Mittwoch, 01. Februar 2023

Zweiter Weltkrieg
Als die französische Mittelmeer-Flotte sich selbst versenkte

Am 27. November 1942 versenkte sich die französische Mittelmeerflotte selbst - obwohl sie der von Deutschland geduldeten Pétain-Regierung in Vichy unterstand. Sie folgte jedoch einem Befehl, der bereits rund zwei Jahre zuvor erteilt worden war.

Von Bernd Ulrich | 27.11.2022

Blick auf den Kriegshafen von Toulon mit Bombenschäden und den Wracks der Vichy-Flotte nach Abzug der deutschen Truppen
Der Hafen von Toulon mit Bombenschäden und den Wracks der französischen Mittelmeer-Flotte (picture alliance / akg-images / akg-images)
„Die Flotte von Toulon, diese Flotte Frankreichs, ist gerade verschwunden. In dem Moment, in dem unsere Schiffe vom Feind beschlagnahmt werden sollten, beanspruchte der nationale Reflex in den Seelen der Besatzungen und der Kommando-Stäbe sein Recht.“ Charles de Gaulle, der anerkannte Führer des Widerstandes durch das freie Frankreich gegen die deutschen Besatzer, sprach über Radio London zu seinen französischen Landsleuten.
Und er nutzte die Gunst der Stunde, um die Bevölkerung Frankreichs aufzumuntern: „Die französischen Matrosen, denen zweifellos jeder andere Ausweg verwehrt war, zerstörten mit ihren Händen die französische Flotte, damit dem Vaterland zumindest die größte Schande erspart bliebe, dass diese Schiffe zu Schiffen des Feindes wurden."

"Unternehmen Lila" von Wehrmacht und Waffen-SS

Die Ansprache war noch am 27. November 1942 aufgenommen und gesendet worden. An jenem Tag also, an dem Einheiten der Wehrmacht und der Waffen-SS das „Unternehmen Lila“ begonnen hatten. Es galt, den Kriegshafen von Toulon zu besetzen und die Inbesitznahme der französischen Mittelmeer-Flotte vorzubereiten. In Toulon lagen um die 80 Schiffe, darunter - etwa mit dem Schlachtschiff „Strasbourg“ - die modernsten und stärksten Einheiten der französischen Seestreitkräfte.
In gewohnt nüchterner Diktion beschrieb kurz darauf das Kriegstagebuch des Oberkommandos des Heeres die Aktion: „Der Handstreich von Toulon begann um 4.00 Uhr planmäßig. Überraschung gelang. Schwacher Widerstand an einzelnen Stellen schnell gebrochen. Französische Flotte hatte Versenkung vorbereitet, die sofort nach Eindringen in das Hafengebiet begann. Teilweise waren eigene Leute bereits an Bord. 8.50 Uhr Toulon in eigener Hand.“

Selbstversenkungsbefehl nach Nazi-Sieg

Aber eben nicht die Flotte. Für sie galt schon seit dem 24. Juni 1940, unmittelbar nach dem Sieg Nazi-Deutschlands über Frankreich, ein Selbstversenkungsbefehl. Erteilt hatte ihn der damalige Oberbefehlshaber der französischen Marine, Admiral François Darlan. Auf allen Kriegsschiffen mussten Vorbereitungen für eine Selbstversenkung getroffen werden – in der Regel durch Sprengsätze oder die Öffnung der Seeventile.
Die Ausführung des Befehls sollte erfolgen, sobald ein deutscher oder italienischer Zugriff auf die Schiffe drohte - wie am 27. November 1942. Die Marine unterstand der französischen Regierung, nämlich der mit Deutschland paktierenden Regierung des legendären Maréchal de France, Philippe Pétain. Der herrschte von Hitlers Gnaden vom zentralfranzösischen Kurort Vichy aus über den südöstlichen Teil Frankreichs.

Bericht des Oberkommandos der Wehrmacht

Diese Kollaboration auf Regierungsebene sahen Hitler und seine italienischen Verbündeten freilich als beendet an, als alliierte Truppen am 8. November in Französisch-Nordafrika gelandet waren. Im Bericht des Oberkommandos der Wehrmacht hörte sich das so an:
„Nach dem Überfall britisch-amerikanischer Streitkräfte auf das französische Kolonialgebiet rückten deutsche und italienische Truppen in das bis dahin unbesetzte Frankreich ein, um dieses gemeinsam mit der französischen Wehrmacht gegen weitere Übergriffe der britisch-amerikanischen Angreifer zu schützen. Nach ehrenwörtlicher Verpflichtung französischer Truppen- und Flottenbefehlshaber, sich mit ihren Verbänden in den Rahmen der Gesamtverteidigung einzugliedern, wurde nach dem Willen des Führers die französische Wehrmacht nicht nur unangetastet gelassen, sondern zum Teil verstärkt und aufgerüstet sowie der besonders wichtige Festungsabschnitt Toulon mit der französischen Mittelmeerflotte selbständiger französischer Verteidigung überlassen.“

Chance, die Franzosen zum Widerstand zu motivieren

Ähnlich wurde auch im Zusammenhang mit der versuchten Übernahme der Flotte argumentiert. Für de Gaulle aber bot sich mit der Selbstversenkung der Flotte - über 70 Schiffe lagen auf Grund - die historische Chance, die Franzosen zum Widerstand zu motivieren: „Aber Frankreich hörte die Kanonen von Toulon, das Bersten der Explosionen, die verzweifelten Gewehrschüsse des letzten Widerstands. Ein Schauer des Schmerzes, des Mitleids und der Wut durchlief es in seiner Gesamtheit.“
Das Vichy-Regime Pétains existierte allenfalls formal weiter - was freilich nicht die Fortsetzung seiner antisemitischen Politik verhinderte. Es endete mit der Befreiung Frankreichs und der Installierung einer provisorischen Regierung unter Charles de Gaulle am 25. August 1944.