für Schlagzeilen gesorgt – denn sie hat in deutschen Städten per Gerichtsentscheid Dieselfahrverbote oder andere Einschränkungen zur Luftverbesserung erzwungen.

Hohe Feinstaubbelastung durch Feuerwerk

Ohne Klagen, aber mit viel Überzeugungsarbeit versucht die Umwelthilfe auch ein Verbot privater Feuerwerke zu erreichen. Vor allem wegen des Feinstaubs: "Die Dieselfahrzeuge haben jetzt Partikelfilter, die Benzin-Fahrzeuge endlich auch. Aber durch das Silvesterfeuerwerk wird so viel Feinstaub in die Luft geblasen, innerhalb von zwei Stunden, wie vom gesamten Straßenverkehr in Deutschland in zwei Monaten. Das muss man sich mal von der Größenordnung klar machen", so Jürgen Resch.

Menschen schießen vor dem Denkmal am Deutschen Eck in der Nacht Raketen in die Luft. (Thomas Frey / dpa) (Thomas Frey / dpa)Initiativen für ein Böllerverbot - Gegen den giftigen Feinstaub zu Silvester
Das Silvesterfeuerwerk sorgt für ähnlich viel Feinstaub wie der Straßenverkehr in zwei Monaten. Nicht nur deshalb gibt es Initiativen, die sich für ein Böller-Verbot einsetzen – mit dem aktuellen Recht ist dies aber nur begrenzt durchsetzbar.


Feinstaub: Das sind winzig kleine Teilchen in der Luft, die nicht direkt zu Boden sinken und mit bloßem Auge nicht zu erkennen sind. Feinstaub kommt aus allen möglichen Quellen. In Ballungsgebieten ist der Straßenverkehr einer der Hauptverursacher – wobei die Partikel nicht nur aus den Motoren kommen, sondern auch durch Reifenabrieb und Aufwirbelung von der Straßenoberfläche entstehen. Feinstaub entsteht auch in Kraftwerken, in Müllverbrennungsanlagen, in Öfen und Heizungen, bei der Metall- und Stahlerzeugung, beim Umschlagen von Schüttgütern, in der Landwirtschaft.

"Die Wissenschaftler vermuten, dass es keine Schwelle gibt, unterhalb derer der Feinstaub nicht schädlich ist", sagt Ute Dauert. Die studierte Meteorologin und arbeitet beim Umweltbundesamt, der zentralen Umweltbehörde der Bundesrepublik. Dort leitet sie den Fachbereich zur Beurteilung der Luftqualität. "Was natürlich bedeutet, dass alles, was zur Reduzierung der Feinstaubbelastung getan wird, sich positiv auf die Gesundheit der Menschen auswirkt."

Medizinische Illustration einer Fötusentwicklung in der neunten Woche (Imago / Stocktrek Images ) (Imago / Stocktrek Images )Ruß in der Plazenta - Feinstaubbelastung im Mutterkuchen
Die Plazenta versorgt das Ungeborene im Mutterleib mit Sauerstoff und Nährstoffen. Es hält aber auch einige Schadstoffe davon ab, bis zum Fötus vorzudringen. Nun haben Forscher nachgewiesen, dass Rußpartikel bis in die Plazenta vordringen können.

Mediziner machen Feinstaub für vielfältige Gesundheitsprobleme verantwortlich. Je kleiner die Partikel sind, desto schädlicher sind sie, weil sie dann tiefer in den Körper eindringen und nicht mehr ausgeatmet werden können. Ultrafeine Partikel können Studien zufolge über die Lungenbläschen sogar in die Blutbahn vordringen und sich im Körper verteilen.

Das Einatmen von Feinstaub kann zu Husten und Atemwegsproblemen führen bis hin zu Asthmaanfällen und sogar Lungenkrebs, auch Herz-Kreislauf-Beschwerden können durch Feinstaub ausgelöst oder verstärkt werden. Neuere Untersuchungen lassen vermuten, dass Feinstaub auch die Hirnfunktion beeinflusst.

Feinstaub-Spitzenwerte in der Silvesternacht

In der Europäischen Union gelten Grenzwerte für Feinstaub: So darf der Tagesmittelwert von 50 Mikrogramm pro Kubikmeter an höchstens 35 Tagen im Jahr überschritten werden, insgesamt gilt ein Jahresmittelwert von 40 Mikrogramm als Grenzwert. Die Weltgesundheitsorganisation WHO empfiehlt einen deutlich niedrigeren Jahresmittelwert von höchstens 20 Mikrogramm pro Kubikmeter.

In der Silvesternacht werden diese Werte vor allem in den deutschen Großstädten um ein Vielfaches überschritten. "In der Silvesternacht haben wir in Deutschland die höchste Feinstaubbelastung, wenn wir auf die stündlichen Werte schauen, also wirklich extreme Spitzen, die Werte erreichen 1.000 Mikrogramm pro Kubikmeter und mehr. Solche hohen Werte haben wir sonst an keinem anderen Tag im Jahr in Deutschland", sagt Ute Dauert vom Umweltbundesamt.

Feuerwerksraketen explodieren in der Silvesternacht über München und hüllen die Innenstadt in dichten Rauch (dpa/Matthias Balk)An keinem anderen Tag im Jahr ist die Feinstaubkonzentration pro Stunde höher als in der Silvesternacht (dpa/Matthias Balk)

Thomas Schreiber, der Geschäftsführer des Feuerwerksherstellers Weco, der zugleich Vorsitzender des Verbands der pyrotechnischen Industrie ist, will das so nicht stehen lassen. Der Feinstaub, der durch Feuerwerk entstehe, sei weniger gefährlich als der Feinstaub etwa im Straßenverkehr:

Das ist ein vollkommen anderer Feinstaub als bei uns. Der Feinstaub, der bei Feuerwerksemmissionen entsteht, ist wasserlöslich und findet bei Effektauswirkungen in 30, 40 oder 50 Metern Höhe statt. Wenn die Sachen dann zu Boden kommen, sind die in Wasser gelöst oder überhaupt nicht mehr da, nicht mehr spürbar. Das hat überhaupt nichts mit dem Feinstaub zu tun, der durch den Kraftstoff entsteht."

Das will Schreiber sogar wissenschaftlich belegen lassen; die Branche hat entsprechende Untersuchungen in Auftrag gegeben.

Harte Frontstellung zwischen Industrie und Umwelthilfe

Jürgen Resch von der Umwelthilfe hält davon nichts: "Wir sagen ja auch bei der Gesundheitsbetrachtung von Zigaretten, dass die Gutachten, die die Zigarettenindustrie vorgelegt hat, dass die vielleicht nicht so ganz neutral sind. Also wenn Doktor Marlboro sagt, Rauchen gefährdet die Gesundheit nicht, dann wäre ich auch bei der pyrotechnischen Industrie vorsichtig, wenn die etwas sagen."

Jürgen Resch von der Umwelthilfe und Thomas Schreiber als Vertreter der pyrotechnischen Industrie sind sich noch nicht persönlich begegnet. Sie sprechen viel übereinander - aber noch nie haben sie miteinander gesprochen. Ihre Argumente markieren eine harte Frontstellung. Da mag es helfen, die Zahlen und Daten zurate zu ziehen, die das Umweltbundesamt an seinen rund 450 Messstellen in Deutschland erhebt.

Dass der Feinstaub der Feuerwerksraketen weniger gesundheitsschädlich sei als anderer Feinstaub, kann Ute Dauert nicht bestätigen:

"Da gucken wir einfach auf die Messdaten, die wir aus der Silvesternacht haben. Und da haben wir eben alle Partikelgrößen bis hin zu den Ultrafeinstäuben. Und alle diese Partikelgrößen zeigen einen extremen Anstieg in der ersten Stunde des neuen Jahres, und alle Partikelgrößen zeigen Werte in Höhen, wie wir sie sonst nicht haben im Jahr. Und da kann man jetzt nicht unterscheiden und sagen, der Feinstaub ist jetzt nicht so gesundheitsschädlich wie das, was etwa aus dem Verkehrsbereich, aus Holzheizung oder aus der Landwirtschaft kommt."

Zur Wahrheit gehört aber auch: Die Spitzenwerte in der Silvesternacht sind kurzzeitige, einmalige Spitzenwerte. 4.500 Tonnen Feinstaub werden laut Umweltbundesamt durch das Feuerwerk freigesetzt - das sind aber eben nur zwei Prozent der gesamten jährlichen Feinstaubemissionen in Deutschland.

Verletzungen, Müll – weitere Argumente gegen die Böllerei

Ute Dauert interpretiert die Zahlen mit wissenschaftlicher Sachlichkeit: "Es gibt wirklich viele Quellen und große Quellen, die wir betrachten müssen und von daher ist das Silvesterfeuerwerk als Beitrag sicher eine der kleineren Quellen."

Die permanente Feinstaubbelastung, die vor allem in vielen deutschen Großstädten über den Empfehlungswerten der Weltgesundheitsorganisation liegt, bekommt man also wohl kaum in den Griff, indem man das Feuerwerk in der Silvesternacht verbietet.

Allerdings gibt es weitere Argumente gegen die Böllerei: "Die Feuerwerke haben noch andere Effekte, wie eben, sie erzeugen extreme Müllmengen. Zum Beispiel in den fünf großen Städten Berlin, München, Hamburg, Frankfurt und Köln waren es etwa 191 Tonnen in der letzten Silvesternacht, also das sind extreme Müllberge", sagt Ute Dauert vom Umweltbundesamt.

Die Reste abgebrannter Silvesterknaller und große leere Böller-Batterien (Müll) liegen am Neujahrsmorgen zusammengefegt am Straßenrand in einer Starße in Berlin (dpa/Peter Zimmermann)Überreste einer licht- und lautstarken Silvesternacht: Müllberg am Neujahrsmorgen in Berlin (dpa/Peter Zimmermann)

"Stellt einer das Oktoberfest in Frage, weil Tausende Tonnen Müll entstehen? Ne. Keiner. Aber Feuerwerk soll verboten werden. Verstehen wir nicht", kontert Thomas Schreiber vom Feuerwerkshersteller Weco. Zumal die Branche daran arbeite, Müll und Verpackung zu reduzieren oder auf kompostierbare Materialien umzustellen.

Ein weiteres Argument gegen privates Feuerwerk sind die tausenden Verletzungen: abgerissene Finger zum Beispiel, Verbrennungen, Gehörschäden. Für Ärzte und Sanitäter ist die Silvesternacht erfahrungsgemäß ein Ausnahmezustand.

Kommunen können Verbote aussprechen

Die Unfälle haben meistens etwas mit falscher Handhabung des Feuerwerks zu tun, wohl auch mit dem Alkoholpegel der Anwender – oder aber mit illegalen Feuerwerkskörpern, die hierzulande nicht zugelassen sind und etwa über das Internet bestellt werden. Und nicht zuletzt gibt es in der Silvesternacht Menschen, die Raketen und Böller als Waffen missbrauchen und damit beispielsweise Polizisten angreifen.

In Randale-gefährdeten Straßen oder Vierteln können Städte und Kommunen die Böllerei schon heute verbieten. "Das ist halt ein bisschen juristisch. Das allgemeine Ordnungsrecht, da können sie in bestimmten Bereichen ein Verbot erlassen, wenn eine konkrete Gefahr für Leib und Leben besteht", erklärt Gerd Landsberg, Hauptgeschäftsführer beim Deutschen Städte- und Gemeindebund. Ein Böllerverbot gibt es zum Beispiel in Köln rund um den Dom oder in Berlin am Hermannplatz.

Straßenschild in München in der Nähe des Marienplatzes verbietet das abfeuern von Feuerwerk an Silvester (imago/Overstreet)Auch in der Münchner Innenstadt gilt in diesem Jahr an Silvester ein Feuerwerksverbot (imago/Overstreet)

Auch dort, wo es eine erhöhte Feuergefahr gibt, in Orten mit historischen Bauten, Fachwerkhäusern oder Reetdächern können Kommunen ein Feuerwerksverbot aussprechen. So regelt es die Sprengstoffverordnung. Landsberg: "Wir können nach der Sprengstoffverordnung bestimmte Bereiche, vorm Krankenhaus, vorm Altenheim, oder wenn die Bausubstanz feuergefährdet ist: Da können wir das machen."

"Der Schutz von Gebäuden ist relativ einfach. Der Schutz von Menschen, die ganz besonders unter Feinstaub leiden, zum Beispiel Asthmatiker - allein in Berlin 50.000 asthmakranke Kinder - der ist ausgesprochen schwierig", entgegnet Jürgen Resch von der Deutschen Umwelthilfe. "Deswegen meinen wir, dass die Menschen mindestens genauso geschützt werden müssen wie historische Gebäude."

Silvester 2.0: Laser und Licht statt Schwarzpulver

Resch fordert deshalb eine Verschärfung der Sprengstoffverordnung. Das Bundesinnenministerium hat eine Gesamtüberarbeitung des Sprengstoffrechts angekündigt, allerdings erst für die nächste Legislaturperiode, also voraussichtlich frühestens 2021.

Auf Nachfrage des Deutschlandfunks erklärte das Ministerium: "In diesem Rahmen wird auch zu prüfen sein, inwieweit die bisherigen Regelungen zur Nutzung von Feuerwerk zum Jahreswechsel gegebenenfalls anzupassen sind, etwa im Hinblick auf möglicherweise veränderte Rahmenbedingungen, wie erhöhter Gefährdungslagen in Großstädten oder einer sich verändernden Akzeptanz in der Bevölkerung."

Wie die Prüfung ausfällt und ob daraus tatsächlich striktere Regelungen folgen werden, ist heute nicht absehbar. Die Deutsche Umwelthilfe will ohnehin nicht so lange warten. Sie hat 98 Städte mit hoher Feinstaubbelastung aufgefordert, die private Böllerei in der Silvesternacht zu verbieten.

Jürgen Resch plädiert für ein sogenanntes Silvester 2.0: Städte sollen als Ersatz fürs Feuerwerk Licht- und Lasershows anbieten. Als vorbildlich nennt er etwa Landshut in Bayern, wo Feuerwerk wegen Brandgefahr in der historischen Innenstadt seit dem vergangenen Jahr verboten ist und es stattdessen eine große Lasershow mit Musik gibt.

24.07.2019, Berlin: Jürgen Resch (r), Bundesgeschäftsführer Deutsche Umwelthilfe, spricht auf einer Pressekonferenz der Deutschen Umwelthilfe, bei der Straßen-Abgasmessungen an Lkw und Manipulationen der Abgasanlagen präsentiert werden. Foto: Jörg Carstensen/dpa | Verwendung weltweit (picture alliance / Jörg Carstensen / dpa)Jürgen Resch von der Deutschen Umwelthilfe plädiert für Laser- und Licht anstelle von Schwarzpulver (picture alliance / Jörg Carstensen / dpa)

Jürgen Resch: "Um die Luft sauber zu bekommen, sollten wir die 500 Jahre alten Schwarzpulver-Techniken hinter uns bringen und mit modernen und sauberen Instrumenten, nämlich Laser und Lichtstrahlern, mit tanzenden Drohnen, die beleuchtet sind und mit mehr Sound als ‚bumm bumm‘, sollten wir dann Silvester würdig feiern."

Mehrheit der Deutschen will kein Komplett-Verbot

In vielen anderen europäischen Ländern ist privates Feuerwerk unüblich oder stark eingeschränkt, so zum Beispiel in Frankreich oder in Dänemark. In vielen europäischen Metropolen ist das private Böllern verboten, vielerorts gibt es aber große öffentlich organisierte Feuerwerke.

Jürgen Resch wünscht sich eine solche Kehrtwende auch für Deutschland: "Wir haben kaum ein industrialisiertes Land, das es erlaubt, pyrotechnische Knaller und Raketen in der Innenstadt abzufeuern. Das ist fast überall verboten. Nur in Deutschland hat es diese Branche geschafft, diesen Anachronismus in die Neuzeit zu ziehen."

Ende vergangenen Jahres hat das Meinungsforschungsinstitut YouGov die Deutschen zum Feuerwerk befragt: Eine Mehrheit sprach sich dafür aus, Silvesterknaller in dicht besiedelten Innenstädten zu verbieten. Doch nur etwa 40 Prozent der Befragten gaben an, ein komplettes Feuerwerksverbot zu befürworten.

Auch Gerd Landsberg vom Deutschen Städte- und Gemeindebund hält nichts von flächendeckenden Verboten - es gebe dafür auch keine Rechtsgrundlage: "Ich halte die Rechtsauffassung der Deutschen Umwelthilfe für nicht zutreffend. Also so einfach ist das in Deutschland nicht. Das ist eben auch ein Ausdruck von Freiheit, wenn man so will."

Zumal ein solches Verbot ja auch durchgesetzt werden müsse. So lange die Feuerwerkskörper verkauft werden dürfen, sei das kaum machbar: "Jeder weiß, was am Silvesterabend in deutschen Städten los ist. Da haben wir noch ein paar andere Sorgen, als ob der eine oder andere Bürger eine Rakete von seiner Terrasse oder seinem Balkon startet."

Ein vollständiges Feuerwerksverbot wird es in Deutschland so bald also wohl nicht geben. Zur Freude all jener, die das neue Jahr mit Böllerei begrüßen wollen. Und zur Erleichterung derjenigen, die damit ihr Geld verdienen. So bleibt es den Bürgern nun selbst überlassen, mit wie viel Feinstaub, Müll und Lärm sie den Jahreswechsel feiern wollen.

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