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StartseiteCorso"Im Ruhrgebiet hat man das Improvisieren gelernt"03.07.2019

Till Brönner-Ausstellung "Melting Pott""Im Ruhrgebiet hat man das Improvisieren gelernt"

Deutschlands bekanntester Jazzmusiker hat das Ruhrgebiet porträtiert. „Melting Pott“ ist der multiperspektivische und subjektive Versuch von Till Brönner, das Wesen der Region zu begreifen. Eine Ausstellung, die absolut überzeugt! Zu sehen im Museum Küppersmühle Duisburg.

Von Peter Backof

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Till Brönner steht vor seiner Serie mit Stahlarbeitern von Thyssenkrupp (dpa (Rolf Vennenbernd))
Melting Pott - Musiker und Fotograf Brönner im Museum Küppersmühle (dpa (Rolf Vennenbernd))
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Till Brönner: "Den Auftrag zu bekommen, eine ganze Region zu fotografieren, das darf man erstmal getrost unterschätzen. Bis man dann merkt, was man sich da eigentlich an Land gezogen hat."

Till Brönner, Deutschlands bekanntester Jazztrompeter, hat das Ruhrgebiet fotografiert. Im Auftrag des Museums Küppersmühle Duisburg - und als "Embedded Artist": Till Brönner stammt vom Niederrhein, lebt in Berlin und Los Angeles.

Im Ruhrgebiet war er zwei Jahre lang auf Feldforschung:  Menschen und Architekturen; eine Auswahl aus 2000 Fotos ist in acht Räumen auf tausend Quadratmetern zu sehen: Und das wird gleich auf den ersten Blick in die Ausstellung "Melting Pott" deutlich: die Fotografie ist für Till Brönner kein Hobby; es ist keine Schau mit Promi-Faktor, sondern eine echte künstlerische Auseinandersetzung.

Das Kumpel-Gen

Till Brönner: "Mir ist eigentlich im Vergleich mit anderen Landstrichen und Mentalitäten in Deutschland immer aufgefallen, dass das hier schon selbstbewusste Menschen auf der einen Seite sind, aber auf der anderen Seite der Faktor ´auf dem Boden bleiben´ eine Visitenkarte ist, die automatisch immer ausgegeben wird. Es gibt einfach links und rechts immer so Menschen, die heimlich – oder gar nicht so heimlich – darauf achten, dass Du nicht aus der Reihe tanzt. Denn unter Tage, sag´ ich mal, war das früher geradezu lebensgefährlich, dass einer sich nicht so verhalten hat, wie man das der Gemeinschaft zuliebe tun darf. Es ist sehr schwer, auch wenn das umgangssprachlich ein bisschen über die Stränge schlägt, hier in der Gegend ein so genanntes Arschloch zu finden. Weil sich das nicht besonders lohnt. Diese faulen Eier werden hier einfach schneller aussortiert, und zwar ohne Ansehung der kulturellen Herkunft."

Das berühmte Kumpel-Gen. Till Brönner hat es eingefangen - sehr berührend eingefangen! - bei der Schließung der letzten Kohlezeche, mit Zoom auf von Arbeit gezeichnete Gesichter; aber auch zum Beispiel im "Friedensdorf" in Dinslaken, wo vom Krieg versehrte Kinder leben.

Oder beim Boxtraining für Kinder in Duisburg-Bruckhausen, wo Kampfgeist und Kumpelmentalität in jungen Gesichtern geschrieben stehen. Mal dokumentarisch, mal poetisch und "glossy" in der Ästhetik ist es der direkte, unverstellte Blick. Subjektive Autorenfotografie, die ohne Klischees auskommt. Und sogar ein Foto von einer Statue von Alfred Krupp, überhöht und mit Sonnenuntergangspatina abgelichtet, ist mehr als Kitsch. Es ist für Till Brönner immer wieder die Suche nach dem einen Bild, das für das größere Ganze steht.

Das Ruhrgebiet - ein Babylon?

Till Brönner: "Bei aller Gleichmacherei, die man immer fälschlicherweise hier versucht anzudichten, ist der Ursprung dieser Region natürlich schon auch damit zu erklären, dass große Dynastien geradezu – wenn man von Krupp spricht -, angefangen haben, hier zu schürfen, buchstäblich."

So geht es hinein in die Architektur. Rolltreppe, vierspurig! - Oder Industriebauten, die Till Brönner atmosphärisch porträtiert wie den Turm Saurons in Mordor. Das Ruhrgebiet ist schon auch ein Moloch, ein Babylon?

Till Brönner: "Es ist ein Schlachtfeld auch gewesen, das Ruhrgebiet. Mit viel Rauch und Flammen. Viel Tod natürlich auch. Stahlindustrie, das ist eine gefährliche Angelegenheit. Sich bei Thyssen-Krupp zu tummeln und festzustellen, dass das wirklich eine Mad Max-artige Welt ist, das ist schon spannend. Von der Staublunge bis zum Husten, das ist natürlich nicht mehr das, was man jetzt findet. Man kann trotzdem diese Art von Mentalität nicht abschalten. Die Frage, wo geht es mit der Zukunft hin? - wird mit großer Geduld verbunden sein, so wie auch in anderen Regionen, auch in Berlin im übrigen, wo ich wohne. Auch da ist die Ungeduld immer noch viel zu groß. Plötzlich soll diese Stadt etwas sein, was sie nie war."

"Das kenne ich vom Jazz"

Das große Stichwort: Strukturwandel. Till Brönner wird bei der Erkundung dieser Metamorphose sogar zum Experimentalfotografen. Kohlenstoffstrukturen mit mikroskopischem Zoom werden zu Computerplatinen. Und er hat als Urban Explorer grüne Ecken entdeckt. Vor wenigen Jahren doch noch völlig undenkbar: Urlaub im Ruhrgebiet zu machen!?

Till Brönner: (lacht) "Ja, die schönen Seiten des Ruhrgebiets werden zu wenig beschrieben. Ich selber habe hier Gegenden kennengelernt, wo ich ohne weiteres mein Lager aufschlagen würde."

Was ist es also? "Melting Pott" - Vom dystopisch-schönen Babylon, immer noch der hellste Fleck in Europa, nachts aus der Satellitenperspektive gesehen, zum Ballungsgebiet mit Modellcharakter für das 21. Jahrhundert? Oder ist es doch so etwas wie Jazz?

Till Brönner: "Also im Ruhrgebiet hat man definitiv das Improvisieren gelernt. Und das ist ja nun mal im Jazz die wichtigste Zutat. Das kenn ich vom Jazz und das ist den Menschen hier in die Wiege gelegt. Das übersetzt man, glaube ich, weithin mit Zuversicht."
 

Die Ausstellung "Melting Pott" läuft bis  8. Oktober im Museum Küppersmühle in Duisburg.

Till Brönner - Melting Pott - Wienand Verlag 2019 -  220Seiten  35€

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