Sonntag, 04. Dezember 2022

Völkische Siedlungen
Die extreme Rechte und ihr Ökologie-Verständnis

Rechtsextreme müssen nicht mit Springerstiefeln und Glatze auftreten, sondern können auch als vermeintliche "Ökolandwirte" für ihre Sache werben. Verfassungsschützer warnen zunehmend, dass Teile der Szene versuchen, weitere Anhängerinnen und Anhänger zu finden - unter dem Deckmantel ökologischer Versprechen.

Von Maximilian Brose | 08.03.2022

Feuer zur Wintersonnenwende, Metzingen, Baden-Württemberg 2017
Feuer zur Wintersonnenwende (Symbolbild) (imago/Jan Zawadil)
„Hi, schönen guten Tag! Ich bin vom Deutschlandfunk hier, weil ich eine Reportage mache, wo es um die Weda Elysia Siedlung geht ...“
Der Mann weit hinter dem Gartenzaun winkt ab, verschwindet schnell wieder in seinem Einfamilienhaus in Wienrode. In dem kleinen Dorf im Harz wollen nur wenige über ihre Nachbarn reden. Gut ein Dutzend Menschen sind hier seit Jahren dabei, eine Siedlung aus sogenannten „Familienlandsitzen“ aufzubauen, das „Weda Elysia Gärtnerhof-Kleinsiedlerprojekt“, so die Eigenbezeichnung. Seit einiger Zeit berichten Medien, so „Spiegel TV“ und die „Welt am Sonntag“, über Verbindungen in die rechtsextreme Szene. Der Landtag von Sachsen-Anhalt befasste sich erstmals nach einer entsprechenden Anfrage der Linken im Mai 2019 mit dem Phänomen. Er könne zu den Vorwürfen nichts sagen, sagt ein anderer Anwohner. Auf ihn wirkten die Leute freundlich, fleißig und strebsam. Und das entspricht wohl auch dem Selbstverständnis.

Siedlung „Weda Elysia“

In einem Video des eingetragenen Vereins, das auf dem eigenen YouTube-Kanal hochgeladen wurde, werden diese Bilder vermittelt: Männer in Trachten stehen auf Feldern, die Sense in der Hand. Andere heben honiggetränkte Waben aus Bienenstöcken. Die Frauen tragen lange Röcke, sitzen an hölzernen Spinnrädern oder hängen zwischen Bäumen Wäsche auf. Auf ihrer Internetseite führen die Betreiber in eigener Sache aus:
„Durch das Weda-Elysia-Gärtnerhof-Kleinsiedlungsprojekt sollen sich einzelne Menschen mit Familienwunsch und bestehende Familien auf je einem Hektar Land einen weitgehend autarken Lebens- und Schaffensraum aufbauen können.“

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In dem Video treten mehrere Personen auf, die 2014 den Verein „Weda Elysia e.V.“ gegründet haben. Einer von ihnen ist Maik Schulz. 2019 gründet er einen weiteren Verein, den „Lindenquell e.V.“. Der betreibt nach eigenen Angaben einen alten Gasthof in Wienrode, den Weda-Elysia-Mitglieder sanieren. In Auszügen der Satzung des „Lindenquell-Vereins“ heißt es, aus dem Gasthof solle ein „kulturelles Zentrum“ werden. Der Verein wolle etwa Brauchtumspflege, Theater, Kunst und regionale kleinbäuerliche Landwirtschaft fördern.
„Die sind freundlich, zuvorkommend und fleißig wie die Bienen“ So äußert sich Ulf Voigt 2021 gegenüber der Mitteldeutschen Zeitung über die Mitglieder von „Weda Elysia“. Er, der Bürgermeister von Wienrode, sei froh, dass sich jemand um den „alten Schandfleck“, wie er den alten Gasthof nennt, kümmere. Im Harzdorf hört man aber auch andere Töne. Wer da neues Leben ins Dorf bringe, habe man am Anfang nicht gewusst, sagt eine Frau. Sie will namentlich nicht genannt und auch an ihrer Stimme nicht erkannt werden.
„Wir waren eigentlich froh, dass der Schandfleck irgendwie wegkommt, dass sich da jemand gefunden hat. Aber dass da natürlich solche Leute dahinterstecken und die kaufen ja zunehmend hier Land im Umfeld, und die nisten sich hier quasi ein und werden immer mehr, und das macht einem schon Sorge.“

Verfassungsschutz: Verein gehört zu den sogenannten völkisch Siedelnden

Wie also ist die sogenannte Familienlandsitz-Siedlung „Weda Elysia“ wirklich einzuordnen? Was scheint ihre Anhängerschaft auf dem Land zu suchen? Sind die Vorwürfe, „Weda Elysia“ habe Verbindungen in die rechtsextreme Szene, gerechtfertigt? Der Verfassungsschutz Sachsen-Anhalt teilt auf Anfrage mit, dass der Verein zu den sogenannten völkisch Siedelnden gehöre, die durch nationalistische, antisemitische, rassistische und homophobe Ansichten geprägt seien. Und weiter:
„Einzelne Angehörige des Vereins zeigen ein aktives und offenes Zugehen auf verfassungsschutzrelevante Personen beziehungsweise Organisationen. Hier ist zum Beispiel der sogenannte „Volkslehrer“, Nikolai Nerling, zu nennen." Der Verfassungsschutz Bayern bezeichnet Nikolai Nerling als „Videoblogger“ und „rechtsextremistischen Aktivisten“. Zudem ist Nerling wegen Volksverhetzung verurteilt worden.*
Der selbsternannte Volkslehrer und Videoblogger Nikolai Nerling beim "Heimattanz". Er ist wegen der Verleugnung des Holocausts verurteilt.
Der selbsternannte Volkslehrer und Videoblogger Nikolai Nerling beim "Heimattanz". Er ist wegen Volksverhetzung verurteilt worden. (imago /snapshot)
„Weda Elysia“ verweist auf die Internetseite „Haus Lindenquell“. Auf dessen Telegram-Kanal werden mehrere Projekte vorgestellt, die offenkundig rechtsextremes Gedankengut aufweisen, etwa der „Identitären Bewegung“, die vom Bundesverfassungsschutz als „gesichert rechtsextrem“ eingestuft wird. Oder auf die eines Vereins, den die bekannte und als solche verurteilte Holocaust-Leugnerin Ursula Haverbeck gründete. Mittlerweile wurde der Internet-Post entfernt. Auch mit Personen aus der „Reichsbürgerszene“, die die Bundesrepublik als Staat ablehnen, haben Mitglieder „Weda Elysias“ sogenannte „Kennverhältnisse“, heißt es von Seiten des Verfassungsschutzes Sachsen-Anhalt.
Über die Internetseite „Weda Elysias" ist auch ein Onlineshop zu erreichen, den der nahestehende "Lindenquell e.V." betreibt. Dort werden zwischen Biorohkost und Gartenratgebern Broschüren angeboten.** Darunter: „Es ist gut, ein Deutscher zu sein.“ Darin wird das, so wörtlich: „Trauma“ der Deutschen mit Blick auf ihre Schuld am Holocaust angeprangert. Als Adresse ist der alte Gasthof an einer Landstraße in Wienrode genannt.
Der zweistöckige Gasthof ist frisch gestrichen. Im eingezäunten Hof stapelt sich Bauschutt neben Containern. An einem anderen Gebäude auf dem Grundstück bröckelt der Putz. Dort, in einem der Fenster, taucht ein Gesicht auf. Ein Mann mit langem Pferdeschwanz und brauner Cordhose öffnet die Tür:
„Ich bin hier, weil ich Berichte über den Ort gehört habe, über den Ausbau der Dorfschenke. Und wollte Sie mal fragen, was Sie hier machen.“
Ein spontanes Interview will der Mann nicht geben, verweist stattdessen auf eine Terminabsprache. Mehrere Interview-Anfragen per E-Mail lehnt „Weda Elysia“ dann jedoch ab. Auch auf einen Fragenkatalog des Deutschlandfunks mit der Bitte um schriftliche Stellungnahme wollen die Zuständigen des Vereins nicht antworten.

Es formiert sich Widerstand

In der Region formiert sich mittlerweile Widerstand vom „Bündnis Bunter Harz“. Sprecherin Ruth Fiedler ist stellvertretender Kreisvorstand für „Die Linke“ in der Region. Sie berichtet von einem Klima, das sich verschlechtere. Physische Gewalt gegen Kritiker schließt sie jedoch aus:
„Und jetzt ist es halt so, dass wirklich die Leute, die es schlimm finden, sich nicht mehr trauen, an die Öffentlichkeit zu gehen. Weil schon irgendwie ein Druck herrscht vor Ort, dass, wenn sie sich irgendwie gegen Weda Elysia äußern, ihnen eine negative Konsequenz droht.“
Das Harzdorf Wienrode ist kein Einzelfall. Personen aus der rechten Szene ist es gelungen, auch an weiteren Orten in Deutschland Fuß zu fassen – indem sie angeben, sich für die Ökologie und den Biolandbau zu engagieren. Doch warum, ließe sich fragen, finden diese Themen, die in der Regel von der alternativen, grünen Bewegung besetzt sind, auch in Teilen der rechten Szene Anklang?

„Weda Elysia“ und die Anastasia-Bewegung

„Weda Elysia“ beziehe sich auf die Bücher der "Anastasia"-Bewegung, so der Verfassungsschutz von Sachsen-Anhalt auf Anfrage. Tatsächlich bezieht sich der Verein auf seiner Website auf die Anastasia-Bewegung. Im Online-Shop von besagtem „Lindenquell e.V.“, der über die Website von „Weda Elysia“ erreichbar ist, können die Bücher wiederum bestellt werden.** Mathias Pöhlmann, Weltanschauungsbeauftragter der evangelischen Landeskirche Bayern, ordnet die Bücher ein: Es handele sich um eine esoterische und antisemitische Romanreihe aus Russland, die Hauptprotagonistin: Anastasia, blaue Augen, hohe Stirn, blondes, wallendes Haar.
„Und diese Anastasia ist letztendlich eine Art sagenhafte Figur, die in diesen Büchern eine zentrale Rolle spielt. Sie lebt als Einsiedlerin in Sibirien in der Taiga. Sie würde mit den Tieren kommunizieren, würde über einen Heilstrahl verfügen, ernähre sich nur von Früchten und Nüssen.“
Gerade in den späteren Bänden würden dann antisemitische Verschwörungserzählungen beigemischt. „Wonach eine Clique von levitischen Priestern und das sind natürlich jetzt jüdische Tempelpriester, die heimlichen Drahtzieher des Weltgeschehens seien und an der Spitze ein Oberpriester. Sie würden letztendlich alle Versuche von Anastasia im Keim ersticken.“
In den Büchern werde die Welt als dekadent und im Zerfall dargestellt, beherrscht von korrupten Eliten. „Und jetzt folgt also der Rückzug auf die Scholle, möchte ich mal sagen, auf den Familienlandsitz. Es ist so eine Art Ausstiegsprogramm. Und das Kernproblem ist auch, dass die Anastasianer meinen, diese Familienlandsitze seien jetzt die große Lösung für alle Probleme in dieser Welt.“
Im postsowjetischen Russland der 1990er-Jahre erregte die Buchreihe großes Interesse und erfuhr Unterstützung. Einige Anhänger gründeten sogenannte „Familien-Landsitze“. Erst in Russland, dann in anderen europäischen Ländern. Pöhlmann geht von etwa 20 „Anastasia-Landsitzen“ in Deutschland aus.
Die völkische „Anastasia“-Bewegung ist heterogen und scheint nicht zentral vernetzt zu sein. Die meisten „Anastasia“-Siedlungen haben auch keine so deutlichen Verbindungen in die rechtsextreme Szene, wie das der Verfassungsschutz für „Weda Elysia“ dokumentiert. Dennoch ist das Spektrum völkischer Siedlungen groß und reicht deutlich über die esoterische Anastasia-Bewegung hinaus. Einige hat der Verfassungsschutz im Blick. In mehreren Landtagen wurden auch Abgeordnete hellhörig. Sie wollten mehr über völkische Siedlungen wissen und stellten Anfragen. In Sachsen-Anhalt geschah das mehrfach, zuletzt im vergangenen April. In einer Antwort schreibt die Landesregierung dazu:
„Seit mehreren Jahren versuchen Rechtsextremisten, ihre gesellschaftliche Akzeptanz durch die Mitwirkung in regionalen Ökoprojekten zu erhöhen. Es sind immer wieder Bemühungen erkennbar, Objekte zu erwerben, um dort eine sogenannte naturorientierte und ökologische Lebensweise zu führen.“

Thüringer Verfassungsschutz-Chef: Rechtsextreme Szene eignet sich das Thema Naturschutz an

Als Beispiele für völkische Siedlungen, die dem Verfassungsschutz Sachsen-Anhalt bekannt sind, führt die Landesregierung danach u.a. ein Bauerngehöft des Vorsitzenden der rechtsextremen „Artgemeinschaft“ auf und eben das Siedlungsprojekt von „Weda Elysia“. Siedlungsprojekte wie diese würden Menschen, die etwa an Naturschutz, Biolandbau oder auch am Brauchtum ihrer Region interessiert seien, eine vermeintliche Alternative bieten - davor warnt Stephan Joachim Kramer, Präsident des Amtes für Verfassungsschutz Thüringen.
Der Präsident des Amtes für Verfassungsschutz in Thüringen, Stephan Joachim Kramer.
Der Präsident des Amtes für Verfassungsschutz in Thüringen, Stephan Joachim Kramer (Amt für Verfassungsschutz Thüringen, Archiv.)
„Ich denke da an die Anastasia-Bewegung, aber auch an andere völkische Siedlungsprojekte, die in kleinerem Umfang Land erworben haben, als Selbstversorger mit ökologischem Landbau, versuchen eben, diesen rechtsextremistischen, völkischen Gedanken von Volk und Heimat umzusetzen.“
Gerade siedlungsschwache Regionen würden rechten Siedlungsbestrebungen Raum geben. Auch in Thüringen habe es Ausbreitungsversuche von völkisch nationalistischen Siedlungen gegeben. Für Kramer steht fest, dass die rechtsextreme Szene schon länger versucht, den Naturschutz zu ihrem Thema zu machen. Dasselbe gelte auch für rechte Parteien.

„Wir wissen, dass bereits in den 70er-Jahren die NPD in ihren Programmen das Thema Volksgesundheit und Umweltschutz, Landwirtschaft und Naturschutz versucht hat, aus rechter, völkisch-nationalistischer Blickrichtung zu besetzen.“
Dabei gehe es darum, den Natur- und Tierschutz als Schutz des eigenen, also des deutschen, Volkes zu begreifen, so der Thüringer Verfassungsschutz-Präsident. Die rechtsextreme NPD besetze das Thema bis heute, auch wenn sie damit nicht erfolgreich sei.
„Aber im Grunde hat das die AfD nahtlos übernommen, weniger mit dem Mief der glatzköpfigen, nationalsozialistischen Schlägertrupps, aber vielmehr mit neuen Themen mit dem Versuch, das Ganze nicht nur in den parlamentarischen Raum, sondern eben in soziale Räume in unserer Gesellschaft zu tragen.“

Gegenmodell zur globalisierten Welt

So habe die AfD versucht, das Konzept „Volk und Heimat“ als Gegenmodell zur globalisierten Welt darzustellen: „Und damit werden natürlich die klassischen Globalisierungs-Verschwörungstheorien, der Kampf gegen die liberale Wirtschaft, et cetera, instrumentalisiert.“
Ein Sprecher der Bundespartei AfD betont auf Anfrage, seine Partei gehöre nicht zu der extremen Rechten. Er widerspricht der Einordnung Kramers.
„Unsere Blickrichtung gibt der gesunde Menschenverstand vor. Unsere Positionen ergeben sich nicht aus Verschwörungstheorien, sondern aus dem Wunsch, Deutschland wieder nach vorne zu bringen. Unser Programm verdeutlicht, dass Stephan Kramer in seinen Aussagen irrt. Als AfD denken wir Mensch, Natur, Umwelt, Wirtschaft und Energieversorgung nämlich pragmatisch zusammen.“
In der nationalsozialistischen Ideologie bilde der angeblich „deutsche Boden“, die angeblich „deutsche Natur“ die Grundlage für die propagierte Überlegenheit der angeblich „deutschen Rasse“. Eine Überlegenheit, die im Kampf gegen die widrige, angeblich „deutsche Natur“ erworben worden sei, so der Kulturwissenschaftler Nils Franke. Experten konstatieren, dass sich Rechtsextreme heute auf eben diese Ideologie beziehen, wenn sie von Naturschutz sprechen. Das bestätigt auch Andreas Speit, der zusammen mit Andrea Röpke ein Buch zur völkischen Landnahme veröffentlicht hat. Rechtsextreme würden Ökologie als angeblich „gesamtheitlich“ verstehen, so Speit:
„Damit meinen die aber nichts anderes als Natur-, Heimat-, Volks- und Tierschutz. Und dieser Vierklang ist historisch gesehen der alte Anschlag, und wenn man sich die Position genau anschaut, ist das nichts anderes als Blut und Boden.“ So Andreas Speit. Ein Vierklang, der für Rechtsextreme mehr darstelle.
„Ich möchte davor warnen, es abzutun, als wenn es sozusagen gerade en vogue ist, weil Bio gerade im Trend ist. Nein, es ist ihr ureigenes Anliegen.“

Das Naturschutzmagazin „Kehre“

Dass ökologische Themen heute – wenn auch unter völlig anderen, demokratischen Vorzeichen - von der politischen Linken und Mitte besetzt werden, provoziert Ärger im neurechten Lager. Für den Thüringer AfD-Politiker Björn Höcke haben die - wie er sie nennt – „Heimat hassenden Grünen“ den Naturschutz gekapert. Das sagt Höcke in einem Facebook-Post, in dem er das neurechte Naturschutzmagazin „Die Kehre“ bewirbt. 2020 tritt das Magazin die Nachfolge eines NPD-nahen Naturschutzheftes an. Chefredakteur ist Jonas Schick, der in der rechtsextremen „Identitären Bewegung“ aktiv gewesen ist. Im Magazin „Die Kehre“ vertritt Schick die Auffassung, dass Natur auch menschliche Riten, Brauchtum und Kulturlandschaften beinhalte. Auf die Frage, was das mit der Identität des deutschen Volkes zu tun habe, sagte er gegenüber dem Deutschlandfunk:
„Ich glaube, dass man einfach in der Form dieser Kulturlandschaften, dass sich daraus bestimmte Kulturen ihren Ausdruck geben und dass natürlich darin auch die Identität des deutschen Volkes ja auch herausbildet.“
Flaggen der Identitären Bewegung auf einer Demonstration in Berlin am 17. Juni 2017 in Berlin.
Kehre-Chefredakteur Jonas Schick war in der rechtsextremen „Identitären Bewegung“ aktiv (dpa)
Chefredakteur Schick weist den Vorwurf, in seinem Magazin kämen klare Bezüge zur „Blut-und-Boden-Ideologie“ zum Ausdruck, zurück. Die Inhalte des Heftes würden sich etwa an die Romantik des frühen 20. Jahrhunderts anlehnen, sagt er. Stephan Joachim Kramer, Thüringens Verfassungsschutz-Präsident, betont dagegen: Das Magazin vertrete sehr deutlich neurechte und rechtsextremistische Positionen. Und damit würde es nicht nur der eigenen rechten Klientel ein Angebot machen:
„Eben auch im Sinne eines Erstkontaktes in die Mitte der Gesellschaft hinein, die sich zum Teil mit rot-grünen Ideologien eben nicht identifizieren kann und insofern sehr empfänglich dafür ist, wenn aus der völkisch-konservativ bis rechtsextremen Szene eben hier ein Angebot gemacht wird.“
Mittlerweile liegt das Heft auch in einigen Zeitungsläden aus. Woher das Geld für den raschen Aufbau der Zeitschrift kommt, will sein Chefredakteur nicht sagen. Dass das Geld für rechte Projekte und Siedlungsvorhaben nicht von einzelnen Akteuren alleine stamme, betont wiederum Stephan Joachim Kramer. Er spricht bei der Finanzierung von einem „flächendeckenden Netzwerk“:
„Dass sich eben aus Mitgliedsbeiträgen, aus Erlösen von Verkäufen, aus Spenden, aus Erbschaften, aber eben teilweise auch aus massiver finanzieller Unterstützung aus ganz ultrakonservativen Unternehmerbereichen speisen, sodass wir leider davon ausgehen müssen, dass wir es mit doch sehr erheblichen Geldbeträgen zu tun haben.“

Banalisierung des Phänomens liegt hinter den Behörden

Thüringens Verfassungsschutz-Präsident Kramer verweist darauf, dass er und seine Kollegen sich heute sehr deutlich gegen die Siedlungsbewegungen zur Wehr setzten, dass Grundstückkäufe durch Rechtsextremisten in abgelegenen Gegenden jedoch schwer zu verhindern seien. Mit Blick auf die Vergangenheit gesteht er ein: Den Behörden sei erst nach und nach klargeworden, dass extreme Rechte auch als vermeintliche Ökolandwirte aufträten – und eben nicht nur mit Glatze und Springerstiefeln.
„Sicherlich hat es auch ein Umdenken, und ich will da gar nicht so tun, als wenn das nicht stattgefunden hätte, auch in den Verfassungsschutzämtern gegeben, wie im übrigen auch in vielen Teilen der Gesellschaft, die über lange Strecken den Rechtsextremismus, ja den Rechtsterrorismus, den es seit den 60er-Jahren in der Bundesrepublik Deutschland und später auch in der Vereinigung gegeben hat, eigentlich mehr oder weniger abgetan hat als: Naja, das sind so ein paar Verrückte, aber das ist im Grunde genommen nichts Bedrohliches.“
Diese Banalisierung des Phänomens liegt heute hinter den Behörden. Verfassungsschützer warnen zunehmend, dass Teile der extrem rechten Szene versuchen, weitere Anhängerinnen und Anhänger zu finden – unter dem Deckmantel ökologischer Versprechen.

[*] Wir haben an dieser Stelle gegenüber einer vorherigen Version eine Klarstellung vorgenommen. Der Videoblogger Nikolai Nerling ist wegen Volksverhetzung schuldig gesprochen worden, den Holocaust in der KZ-Gedenkstätte Dachau mindestens verharmlost zu haben.
[**] Wir haben gegenüber einer vorherigen Version in diesem Satz ebenfalls eine Klarstellung vorgenommen.