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StartseiteEuropa heuteGemeinsam gegen den Rechtsruck20.09.2019

Thinktank in ÖsterreichGemeinsam gegen den Rechtsruck

Stadtteilforschung, Klimakatastrophe, Erbschaftsteuer: Eine unabhängige Online-Denkfabrik will mit fundierten Recherchen zu einer gerechten Gesellschaft beitragen. Ziel ist es, eine breite Masse zu erreichen und die liberale Öffentlichkeit in Österreich zu stärken.

Von Antonia Kreppel

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Demonstration gegen Schwarz-Blau Gemeinsam gegen Rechtsruck, Rassismus und Sozialabbau". (picture alliance / APA / picturedesk.com / Hans Punz)
Ende 2018 demonstrierten die Menschen in Wien gegen den Rechtsruck und Sozialabbau (picture alliance / APA / picturedesk.com / Hans Punz)
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Mitten im Raum steht ein langer Tisch mit vielen Bildschirmen. Nackte Glühbirnen hängen von der Sichtbetondecke, die Wand ist aus rohem Ziegelstein: eine Arbeitswerkstatt. Hier entsteht das "Projekt 360", das dieser Tage online geht. Eine Denkfabrik mit eigenem online-Medium, für alle Interessierten frei zugänglich, von Parteipolitik und Konzernlobbys unabhängig. Das ambitionierte Ziel wörtlich: "Durch fundierte Recherchen, aktuelle Analysen und neue Perspektiven wollen wir zur Entwicklung konstruktiver Lösungen für eine gerechte Gesellschaft beitragen".

"Na ja das ist ein sehr interessantes Projekt, das wir verfolgen, dass wir aufzeigen wie Sozialpolitik funktioniert, wie Wirtschaftspolitik betrieben wird, wie man da eingreifen kann, dass es für alle Leute gerecht zugehen wird. Da gibt’s viel zu tun, da ist Potenzial."

Dieser Beitrag gehört zur fünfteiligen Reportagereihe "Immer wieder Rechtswalzer - Österreich nach "Ibizagate" und vor der Wahl".

Gerade arbeitet er an einer ganz speziellen Einkommens-Grafik. "Wir wollen damit möglichst einfach verständlich zum Ausdruck bringen, dass sich die meisten Menschen zur Mittelschicht zählen, obwohl sie möglicherweise viel reicher sind oder auch ärmer und da rätseln wir gerade wie das grafisch darstellbar ist und sind noch zu keinem Ergebnis gekommen.

Das Gründungsduo des Projekts sitzt bei einer Arbeitsbesprechung im geschützten Innenhof des Büros: die Wiener Germanistin Barbara Blaha und der Linzer Wirtschaftswissenschaftler Leonhard Dobusch:

"Unser Zugang zu dem Projekt war, dass wir gesagt haben, eigentlich fehlt in der Debatte meistens die Perspektive jener, die politische Entscheidungen tatsächlich täglich betreffen, jene Menschen, die ganz normale Leben führen, keine Eigentumswohnung haben. Gleichzeitig sind wir die ganze Zeit konfrontiert mit dem Mantra der Alternativlosigkeit: Aus wirtschaftlichen Gründen müssen wir alle den Gürtel enger schnallen, müssen wir den Sozialstaat kürzen, müssen wir mit den Löhnen runter, man kennt das ja. Und dem was entgegenzusetzen auf wissenschaftlicher Basis, fakten -und lösungsorientiert, das war ein eine Idee, die mich schon lange umgetrieben hat. Und nicht zuletzt auch durch den Regierungswechsel war das so ein letzter Stein des Anstoßes mir zu denken, ja worauf sollen wir den warten, irgendwer muss es einmal versuchen."

Brücken bauen zwischen Wissenschaft und öffentlichem Diskurs

Wie sieht das konkret aus? Leonhard Dobusch möchte als Universitätsprofessor für Organisation sich dafür einsetzen, unabhängige Studien in allgemein verständlicher Form online zu stellen. "Als Sozialwissenschaftler einer Universität bemerke ich, wie wissenschaftliche Theorie, wissenschaftliche Studien, einen großen Einfluss auf politische Entscheidungen haben, aber da oftmals nicht unbedingt die sauberste Arbeit Gehör findet, sondern die vielleicht am besten aufbereitete, die am besten kommunizierte. Und ich glaube, es ist sinnvoll, dass es hier ein Projekt gibt, das versucht, auf einer unabhängigen Basis auch sich dieser Übersetzung von sozialwissenschaftlicher Forschung in allgemein verständliche konkrete Vorhaben, Projekte, Themen zu widmen."

Eine Brücke bauen zwischen Wissenschaft und öffentlichem Diskurs, in einem digitalen Medium eine kritische Masse erreichen, daran arbeitet das Team mit vollem Einsatz. Barbara Blaha ist eine Kämpfernatur. Das hat sie bewiesen, als sie als einzige von sieben Kindern einer Arbeiterfamilie ein Studium durchgeboxt hat; als sie, dreiundzwanzig Jahre jung, als Vorsitzende der Österreichischen Hochschülerschaft aus der SPÖ austrat, aus Protest, weil die Partei die Studiengebühren nicht abschaffte. Zierlich und schwarz gekleidet sitzt die 35-Jährige in dem leicht verwilderten Hinterhof; hier im 15.Wiener Gemeindebezirk mit den vielen türkischen Geschäften fühlt sie sich wohl.

"Der 15. Bezirk ist der ärmste Bezirk Wiens. Aber das Spannende an dem Bezirk, und deshalb sind wir hier auch genau richtig: Da gibt’s schöne wissenschaftliche Untersuchungen, die sagen, das ist einer der wenigen Bezirke, die einen hohen Migrationsanteil haben, mit einem hohen Lohndruck zu kämpfen haben, aber die Einstellung der Menschen neuen Leuten gegenüber, Migranten gegenüber, ist ganz offen und gar nicht ablehnend und abgrenzend. Warum ist das so, gerade im 15., wo doch die Verhältnisse angespannt sind. Und eine der Thesen war, dass der 15. dadurch, dass die Bahnlinie mit dem Westbahnhof quer durch den Bezirk geht, nie eine geschlossene Bezirksidentität entwickelt hat. Sondern automatisch klar war, hier kommen neue Leute an und die gehören irgendwie dazu."

Stadtteilforschung, aber auch weitumgreifende politische Themen wie Klimakatastrophe als soziale Frage, Erbschaftsteuer, öffentliche Pflegeversicherung sollen in der Online-Denkfabrik vorgestellt und diskutiert werden; nicht nur auf der Textebene, sondern auch mit Bildern und Videos.

Porträts, Interviews, Videos mit Menschen, die das tatsächlich betrifft, diese politische Entscheidung. Die möchte ich hören; es ist ja ihr Leben, mit dem da umgegangen wird. Und auch ganz konkrete politische Ideen sollen angestoßen werden. "Wenn ich daran denke, dass die Schweden vor zwei Jahren schon die Mehrwertsteuer auf Reparaturen abgeschafft haben: Es ist nur ein winziges Schräubchen, die wenigsten Leute wissen davon. Die Idee ist simpel. Ist es billig, lass ich es eher reparieren, als dass ich wegschmeiße. Gleichzeitig schaff ich dadurch Arbeitsplätze, weil Menschen können diese Dinge reparieren. Solche politischen Ideen bekannter zu machen, das wird auch unser Auftrag sein."

Eine "Agenda du und ich" soll dieser Onlinemix aus wissenschaftlichen Studien und allgemein verständlichen Hintergrundberichten sein, ohne Blockdenken links/rechts, parteiunabhängig und finanziell breit aufgestellt, unterstützt von vielen Privatpersonen mit kleinen und einigen großen Spenden. Ein idealistisches Projekt, aber Barbara Blaha hat schon viel gestemmt.

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