Montag, 23. Mai 2022

Ganoven-König Julius Adolf Petersen
Als der „Lord von Barmbeck“ ein umfassendes Geständnis ablegte

Schon zu Lebzeiten war er eine Legende: Zehn Jahre lang hielt der Hamburger Berufsverbrecher Julius Adolf Petersen mit spektakulären Einbrüchen und Raubüberfällen die Polizei auf Trab. Am 20. April 1922 gesteht der „Lord von Barmbeck", wie er genannt wird, dann alles und nennt seine Mittäter.

Von Jürgen Bräunlein | 20.04.2022

 "Der Lord von Barmbeck" Spielfilm von Ottokar Runze aus dem Jahr 1973
Martin Lüttge als "Der Lord von Barmbeck" - 1973 verfilmte Regisseur Ottokar Runze die Geschichte des Ganoven-Königs Petersen (picture alliance / United Archives)
„Meine Wege brachten mich in die Kreise der Noblesse sowie in die untersten Schichten und die Verbrecherwelt hinein. Ob es der Graf, die Baronin, der Offizier, das Dienstmädchen, der Arbeiter oder der Verbrecher war: die Gesetze zu brechen um des Vorteils willen, waren sie alle bereit“, so Julius Adolf Petersen im Jahr 1927, als er im Hamburger Gefängnis Fuhlsbüttel für eine 14-jährige Haftstrafe einsaß und seine Erinnerungen niederschrieb, die am Ende 717 Seiten umfassten.
Der berüchtigte Geldräuber, von den Zeitungen nur noch „Lord von Barmbeck“ genannt, bemühte sich, sein Leben ins milde Licht zu rücken, was kaum möglich war: Seine Verbrechen füllten 20 Meter Aktenordner.

So kam der Lord auf die schiefe Bahn

Julius Adolf Petersen wird am 7. Oktober 1882 in einer Kellerwohnung im Hamburger Arbeiterviertel Barmbeck geboren, der Vater malocht in einer Zigarrenfabrik, vier Kinder müssen ernährt werden. Mit 13 wird Adolf verhaltensauffällig, als er einem Lehrer ein Tintenfass ins Gesicht schleudert, mit 14 straffällig, als er einem Kameraden eine gefundene Geldbörse abluchst. Die schiefe Bahn verlässt er nun nicht mehr. In der Kneipe, die er mit 20 betreibt, verkehren mehr Kleinkriminelle als Kohlenarbeiter. Mit illegalen Glücksspielen scheffelt er sein erstes kleines Vermögen, bis er 1908 zu einer mehrjährigen Zuchthausstrafe verurteilt wird. Nach Kriegsende beginnt seine große Zeit.

Die Geschäfte der „Barmbecker Verbrechergesellschaft“

Petersen spezialisiert sich auf Geldschränke in Versicherungsanstalten und Modegeschäften, die er in Handarbeit aufbohrt. Eleganter sind seine „Bettentouren“, bei denen er den schlafenden Opfern die Schlüssel zum Safe stiehlt und später unbemerkt zurücklegt. Gibt es keinen Geldschrank zu knacken, klaut die „Barmbecker Verbrechergesellschaft“, wie man Petersens Bande bald nennt, Juwelen, Pelzmäntel, Lederwaren und Bestecke, die in Oberschlesien und im Ruhrgebiet verhökert werden. Spektakulärster Einbruch ist 1920 der nächtliche Überfall auf das Hamburger Postamt 6 im heutigen Schanzenviertel. Die Beute: 221.000 Mark Bargeld und 335.000 Mark in Briefmarken. Als Petersen mit seinen Komplizen kurze Zeit später einen Geldtransport mit Wettgeldern überfällt, ist die Polizei so dicht auf seinen Fersen, dass das „Hamburger Fremdenblatt“ seinen Namen nennt. Die Zeitung bekommt Besuch.
„Ich heiße Julius Adolph Petersen, Sie haben in Ihrem Blatt geschrieben, dass ich der Täter beim Raub der Trabrennbahneinnahmen bin. Das ist nicht wahr. Meine letzte Straftat liegt zwölf Jahre zurück. Rehabilitieren Sie mich!“
Petersen, ein gutaussehender Mann mit blondem Haar, blauen Augen und flottem Oberlippenbart, tritt stets auf wie ein honorabler Gentleman: dunkler Anzug mit weißem Hemd und Stehkragen, schwarzer Hut und Stockschirm. Bereitwillig druckt die Zeitung eine Gegendarstellung.

Im Kleiderschrank ging der Lord ins Netz

Doch die Polizei lässt nicht locker. Im Juni 1921 nimmt sie den „Lord von Barmbeck“ in der Wohnung seiner Geliebten Frieda Goedje fest – er hat sich im Kleiderschrank versteckt. Nach neun Monaten Einzelhaft legt Petersen am 20. April 1922 ein Geständnis ab. Auf 94 Folio-Seiten gesteht er 49 „bandenmäßig ausgeführte Einbrüche und Räubereien“, das Aufbrechen von 14 Geldschränken und nennt 63 Mittäter.
„Geradezu phänomenal wirkte mein Geständnis auf alle Richter"- brüstet er sich in seinen Memoiren. Trotzdem verurteilt ihn das Landgericht Hamburg am 31. März 1924 zu einer Gesamtstrafe von 15 Jahren Gefängnis. Vergeblich bittet der „Lord“ um Haftminderung: "Meine rechtswidrigen Handlungen entstanden aus Neigung zum Heldentum, natürlich zum verkehrten Heldentum. Heute sehe ich den Irrweg ein. Einen Rückfall lassen meine heutige Erkenntnis sowie Intelligenz nicht wieder zu.“
Studienfach Kriminologie: Ringen um wissenschaftliche Eigenständigkeit
Am 21. November 1933 wird Adolf Petersen in seiner Zelle in der Strafanstalt Fuhlsbüttel erhängt aufgefunden. Vermutlich ahnte er, dass er als Berufsverbrecher unter den Nazis nie mehr freigekommen wäre. Seine Memoiren erscheinen posthum 1973, die Verfilmung aus demselben Jahr profitiert von dem Mythos um den Verbrecher und beschert Regisseur Ottokar Runze den größten Erfolg in seiner Karriere.