Samstag, 04. Februar 2023

Todestag des Schriftstellers
Théophile Gautier - "ausschließliche Liebe zum Schönen“

Ursprünglich wollte er Maler werden. Doch die frühe Bekanntschaft mit Victor Hugo machte Théophile Gautier zu einem Literaten der französischen Romantik - und Bekenner der Ideale des L’art pour l’art, einer formvollendeten Kunst ohne äußere Zwecke.

Von Christoph Vormweg | 23.10.2022

"Der Tod des Kapitän Fracasse", Bild von Felix Bracquemond nach dem Mantel-und-Degen-Roman "Le Capitaine Fracasse" von Théophile Gautier.
"Der Tod des Kapitän Fracasse", Bild von Felix Bracquemond nach dem Roman "Le Capitaine Fracasse" von Théophile Gautier. (picture alliance / Heritage Art / Heritage Images / Felix Bracquemond)
Eigentlich will er Maler werden. Doch 1829 wird Théophile Gautier dem führenden Kopf der französischen Romantiker vorgestellt: Victor Hugo. Der 17-Jährige fängt sofort Feuer. Mit seinem neuen Vorbild nimmt er den Kampf gegen die Klassizisten mit ihren strengen Einheitsregeln auf: gegen die sogenannte Hydra des Perückentums. Victor Hugos Vorwort zu seinem Drama „Cromwell“ ist für Théophile Gautier Kult. Denn es fordert die modernen Dichter auf, nicht nur das Erhabene und Gute darzustellen, sondern auch das Groteske, Hässliche und Schlechte.
„Das Cromwell-Vorwort leuchtet uns vor Augen wie die Gesetzestafeln auf dem Sinai. Die Schmähungen (...) gegen den Meister (…) versetzen uns in wilden Zorn.“

Als Théophile Gautier mit kirschroter Weste provoziert

So kommt es im Februar 1830 während der Uraufführung von Victor Hugos Drama „Hernani“ zu einer legendären Saalschlacht. In der Comédie-Française treffen nicht nur zwei völlig verschiedene Theatergeschmäcker aufeinander, sondern auch konträre Mode-Auffassungen. Théophile Gautiers kirschrote Weste ist Provokation pur und sofort in aller Munde: „Ja, die Ochsen sollen heute Rot sehen und Verse von Victor Hugo hören.“
Schon bald zeichnet sich Théophile Gautier aber auch durch seine eigene Feder aus. Zwar ist sein Traum vom unabhängigen Schriftsteller durch die fehlgeschlagenen Spekulationen seines Vaters an der Pariser Börse geplatzt. Doch seine Literatur-, Kunst- und Theaterkritiken werden genauso geschätzt wie seine Opernlibretti, Dramen und Reiseberichte aus Italien, Deutschland, Russland oder Algerien.

Erzähler mit "detailversessener Genauigkeit“

Viele Texte von Gautier werden vertont. Seine phantastischen Erzählungen wie „Avatar“ und Romane wie „Mademoiselle de Maupin“ erscheinen zuerst in Zeitungen. Denn er muss seine Frau, drei Kinder und zwei unverheiratete Schwestern ernähren. Der Literaturwissenschaftler und Gautier-Übersetzer Holger Fock:
„Bei aller erzählerischen Strenge macht Gautier nie einen angestrengten Eindruck. Mit traumwandlerischer Sicherheit und Leichtigkeit führt er den Leser durch seine Geschichten, erzählt sie mit detailversessener Genauigkeit.“
Ein Roman muss nicht belehrend oder erbaulich, sittlich oder wahrhaftig sein. Für Gautier sind das keine künstlerischen Kriterien. Ein Roman soll nur schön sein.“

Bewundert von Balzac und Flaubert

1835 bekennt sich Gautier zu den Prinzipien des „l´art pour l´art“. Sie preisen das Ideal einer formvollendeten Kunst ohne äußere Zwecke. Sein stilistisches Können wird von den größten französischen Schriftstellern des 19. Jahrhunderts bewundert: von Honoré de Balzac bis hin zu Gustave Flaubert.
„Das ist mit der Besessenheit eines Malers ersonnen.“, lobt der Dichter Charles Baudelaire, der ihm seine berühmten „Blumen des Bösen“ widmet: „Gautier bedeutet die ausschließliche Liebe zum Schönen in all seinen Formen, in der geeignetsten Sprache ausgedrückt.“ Hier  Gautiers Gedicht „Die Kunst“:
„Auch Götter müssen sterben.

Doch Strophen himmelwärts

          Vererben

Sich länger noch als Erz.“
„So meißle, furche, feile!

Ein Siegel sei dein Traum!

      Er weile,

Geprägt im spröden Raum!“
Auch in der Prosa schafft es Gautier, seine Leserinnen und Leser mit wenigen Worten in ein Bild hineinzuversetzen: so in seiner um das Motiv des „bösen Blicks“ kreisenden Novelle „Jettatura":
„Auf dem Oberdeck (...)standen Engländer, die versuchten, sich (…) abzugrenzen und eine unüberwindbare Linie um sich zu ziehen; ihre blasierten Gesichter waren sorgfältig rasiert, […] ihre Hände steckten in neuen Handschuhen aus Dänischleder, und auf den neuen Schuhen glänzte Lord Elliots Schuhfirnis. Sie sahen aus, als wären sie einem Fach ihres Necessaires entsprungen.“

Langhaarig im Club der Haschischesser

Théophile Gautier verkehrt in verschiedenen Pariser Schriftsteller-Zirkeln: im Cénacle von Victor Hugo, im Club der Haschischesser und bei den von ihm angeregten Parnassiens. Langhaarig und mit Schnäuzer, bleibt er bis zu seinem Tod am 23. Oktober 1872 ein kritischer Geist. Auch die Antibürgerlichkeit der Bohemiens attackiert er: wegen ihrer Oberflächlichkeit. Die Dichtung aber will er freihalten von moralischen oder politischen Eingriffen. Sie soll rein bleiben und nur die stilistische Formvollendung als Ziel haben.