Tragischer Tod vor 335 Jahren Als sich Jean-Baptiste Lully seinen Taktstock in den Fuß rammte

Von allen Todesarten großer Musiker ist die von Jean-Baptiste Lully sicher eine der skurrilsten: Vor 335 Jahren rammte sich der Komponist und Hofdirigent von "Sonnenkönig" Ludwig XIV. in einem Wutanfall seinen schweren Taktstock in den Fuß - und starb an den Folgen der Verletzung.

Von Michael Stegemann | 08.01.2022


Szenenfoto aus "Der König tanzt: Boris Terral als Jean-Baptiste Lully Hofkomponist und Tanzlehrer Louis XIV. -  Der Film von Gérard Corbiau erzählt die Geschichte Lullys. Kinostart war 2001
Boris Terral im Film "Der König tanzt" als Jean-Baptiste Lully, cholerischer Hofkomponist und Tanzlehrer Louis XIV. (picture-alliance / dpa | dpa-Film Helkon)
Pianisten brauchen ein Klavier, Geiger eine Violine – und Dirigenten, die meisten jedenfalls: einen Taktstock. Ein Stab aus weichem Holz, zwei bis vier Millimeter dick, manchmal mit einem Griff aus Kork. Einige sind kaum länger als ein Schaschlik-Spieß, andere 30 oder 40 Zentimeter lang; der des englischen Dirigenten Henry Wood war mit 60 Zentimetern rekordverdächtig. Er dient dazu, den Takt zu schlagen und den Musikern des Orchesters Einsätze zu geben. Wenn alles gut geht, entfaltet sich die "Magie des Taktstocks" – so der Titel eines alten Buches.

Dirigieren mit zwei Meter langem "Marschallstab"

Wenn es aber nicht gut geht …? Der Dirigent Arturo Toscanini zum Beispiel war berüchtigt für seine cholerische Ungeduld. Bei Proben soll er immer wieder Partituren ins Orchester geworfen oder Musiker mit seinem Taktstock traktiert haben – was viele Probenmitschnitte belegen, wie hier 1946 zu Mozarts Haffner-Symphonie, wo Toscanini von den Streichern immer wieder längere Bogenstriche verlangt – arco, arco, arco!
Mehr als 100 Taktstöcke dürfte Arturo Toscanini in seinen legendären Wutanfällen zerbrochen haben – aber er war nicht der einzige Choleriker unter den Dirigenten. Die gab es auch schon, als es noch gar keinen Taktstock gab. Im 17. und 18. Jahrhundert dirigierte man zumeist mit einem zusammengerollten Notenblatt – außer in Versailles, am Hof der französischen Könige: Dort nutzten die Kapellmeister – die "Maîtres de chapelle" – einen bis zu zwei Meter langen, schweren und reich verzierten "Marschallstab", mit dem sie den Takt auf den Boden stampften. Ein Insignium der Macht, das ganz dem Prunk und Pomp der Musik entsprach.

Gefallener Günstling des Sonnenkönigs

Der 1632 in Florenz geborene Giovanni Battista Lulli war als 13-Jähriger nach Paris gekommen und hatte dort schnell im Umfeld des Hofes als Tänzer und Musiker Karriere gemacht. Bald verband ihn mit dem sechs Jahre jüngeren Louis XIV. – dem "Sonnenkönig" – eine fast freundschaftliche Beziehung. Jean-Baptiste Lully, wie er nun hieß, stieg zum "Surintendant de la musique du Roy" auf – dem höchsten Kapellmeisteramt des Hofes – und immer weiter bis zum "Secrétaire du Roy". Bis ihm eine Liebesaffäre mit einem Pagen des Königs zum Verhängnis wurde. Seine Musik hatte zwar nach wie vor Erfolg, aber der "Sonnenkönig" empfing ihn nicht mehr.

Als Louis XIV. im November 1686 schwer erkrankte und eine Operation nur knapp überstand, sah Lully seine Chance gekommen, die Gunst des Königs wiederzugewinnen. Auf eigene Kosten veranstaltete er mit 150 Musikern am 8. Januar 1687 ein Festkonzert zur Genesung des Souveräns in der Église des Pères-Feuillants.

Mit voller Wucht in die Fußspitze

Allein, der König war nicht gekommen. Lully – ein Choleriker wie Arturo Toscanini – reagierte eher wütend als enttäuscht. Und vielleicht war es auch diese Wut, die ihn seinen Dirigierstab besonders heftig aufstoßen ließ – so heftig, dass er, in einem Moment der Unachtsamkeit, mit voller Wucht seine Fußspitze traf. Die Verletzung war schlimmer als zunächst gedacht, entzündete sich und führte zu einem Wundbrand, der das ganze Bein erfasste und an dem Jean-Baptiste Lully am 22. März 1687 starb - der mutmaßlich einzige Dirigent, der von seinem "Instrument" getötet wurde.