Donnerstag, 06. Oktober 2022

Vor 75 Jahren im Südpazifik
Als Thor Heyerdahl mit "Kon-Tiki" das Raroia-Riff erreichte

Mit seinem Balsa-Floß "Kon-Tiki" ließ sich der norwegische Ethnologe Thor Heyerdahl von Peru aus fast 7.000 Kilometer weit in den Pazifik treiben. Am 7. August 1947 erreichte er das Raroia-Atoll und bewies: Schon die Inka konnten bis Polynesien gelangen.

Von Irene Meichsner | 07.08.2022

"Kon-Tiki" das Floß aus Balsaholz, mit dem der norwegische Experimental-Archäologe Thor Heyerdahl, 1947 von Lima aus über den Pazifik segelte
"Kon-Tiki", Thor Heyerdahls Balsa-Holzfloß, 1947 unterwegs von Lima aus über den Pazifik (imago/United Archives International)
„Mit meiner ersten Reise zur See, mit ‚Kon-Tiki’, wollte ich beweisen, dass es möglich wäre für die alten Zivilisationen in Südamerika, nach Polynesia zu kommen. Aber alle Wissenschaftler in (der) ganzen Welt sagten, das wäre unmöglich. Denn in Amerika vor Kolumbus gab es keine Schiffe!“

Wenn sich Thor Heyerdahl einmal etwas in den Kopf gesetzt hatte, dann gab es für ihn kein Zurück mehr. Seinen legendären Ruf verdankte der Norweger seiner Fahrt mit der ‚Kon-Tiki’, einem rund 75 Quadratmeter großen Floß, das er sich aus dicken Balsa-Holzstämmen gebaut hatte. In einem Radiogespräch erinnerte sich der 80-jährige Heyerdahl 1995:
„Ich wusste nichts von Seefahrt, habe nie Balsa-Holz gesehen, aber fünf Norweger und ein Schwede in 101 Tag fuhren wir mit einem Balsa-Floß von Peru nach Polynesien. Und dann wussten wir, dass es möglich war!“

Wer hatte Polynesien besiedelt?

Auf die Idee, dass Polynesien von Südamerika aus besiedelt worden sein könnte und nicht von Asien aus, wie bislang angenommen, war Heyerdahl auf Fatuhiva gekommen. Nach dem Studium der Zoologie und Geografie hatte er ein Dreivierteljahr auf dieser kleinen Südseeinsel verbracht, um die Tierwelt zu erforschen und mit seiner Frau ein Leben fernab der Zivilisation zu führen. Auf Fatuhiva hatte er zum ersten Mal die Geschichte von ‚Kon-Tiki Viracocha’ gehört, einem Häuptling und Schöpfergott der Inkas, von dem es hieß, dass er in grauer Vorzeit mit seinen Anhängern nach Polynesien gekommen sei.

Zunächst von der Fachwelt belächelt

Zurück in Oslo, vertiefte sich Heyerdahl in die Fachliteratur. Er wusste, dass die Inkas Flöße aus Balsa-Holz besessen hatten, und er fand immer mehr Indizien, die für eine frühe Verbindung zwischen Südamerika und der Südsee sprachen. In der Fachwelt stieß Heyerdahl mit seiner Hypothese allerdings auf taube Ohren. Ein namhafter Ethnologe ließ ihn mit der spöttischen Bemerkung abblitzen, er könne ja einmal versuchen, mit einem Balsa-Floß von Peru zu den Südseeinseln zu reisen. Das wiederum ließ sich Heyerdahl nicht zweimal sagen. Am 28. April 1947 begann die abenteuerliche Fahrt für Heyerdahl und seine fünf Begleiter. Von Callao in Peru aus trieb die ‚Kon-Tiki“, von einem großes Segel beschleunigt mit dem Humboldtstrom nach Westen. Heyerdahl berichtete:
„Wir hatten ein Sextant und einen Kompass, und wir haben ein kleines Amateurradio an Bord. Aber wir konnten nicht unser Floß navigieren.“
„Das Interessante war, dass - eine Balsa-Floß ist eine fabelhafte Boot. Es ist viel besser im Ozean mit einem kleinen Boot zu fahren, das sich frei zwischen die Wellen bewegt! Das wie ein Seevogel, und wir hatten keine wirkliche Problem bis zum letzten Augenblick.“

Unsanft angelandet

Am 30. Juli kam zum ersten Mal Land in Sicht. Daran driftete das Floß aber noch vorbei. Am 7. August 1947, nach 6.980 Kilometern, lief die ‚Kon-Tiki’ dann vor dem Raroia-Atoll auf ein Riff auf. Das Floß wurde bei dem Aufprall schwer beschädigt, die Männer blieben unverletzt – und Heyerdahl triumphierte: Er hatte bewiesen, dass es die Inkas im Prinzip bis nach Polynesien hätten schaffen können. Und die vereinte Professorenschaft? Sie ging über den grandiosen Erfolg mit einem Achselzucken hinweg.

Heyerdahls Bericht - millionenfach verkauft

Umso größer war die Begeisterung beim breiten Publikum. Heyerdahls Bericht über seine Fahrt mit der ‚Kon-Tiki’ wurde in rund 70 Sprachen übersetzt und über 50 Millionen Mal verkauft. Bis zu seinem Tod 2002 blieb Thor Heyerdahl davon überzeugt, dass es schon in vorkolumbianischer Zeit Kontakte zwischen Südamerikanern und Polynesiern gab. Und zumindest partiell hatte er damit offenbar Recht.
Thor Heyerdahl (vorn) und Arbeiter beim Bau des Papyrus-Bootes in Gizeh in Ägypten 1969. Das Boot wurde nach dem ägyptischen Sonnengott "Ra" benannt. Der norwegische Forscher Heyerdahl und seine sechsköpfige, internationale Mannschaft starteten am 25.05.1969 vom Fischerhafen Safi in Marokko mit ihrem 15 Meter langen und 12 Tonnen (nach anderen Angaben 15 Tonnen) schweren Boot zu ihrer 6400 Kilometer langen Fahrt über den Atlantik gen Westen.
Thor Heyerdahl, hier 1969 vor seinem Papyrus-Boot "Ra" nach dem Vorbild ägyptischer Reliefs und Wandmalereien (picture alliance / dpa / UPI)
Einem groß angelegten Genom-Vergleich zufolge, der 2020 veröffentlicht wurde, muss es um das Jahr 1200 zu einer Begegnung zwischen Polynesiern und Ureinwohnern aus Südamerika gekommen sein. Den Daten zufolge fand dieser Kontakt auf den Marquesas statt – einer Inselgruppe nördlich des Raroia-Atolls.