Dienstag, 05. Juli 2022

Unterzeichnung vor 100 Jahren
Der Vertrag von Rapallo und seine verheerenden Folgen

Im kleinen norditalienischen Küstenort Rapallo unterzeichneten Deutschland und Russland vor 100 Jahren völlig überraschend einen Vertrag über bilaterale Beziehungen. Der Vertrag von Rapallo wirkte zwar harmlos, aber stellte die europäische Friedensordnung nach dem Ersten Weltkrieg grundsätzlich in Frage.

Bert-Oliver Manig | 16.04.2022

Reichskanzler Joseph Wirth (Mitte, im Profil), der sowjetische Volkskommissar für Aussenhandel Krassin (3.v.r) und der Volkskommissar des Äusseren Tschitsche- rin (2.v.r.), während der Konferenz in Rapallo.- Foto, 16. April 1922.
Die deutsch-russische Energiepolitik spielte schon im Vertrag von Rapallo (16. März 1922) eine große Rolle (picture-alliance / akg-images)
Reichspräsident Friedrich Ebert hatte dunkle Vorahnungen. Dem Sozialdemokraten war zu Ohren gekommen, dass sowjetische Emissäre in Berlin seit einiger Zeit im Auswärtigen Amt ein und aus gingen. Ebert, der eine Fortsetzung der westorientierten Politik von Außenminister Walther Rathenau wünschte, misstraute den wilhelminisch geprägten Berufsdiplomaten. Vorsichtshalber sprach er der deutschen Delegation, die im April 1922 zum Wirtschaftsgipfel nach Genua reiste, das Recht ab, dort ohne seine Zustimmung völkerrechtlich bindende Verträge abzuschließen.

1922: Hoffnungen in den Wirtschaftsgipfel von Genua

In der Öffentlichkeit herrschte mehr Vertrauen in die deutsche Außenpolitik, wie der Theologe Ernst Troeltsch beobachtete: „Alle Welt spricht von Genua. Seit Wochen sind die Zeitungen voll davon. Die gequälten Menschen hoffen Wunder von Genua, vor allem ein Sinken der Preise und eine wirtschaftliche Atempause.“
Das war nicht abwegig. Internationale Banken planten bereits, Kredite in die vom Krieg zerrütteten Volkswirtschaften Europas zu pumpen. Vor allem amerikanische Kapitalgeber warteten nur noch auf ein Signal politischer Stabilität vom alten Kontinent. Hoffnungsfroh stimmte, dass der britische Premier David Lloyd George und Rathenau im Vorfeld der Konferenz eine gemeinsame Linie vereinbart hatten.
Doch es lief nicht alles rund in Genua, altes Misstrauen kam wieder hoch. In dieser Atmosphäre wurde das Gerücht gestreut, Engländer und Franzosen verhandelten heimlich mit der sowjetischen Delegation über ein Abkommen zu Lasten Deutschlands.
Daher plädierte Ago von Maltzan, der Leiter der Ostpolitischen Abteilung des Auswärtigen Amtes und insgeheim ein Gegner der Politik seines Ministers, dafür, Briten und Franzosen durch ein Separatabkommen mit den Russen zuvorzukommen. Ein russisches Ultimatum, das ihm in der Nacht zum Ostersonntag per Telefon übermittelt wurde, durchschaute Maltzan zweifellos als Bluff, es war ihm aber hochwillkommen: In einer eilig anberaumten nächtlichen Pyjama-Runde in seinem Hotelzimmer gab Rathenau schließlich seinen Widerstand gegen Geheimverhandlungen mit den Russen auf. Wenn Maltzan diese Szene später im Kollegenkreis zum Besten gab, pflegte er zu sagen: „Ich habe damals Rathenau vergewaltigt“.

Vertrag von Rapallo wirkte zunächst harmlos

Das Abkommen, das bereits am folgenden Tag, dem 16. April 1922, im Badeort Rapallo unterzeichnet wurde, wirkte harmlos: Die Aufnahme voller diplomatischer Beziehungen, Handelserleichterungen und der wechselseitige Verzicht auf Kriegsentschädigungen schienen den Geist der Aussöhnung zu atmen. Deutschland sagte den Sowjets außerdem zu, sich nicht an einem internationalen Konsortium zu beteiligen, durch welches Russland in die kapitalistische Weltfinanzarchitektur eingebunden worden wäre. Dieser politisch wichtigste Paragraph trat sofort in Kraft, so dass er vor einem Veto des Reichspräsidenten geschützt war.  
Rechtsstehende Kreise waren zufrieden: Die Annäherung an Großbritannien und Frankreich, von der sie eine Anerkennung des territorialen Status Quo befürchteten, war abgewendet worden. Die künftige Stoßrichtung formulierte intern Reichswehrchef General von Seeckt, der mit den Bolschewiki längst schon eine geheime militärische Zusammenarbeit angebahnt hatte: „Polens Existenz ist unerträglich. Es muss verschwinden und wird verschwinden durch eigene Schwäche und durch Russland, mit deutscher Hilfe.“

Verheerende Folgen

Im Ausland wurde Rapallo als Beweis angesehen, dass maßgebliche deutsche Kräfte nicht die Reform der Versailler Friedensordnung, sondern deren Umsturz anstrebten. Die Folgen des abrupten Kurswechsels Berlins waren verheerend: Amerikanische Finanzhäuser blieben zugeknöpft, auch ein schwedisch-schweizerisches Bankenkonsortium, das einen Milliardenkredit für Deutschland geplant hatte, löste sich wieder auf. Die Mark verlor dramatisch an Wert, die einsetzende Hyperinflation ruinierte große Teile des Mittelstands und führte geradewegs in die deutsche Zahlungsunfähigkeit. Ein Dreivierteljahr später besetzte Frankreich das Ruhrgebiet.
Der schwedische Bankier Marcus Wallenberg urteilte im „Katastrophenjahr“ 1923: „Der Rapallo-Vertrag ist die größte Torheit, die von der deutschen Politik seit Kriegsende begangen worden ist“.
Der Hitler-Stalin-Pakt, der die von deutschen Revisionisten ersehnte Teilung Polens 1939 Realität werden ließ, kostete dort etwa sechs Millionen Menschen das Leben. Seither ist die Warnung vor einem „neuen Rapallo“ ein ständiger Begleiter jeder deutschen Ostpolitik geblieben.