Mittwoch, 01. Februar 2023

"Verkehrssünderkartei"
Seit 65 Jahren gibt es „Punkte in Flensburg“

Anfang der 1950er-Jahre führte eine stark wachsende Zahl von Autos zu immer mehr Unfällen. Als „Instrument der Verkehrserziehung“ startete das Kraftfahrtbundesamt vor 65 Jahren die Flensburger „Verkehrssünderkartei“ – mit einem Punktesystem.

Von Hartmut Goege | 02.01.2023

Blick am 2. Februar 1966 in den  Kartei-Raum des Kraftfahrt-Bundesamtes in Flensburg: im Volksmund  nur "Verkehrssünderkartei" genannt,
Der Kartei-Raum des Kraftfahrt-Bundesamtes in Flensburg 1966. Anfangs wurden Verkehrsdelikte noch manuell ins "Sündenregister" eingetragen. (picture-alliance / dpa / dpa)
„Eine Unachtsamkeit und schon ist der Zusammenstoß da!“ - „Wir Autofahrer bilden 'ne ganz bestimmte Schicht. Wir fahren wie die Wilden, und bremsen tun wir nicht."

Auto-Boom der Wirtschaftswunder-Jahre

Verkehrserziehung in den Fünfzigern. Ungebremst stiegen ab 1950 in der Bundesrepublik vor allem die PKW-Zulassungen. Innerhalb von zehn Jahren wuchs die Zahl von zunächst 700.000 auf bald fünf Millionen. Es war die Zeit der Wirtschaftswunderjahre mit Vollbeschäftigung. Doch mit dem Verkehrsboom nahmen auch Verkehrsdelikte zu. Und nicht immer lief es so glimpflich ab wie in der 1958 gedrehten Heinz-Erhardt-Komödie ‚Natürlich die Autofahrer‘:

"Du hast wohl gedacht, dass ich bremse, was? Idiot! Ich hatte Vorfahrt!"

"Ganz recht, Herr Dobermann, aber eine gewisse Rücksicht muss jeder ..."

"Ach was, Rücksicht!“

Dialog aus "Natürlich die Autofahrer"

Vor allem Mehrfachtätern auf der Spur

Gegen die wachsende Rücksichtslosigkeit im Straßenverkehr beschloss der Bundestag deshalb, ein Verkehrszentralregister einzurichten. Die sogenannte Verkehrssünderkartei startete am 2. Januar 1958. Damit sollten vor allem Mehrfachtäter überführt werden.

Die erforderlichen Grundlagen hat das Flensburger Bundesamt bereits in einer Kartothek gesammelt, die aufgrund des §13 der Straßenverkehrs- und Zulassungsordnung über den Entzug und die Versagung von Führerscheinen angelegt worden ist. In diese Verkehrssünder-Registratur werden auch Fußgänger und Mopedfahrer aufgenommen.

Historische Meldung im RIAS Berlin

Aufschrei der Autolobby

Das Problem aber waren PKW-Raser. Gab es 1950 noch 6.000 Verkehrstote, so waren es fünf Jahre später schon fast 15.000, Tendenz steigend. Nach dem Motto "Freie Fahrt für freie Bürger" aber lehnte die Autolobby Registrierungen ab. Der damalige Verkehrsexperte Ernst Fauner zweifelte gar an der Umsetzung:
„Aber es ist praktisch doch sehr schwer, einen Mann, der als Verkehrssünder betrachtet werden muss, rechtzeitig zur Strecke zu bringen. Das könnte doch wohl nur mit einem ungeheuren finanziellen Aufwand, mit Einsatz von Kameras und Filmapparaten und dergleichen geschehen."

Wie Radarfallen Flensburg fütterten

Tatsächlich rüstete die Polizei mit einer neuartigen Wunderwaffe auf: Radarfallen fütterten Flensburg bald bundesweit mit Daten. Über 800.000 Fahrer und Fahrerinnen wurden schon im ersten Jahr geblitzt. Kabarettisten wie etwa Jürgen von Manger versuchten das deutsche Autofahrervolk für die Regeln im Straßenverkehr zu sensibilisieren.

"Herr Tegtmeier, Sie müssen sich im Straßenverkehr eben so verhalten, dass nichts geschieht, Sie sollen dabei auch mit dem Leichtsinn oder der Dummheit ihrer Mitmenschen rechnen."

"Jawohl, ich muss immer denken, dass der andere noch dümmer ist wie ein selber …"

Kabarett-Dialog von Jürgen von Manger

Männer viermal häufiger als Frauen erwischt

Über Gefahren der stetig wachsenden Verkehrsflut versuchte ab 1966 auch das Fernsehen aufzuklären. Dafür etwa, dass Männer viermal häufiger als Frauen wegen zu schnellem Fahren erwischt wurden, hatte die Verkehrserziehung-Sendung "Der 7. Sinn" eine einfache Erklärung parat:
„Es kommt oft vor, dass Männer durch Alkoholgenuss fahruntüchtig und auf die Hilfe der Damen angewiesen sind, obwohl diese ungern abends oder nachts fahren. Frauen fahren meist vorsichtiger als Männer, weil ihnen die Übung fehlt. Sie behindern dann den fließenden Verkehr.“
Als 1973 die Zahl der Verkehrstoten auf 21.000 anstieg, wurde neben einer Promillegrenze für Alkohol das Punktesystem eingeführt: Wurde das Konto zu voll, verlor man den Führerschein, blieb man zwei Jahre ohne Eintrag, verfielen die Punkte. Heute kann es fünf Jahre dauern. 1978 beispielsweise wurden 162.000 Führerscheine eingezogen.
Immer wieder gab es politische Versuche, die Sündenkartei wegen zu hoher Kosten abzuschaffen. 1981 etwa verteidigte der damalige SPD-Justizminister Jürgen Schmude die Einrichtung:
"Nun, das Verkehrszentralregister ist ja aus gutem Grunde eingeführt worden, und das wird aus gutem Grunde unterhalten, um über Verhaltensweisen im Verkehr, die für die Allgemeinheit gefährlich sind oder werden können, Aufschluss zu geben."

Die Zahl der Verkehrstoten geht kontinuierlich zurück

Die Wiedervereinigung 1990 ließ die Anzahl der Verkehrsteilnehmer zwar noch einmal sprunghaft ansteigen, die Zahl der Verkehrstoten aber ging in den letzten 30 Jahren deutlich zurück.
Heute sind von 57 Millionen Führerschein-Inhabern rund zehn Millionen in der Sünder-Kartei erfasst. Und immer noch sind es fast viermal so viel Männer wie Frauen.