Freitag, 01. Juli 2022

Vor 125 Jahren gegründet
Die "Wiener Secession" - Jugendstil-gefährdende Kunst

Vereint in ihrer Verachtung für den damals aus ihrer Sicht "grassierenden" Wiener Jugendstil, gründeten am 3.  April 1897 Bildende Künstler die "Wiener Secession". Aus der Rebellion erwuchs eine Kunst-, Architektur- und Design-Bewegung, die Wien bis heute prägt.

Von Beatrix Novy | 03.04.2022

 
Gustav Klimt und die  Wiener Secession 1902  -  von links: Anton Stark, Gustav Klimt, Kolo Moser, Adolf Boehm, Maximilian Lenz, Ernst Stoehr, Wilhelm List, Emil Orlik, Maximilian Kurzweil, Leopold Stolba, Carl Moll, Rudolf Bacher. -
Mitglieder der Wiener Secession, 1902 vor und auf Max Klingers Beethoven-Denkmal - mittlere Reihe, 2. v. links: Gustav Klimt (picture-alliance / akg-images)
"So eine Ausstellung haben wir noch nicht gesehen. Eine Ausstellung, in der es kein schlechtes Bild gibt! Eine Ausstellung in Wien, die ein Resumé der ganzen modernen Malerei ist! Eine Ausstellung, die zeigt, dass wir in Österreich Leute haben, die neben die besten Europäer treten und sich mit ihnen messen dürfen! Ein Wunder!“
Und es verkaufte sich auch noch gut, fügte Hermann Bahr verzückt hinzu. Der Schriftsteller und Wortführer der Literatengruppe Jung-Wien war selbstverständlich auf der Seite dieser neuen "jungen" Bewegung, die sich im März 1898 erstmals präsentierte; ein Zusammenschluss von Malern, Kunsthandwerkern, Bildhauern, Architekten. Die Gründung lag kaum ein Jahr zurück: Am 3. April 1897 hatte der heute weltbekannte Gustav Klimt bekanntgegeben, dass die Kunstwelt fortan mit der "Vereinigung bildender Künstler Österreichs Wiener Secession" zu rechnen habe. Sie erklärten:

„Wir wollen dem tatenlosen Schlendrian, dem starren Byzantinismus und allem Ungeschmack den Krieg erklären“

Solche Blitze schleuderte der Katalog zur ersten Ausstellung der Secession, die sich abgespalten hatte vom alteingesessenen Künstlerhaus. Und von einem chronisch rückwärtsgewandten Stil, von naturgetreuer Malerei, historistischer Architektur, geistlos verschnörkelter Gebrauchskunst. Edelbert Köb, Künstler und Museumsmann, blickt zurück: 

„Es ging wirklich im Prinzip um Inhalte. Es ist so, dass das alles sehr erfolgreiche Künstler waren, sozusagen schon damals, unterstützt vom Bürgertum, das großbürgerliche Judentum und der Adel.“

Der Kunst-Tempel der Secessionisten

Gustav Klimt, Maler, Otto Wagner, Architekt, Kolo Moser, Designer, und viele andere forderten adäquate Ausdrucksformen des modernen Lebens. Die Secession prägte die dekorativ-geometrische Variante des europaweit grassierenden Jugendstils. In heute unfassbarer Geschwindigkeit planten und errichteten die Secessionisten ein eigenes Museum. Hermann Bahr rezensierte es im hohen Ton der Reformenthusiasten: „Treten wir ein. Wir kommen zuerst in einen Raum, der uns feierlich stimmt. Ein Vorhof, in dem sich der Eintretende vom Täglichen reinigen, zum Ewigen stimmen soll.“

Die Leute nannten das "Secessionisten-Museum "Krauthapperl"

Der Architekt Josef Maria Olbrich, der später die Mathildenhöhe in Darmstadt bauen sollte, setzte dem geradlinig komponierten weißen Gebäude ein kugelförmiges Dach auf mit goldfarbenen Lorbeerblättern. Der Volksmund taufte das Gebilde leicht befremdet, aber liebevoll "Krauthapperl", Kohlkopf - ein Markenzeichen so wie Klimts Beethovenfries, das 1902 zusammen mit Max Klingers Beethoven-Statue das Museum programmatisch zum Gesamtkunstwerk machte.
Eingangsportal der Wiener Secession
Eingangsportal der Wiener Secession (dradio.de/Janine Wergin)
Heute gehören die wunderbaren Möbel und Stoffe der aus der Secession hervorgegangenen Wiener Werkstätten zur Wien-Identität; und vor Gustav Klimts Motiven ist schon gar keine Kaffeetasse, kein Topflappen sicher. Aber nach dem Zweiten Weltkrieg schienen die großen Zeiten der Secession sehr weit zurückzuliegen, ihre Rolle war umstritten. Immerhin gewann der Jugendstil an Ansehen, also kam die nicht abwegige Idee eines Jugendstilmuseums auf. Edelbert Köb, der 1982 Präsident der Secession wurde, war anderer Meinung:
„Wir gehen zurück zu den Wurzeln, nämlich wir gehen zurück zur Idee, internationale Kunst in Wien zu zeigen und Lücken zu füllen hier, und nicht eine gemütliche Künstlervereinigung zu haben, zu der es auch nach dem Krieg irgendwie geworden ist.“

Der sinkende Stern der Secession

Mit Ausstellungen vielversprechender Künstler, Internationalität und innovativen Programmen konnte die Secession der zeitgenössischen Kunst in Wien Auftrieb geben, war auch Edelbert Köb überzeugt:

„Heute machen das, was ich in der Secession gemacht habe, alle Museen der Bildenden Kunst bis zum Kunsthistorischen Museum, absurderweise. Ich hatte ein Alleinstellungsmerkmal gehabt. Es war eine andere Zeit, und es war eigentlich leicht. Es war übersichtlich und leicht, und fast konkurrenzlos.“

"Der Zeit ihre Kunst. Der Kunst ihre Freiheit" - in einer Epoche grenzenloser Individualisierung ist der Wahlspruch der Secession übererfüllt. Die Kunst hat sich längst aus allen kategorialen Beschränkungen befreit. Der Paukenschlag, mit dem die Secession begann, ist verhallt.