Homosexualität im Fußball
Ex-Fußballer Hitzlsperger: "Die Welt ist gar nicht so böse"

Thomas Hitzlsperger ist der einzige deutsche Profifußballer, der sich als homosexuell geoutet hat. Es gebe immer noch Angst, als Homosexueller ausgegrenzt zu werden, so der Ex-Nationalspieler. Seine Ängste hätten sich aber nicht bestätigt.

Thomas Hitzlsperger im Gespräch mit Maximilian Rieger | 03.03.2024
Ex-Fußballer Thomas Hitzlsperger im Porträt.
Zehn Jahre liegt das Coming-out von Ex-Fußballprofi Thomas Hitzlsperger mittlerweile zurück. Einiges hat sich geändert in der Welt des Fußballs. Aber bis heute ist Hitzlsperger kein weiterer deutscher Spitzenfußballer gefolgt. (Imago / Sportfoto Rudel / Robin Rudel)
Deutscher Meister 2007 mit dem VfB Stuttgart, Vize-Europameister mit der Nationalmannschaft 2008 – Thomas Hitzlsperger blickt auf eine erfolgreiche Fußballer-Karriere zurück. Geschichte schreibt er aber ein halbes Jahr nach seinem Karriereende. Im Januar 2014 bekennt er sich in einem Interview mit der ZEIT zu seiner Homosexualität – als erster deutscher Profifußballer überhaupt.
„In den Jahren zuvor gab es immer wieder Kommentierungen rund um dieses Thema und vieles daran hat mich gestört, weil es immer ganz banal hieß: Die Fans sind das Problem“, erzählt Hitzlsperger zehn Jahre nach seinem Coming-Out im Deutschlandfunk-Sportgespräch.

Die Atmosphäre in der Kabine ist homophob

Er habe aber andere Schwierigkeiten gehabt. Zum Beispiel die Atmosphäre in manchen Kabinen. „Ich habe erlebt, dass Spieler teilweise schon klargemacht haben, dass sie sich nicht mit einem schwulen Mannschaftskollegen umziehen würden, dass sie nicht mit dem spielen würden.“
Auch wegen dieser Angst, ausgegrenzt zu werden, habe er sich erst nach dem Ende seiner aktiven Karriere geoutet – am Ende eines langen Prozesses. Zehn Jahre später zieht er für sich persönlich eine positive Bilanz. „Die Ängste waren vorher viel größer. Wenn es mal ausgesprochen ist, ist es gar nicht so schlimm. Die Welt ist gar nicht so böse, wie ich mir das vielleicht in den Jahren zuvor ausgemalt habe.“ Dazu gehöre aber auch, dass er in Deutschland durch das Gesetz geschützt sei.

"Kein reines Problem des Fußballs"

Trotzdem ist Hitzlsperger immer noch der einzige Profifußballer, der offen homosexuell lebt. Dass selbst ehemalige Fußballer sich nicht outen, sei kein reines Problem des Fußballs. „Wenn Leute sich nach der Karriere nicht trauen, darüber öffentlich zu sprechen, dann zeigt mir das, dass es ein gesellschaftliches Thema ist, dass eine gewisse Angst vorherrscht, anders zu sein und nicht dazuzugehören.“
Eine Initiative von Marcus Urban könnte helfen, dieses Tabu aufzubrechen. Urban ist ehemaliger Jugendnationalspieler, hat seine Karriere aber frühzeitig beendet, weil der Druck, seine Homosexualität zu verstecken, zu groß gewesen ist. Er hat angekündigt, dass sich am 17. Mai eine Gruppe von schwulen Fußballern gemeinsam outen werde. „Es gibt gute Gründe dafür, dass auf mehrere Schultern zu verteilen“, sagt Hitzlsperger, der selbst bisher keinen Kontakt zu der Gruppe hat. „Ich hoffe, dass sich alle Beteiligten wohlfühlen und dann das passiert, wie bei mir auch. Dass man sagt: Das war richtig, das zu tun und dass sie dann auch weiterhin so Fußball spielen können, wie sie sich das vorstellen.“

"Schwul oft in Verbindung mit negativem"

Dass es im Fußball immer noch Probleme mit Homophobie gibt, zeigt aber ein aktueller Vorfall in Österreich. Nach dem Derby-Sieg gegen Austria Wien haben Spieler und Co-Trainer von Rapid Wien die Gegner in einem Lied als „schwule Veilchen“ bezeichnet. Die Liga hat daraufhin Ermittlungen gegen alle Beteiligten aufgenommen.
Für Hitzlsperger zeigt der Fall zwei Dinge: „Dass ‚schwul‘ oft in Verbindung mit negativem erwähnt wird, das ist so ein Automatismus, die Leute denken nicht darüber nach. Aber es zeigt erfreulicherweise auch die Erkenntnis beim ein oder anderen, auch von Verbandsseite: Das wollen wir sanktionieren.“  
"Wir leben Vielfalt" steht in Regenbogenfarben am Dach des Stadions vom SC Paderborn.
Regenbogenfarben sind in vielen Bundesligastadien mittlerweile allgegenwärtig - wie hier beim Zweitligisten SC Paderborn. (dpa / picture alliance / Friso Gentsch)
Zudem sei es für viele Verbände und Vereine selbstverständlich geworden, Regenbogenflaggen in Stadien zu zeigen. Gleichzeitig beobachtet der Ex-Profi eine „Doppelmoral“: Wenn Vereine sich für Vielfalt einsetzen, sich aber dann ihre Spieler homophob äußern. „Da kommen Vereine immer wieder in Erklärungsnot, wenn sie feststellen: Der Spieler ist aber so wichtig, wir können den nicht rausschmeißen. Dann findet man eine Erklärung, warum das schon zusammenpasst. Das ist halt Fußball.“

Die "Doppelmoral" im Profifußball

Ein Beispiel hierfür sei die Verpflichtung von Felix Nmecha von Borussia Dortmund, obwohl der Mittelfeldspieler homophobe und transfeindliche Inhalte geteilt hatte. Diverse BVB-Fans hatten den Transfer mit Verweis auf das Leitbild des Vereins kritisiert. Die Geschäftsführung um Hans-Joachim Watzke hat aber nach einem Gespräch mit Nmecha betont, dass dieser nicht homophob sei. „Man macht es passend“, so Hitzlsperger.
Die organisierten Fans interessierten sich immer mehr für das, was der Verein macht. „Verantwortliche können nicht mehr nur irgendwelche Parolen von sich geben und glauben, es wird nicht überprüft.“ Gleichzeitig nutzen auch Fans das Stadion, um Aufmerksamkeit für bestimmte Themen zu generieren.

Hitzlsperger befürwortet Sanktionen bei diskriminierenden Plakaten

Leverkusener Fans haben zum Beispiel ein Plakat mit der Aufschrift „Es gibt viele Musikrichtungen, aber nur zwei Geschlechter“ hochgehalten. Der DFB hat den Verein wegen Diskriminierung mit einer Geldstrafe versehen. Daraufhin haben auch Fans von anderen Vereinen ähnliche Plakate hochgehalten, obwohl seit einem Urteil des Bundesverfassungsgerichts inzwischen auch „divers“ als dritte Geschlechtsbezeichnung rechtlich verankert ist.
Thomas Hitzlsperger, ehemaliger deutscher Fußballprofi, spricht bei einem Podiumsgespräch auf der Branchenkonferenz SpoBis. Er trägt einen dunklen Anzug. Seine Hände sind geöffnet. Er gestikuliert mit den Händen.
Im Januar 2014 hat sich Ex-Fußball-Nationalspieler Thomas Hitzlsperger als homosexuell geoutet. Zehn Jahre später zieht er für sich eine positive Bilanz. (dpa / picture alliance / Christian Charisius)
Der DFB habe durch diese Plakate eine neue Aufgabe, die nicht leicht zu lösen sein werde. „Sanktionen sind immer auch wichtig“, findet Hitzlsperger. „Im besten Fall führt das später zur Aufklärung, zu einem gemeinsamen Verständnis und dann zu einer Beseitigung des Konflikts.“ Er sieht aber vor allem Bayer Leverkusen in der Pflicht, mit den verantwortlichen Fans ins Gespräch zu kommen.

Keine Einigkeit beim Thema Vielfalt in der Fußball-Natiolmannschaft

Wie schwierig es sein kann, für gewisse Werte einzustehen, hat auch die Debatte um die Regenbogen-Kapitänsbinde bei der WM 2022 in Katar gezeigt.
„Fußball erzeugt eine solche Aufmerksamkeit, dass es für die Akteure schwieriger wird, immer gute Antworten parat zu haben“, sagt Hitzlsperger auch mit Blick auf die Hockey-Nationalmannschaft, die mit Regenbogen-Kapitänsbinde Weltmeister geworden ist. Fußball-Nationalspieler würden mit vielem „überfrachtet“, auch von Seiten der Medien.
Als TV-Experte hatte sich auch Hitzlsperger vor und während des Turniers deutlich positioniert. Jetzt zeigt er sich selbstkritisch: „Die Überzeugung habe ich heute auch noch, aber ich habe gemerkt, dass wir von der Mannschaft nicht verlangen können, Symbole und Werte nach außen zu tragen, wenn sie sich nicht darüber im Klaren ist und nicht einig ist“, so Hitzlsperger. „Jeder einzelne Spieler muss für sich ein Thema finden, hinter dem er steht. Aber von einer Mannschaft können wir so etwas nicht mehr verlangen, weil es beim Thema Vielfalt einfach keine Einigkeit gibt“, ergänzt er – zumindest habe es rund um die WM so gewirkt.

"Bei der AfD müssen wir eine Grenze ziehen"

„2024 nehmen die gesellschaftspolitischen Diskussionen im Stadion rund um Fußball zu und damit müssen wir uns beschäftigen. Davor kann man nicht die Augen verschließen und sagen: Das wollen wir nicht, wir reden über Fußball. Das ist nicht mehr die Realität“, erklärt der 41-Jährige.
Dazu gehört auch die Diskussion über den Umgang mit der AfD und ihren Anhängern. Der Fußball sei zwar für alle da. „Aber bei der AfD müssen wir schon eine Grenze ziehen, also bei Leuten, die die freiheitlich-demokratische Ordnung bei uns in Gefahr bringen. Da kann man nicht mehr tolerant sein, da muss man sich klar abgrenzen“, fordert der ehemalige Stuttgarter Profi. „In dem Moment, wo man seine politischen Ansichten so sehr zum Ausdruck bringt, dass man andere ausschließt, wird es zum Problem.“