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Vor 680 Jahren
Der Beginn der "Magdalenenflut" - das „Jahrtausendhochwasser“

Angesichts des Ausmaßes der Zerstörungen und der langfristigen Folgen ist die „Magdalenenflut“ von 1342 in die Geschichtsbücher eingegangen. Sie gilt als schlimmste Hochwasserkatastrophe in Mitteleuropa und wurde von Zeitgenossen als Wiederkehr der Sintflut gedeutet. Dabei hatte die Flut ganz irdische Ursachen.

Von Andrea Westhoff | 19.07.2022
Säule zur Erinnerung an historische Weser Hochwasser in Hameln, Niedersachsen, 1342
Säule zur Erinnerung an historische Weser Hochwasser in Hameln, Niedersachsen, 1342 (picture alliance / Peter Schicker)
„Es schien, als ob das Wasser von überall her hervorsprudelte, sogar aus den Gipfeln der Berge […] Donau, Rhein und Main trugen Türme, sehr feste Stadtmauern, Brücken, Häuser und die Bollwerke der Städte davon.“
Mehrere mittelalterliche Chroniken berichten von der „Magdalenenflut“ von 1342 – so genannt, weil sie ihren Höhepunkt am 22. Juli hatte, der im katholischen Heiligenkalender Maria Magdalena zugeordnet ist.
Eine Wiederkehr der Sintflut, Gottes Strafe für ihre Sünden – davon waren die Menschen überzeugt:
„Die Schleusen des Himmels waren offen, und es fiel Regen auf die Erde wie im 600. Jahre von Noahs Leben.“

Grundlegender Klimawandel

Tatsächlich aber gab es mehrere ganz irdische Ursachen für die „Magdalenenflut“. Zum einen ein grundlegender Klimawandel: Nach einer langen „Warmphase“, in der gemäßigte klimatische Bedingungen für eine wirtschaftliche und kulturelle Blüte sorgten, herrschte in Europa seit etwa 1300 das vor, was Experten als „kleine Eiszeit“ bezeichnen, erklärt der Klimahistoriker Professor Wolfgang Behringer:
„Diese kleine Eiszeit heißt natürlich nicht, dass es permanent kalt war, sondern vor allem, dass man ganz ausgeprägte Kaltphasen hat, mit sehr kalten Wintern, in denen die Vögel auf den Bäumen frieren oder die Postreiter tot vom Pferd fallen, mit extremen Wetterjahren; also wir können sehen, dass in solchen Zeiten die Bevölkerung zurückgeht, viele Missernten zu finden sind, das passt sehr gut zusammen mit dieser kleinen Eiszeit.“

Ein Jahr der Wetterextreme

1342 ist so ein Jahr der Wetterextreme: Nach sehr kalten und schneereichen Wintermonaten wird es schon im Februar ungewöhnlich warm, so dass eine besonders starke Schneeschmelze einsetzt. Dann plötzlich schneit es wieder bis weit in den April in Süddeutschland, Österreich und der Schweiz, was im ohnehin regenreichen Frühsommer die Flüsse weiter kräftig anschwellen lässt.
Anfang Juli 1342 gibt es eine kurze, aber heftige Hitzephase, die Böden sind vollkommen ausgetrocknet und brüchig und können die Wassermassen nicht halten, als am 19. Juli – zunächst in Franken – ein intensiver Dauerregen einsetzt, bedingt durch eine besondere Wetterlage: Warme Luftschichten, die über dem Mittelmeer sehr viel Feuchtigkeit aufgenommen haben, ziehen nach Norden, treffen aber jenseits der Alpen auf ein Hochdruckgebiet, das die Wolken gewissermaßen festhält. Am meisten betroffen - das Rhein-Main-Gebiet: 175 Liter Regen pro Quadratmeter gehen hier in nur vier Tagen nieder.
„Am dritten Tag vor Maria Magdalena bis auf ihren Tag ist der Main so groß gewesen, dass das Wasser ganz und gar um Sachsenhausen ist gangen und zu Frankfurt in alle Kirchen und Gassen.“

Wahrscheinlich zehntausende Tote

Bei Frankfurt steigt der Main auf 7 Meter 85, in Würzburg wird ein Pegelstand von über 10 Metern gemessen, „so dass derselbe […] Äcker und Weingärten zerstörte und viele Häuser samt Bewohner fortriss.“ Im Mainzer Dom steht das Rheinwasser drei Meter hoch, „über die Mauern der Stadt Köln fuhr man mit Kähnen.“
Wahrscheinlich sind zehntausende Menschen direkt während der „Magdalenenflut“ von 1342 gestorben. Außerdem haben die Wassermassen acht bis zehn Meter tiefe Schluchten in die Felder gerissen und 13 Milliarden Tonnen Ackerland weggespült, sagt der Geografieprofessor Jürgen Herget: „Das führte zu katastrophalen Folgen, zu gravierenden Ernteeinbußen, zum Verlassen von ganzen Landschaften und Dörfern unmittelbar nach dem Ereignis, aber auch in den Jahren drauf.“

Hungersnöte und Pest

Es kam zu großen Hungersnöten, und die geschwächten Menschen hatten den grassierenden Seuchen wie Malaria oder Cholera und vor allem der großen Pestpandemie ab 1347 nichts entgegenzusetzen, die ein Drittel der damaligen Bevölkerung Europas, 25 Millionen Menschen, hinwegraffte.
Nicht zuletzt deshalb gilt die „Magdalenenflut“ von 1342 als „Jahrtausendhochwasser“. Aber wie lange noch? Spätestens die Flutkatastrophe im Sommer 2021 in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz zeigt, dass solche Unwetterereignisse auch hierzulande immer häufiger, mit immer dramatischeren Folgen auftreten.