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Filmpremiere vor 80 Jahren
Als Ernst Lubitschs "Sein oder Nichtsein" in die US-Kinos kam

Kurz nach der US-Kriegserklärung an NS-Deutschland drehte der deutsch-amerikanische Regisseur Ernst Lubitsch eine so böse wie geniale Satire über den Widerstand einer Warschauer Theatergruppe gegen ihre deutschen Besatzer. Vor 80 Jahren wurde "Sein oder Nichtsein“ uraufgeführt.

Von Hartmut Goege | 06.03.2022
Ernst Lubitschs "Sein oder Nichtsein " von 1942 - satirische Filmkomödie über polnische Schauspieler, die ihre für ein Antinazistück hergestellten Uniformen für die Arbeit in der Widerstandbewegung benutzen
Carole Lombard und Jack Benny als Maria und Joseph Tura in Ernst Lubitschs "Sein oder Nichtsein " von 1942 (picture alliance / United Archives)
„Das kann doch nicht wahr sein. Es muss aber wahr sein. Kein Zweifel, der Mann mit dem kleinen Schnurrbart ist Adolf Hitler. Adolf Hitler in Warschau? Und so ganz allein? Gilt sein Interesse etwa Maslowskis Würstchen? Unmöglich, er ist doch Vegetarier!“
Mit dieser Anfangsszene bereitet Ernst Lubitsch in seiner bitterbösen und temporeichen Film-Komödie das Publikum auf 90 Minuten Schein und Sein, Täuschung und Entlarvung vor: Denn der Mann in Hitlermontur vor einem Warschauer Wurstladen entpuppt sich doch nur als Kleindarsteller eines Warschauer Theaters, der die Wirkung seiner Maskerade testet.
"Ich weiß nicht, er ist nicht überzeugend. Für mich ist er nur ein Mann mit einem kleinen Schnurrbart."
"Aber das ist Hitler doch auch nur.“

In den USA bald umstritten

"Sein oder Nichtsein“ erzählt die Geschichte eines Warschauer Theater-Ensembles, das kurz vor dem Zweiten Weltkrieg eine Parodie über Hitler-Deutschland einstudieren will. Die Regierung aber verbietet das Stück, da es ihr zu provokant erscheint, und setzt stattdessen "Hamlet" auf den Spielplan.
Als die Komödie am 6. März 1942 in den USA in die Kinos kam, waren zahllose Lacher zwar garantiert, doch wenige Monate nach dem Kriegseintritt der USA und den Blitz-Krieg-Eroberungen der Deutschen in Europa machten viele Lubitsch zum Vorwurf, die Nationalsozialisten zu verharmlosen. Der Regisseur aber beharrte auf der Freiheit der Kunst.

Die Nazis verniedlicht?

"Ich gebe zu, dass ich die Nazis nicht so dargestellt habe, wie das Filme und Theaterstücke sonst tun, wenn sie Naziterror zeigen. Keine Folterkammer, keine Auspeitschung; meine Nazis sind anders: Brutalität und Tortur sind ihre Alltagsroutine. Sie reden darüber wie ein Geschäftsmann über den Verkauf einer Handtasche. Sie machen ihre Witze über das KZ und die Leiden ihrer Opfer.“

 Im Mittelpunkt der Geschichte stehen die Stars der Theatertruppe, das Ehepaar Joseph und Maria Tura; er, eitel und narzisstisch, sie divenhaft und wenig treu: Maria hat eine heimliche Affäre mit dem jungen Flieger-Leutnant Sobinski, der sie immer dann in ihrer Garderobe aufsucht, wenn der ahnungslose Joseph Tura den berühmten Hamlet-Monolog beginnt:
 
„Sag mir Maria, glaubt man mir den Hamlet nicht mehr?" - "Aber Liebling, Unsinn!“ - "Aber er hat den Saal verlassen." - "Vielleicht war ihm übel. Womöglich hatte er was mit dem Herzen.“ - "Ja, hoffentlich!“

Ein fintenreiches Verwechslungsspiel

Als die Wehrmacht in Polen einfällt, ist die Ehe-Farce hinfällig. Sobinski schließt sich der britischen Luftwaffe an und entdeckt in London, dass ein Professor Siletsky als Nazi-Doppelagent nach Warschau will, um polnische Widerständler an die Gestapo zu verraten. Um das zu verhindern, kehrt Sobinski zurück und beginnt mit Hilfe der Theatercrew ein fintenreiches Verwechslungsspiel, bei dem Uniformen getauscht, Bärtchen rasiert und wieder angeklebt werden. Eine zentrale Rolle kommt Maria Tura zu, die sich zum Schein von dem Professor umgarnen lässt.
"Siletsky will heute Abend mit mir essen. Und wenn uns nicht irgendwas anderes einfällt, dann bleibt mir nichts weiter übrig als ihn selbst umzubringen, weil ich die Einzige bin, die an ihn rankommt.“
Die andere entscheidende Rolle übernimmt ihr Ehemann. Um ein reales Treffen von Professor Siletsky mit Gestapo-Chef Erhardt zu vereiteln, muss Tura mal vor dem Professor den Gestapo-Chef mimen und mal vor dem Gestapo-Chef in die Rolle des Professors schlüpfen:
"Sie sind in London sehr berühmt. Wissen Sie, wie man Sie nennt? Man nennt Sie Konzentrationslager-Erhardt.“ - "Ach wirklich? Tatsächlich?“ - "Also man nennt mich Konzentrationslager-Erhardt!“ - "Ich habe doch gewusst, dass Sie so reagieren!“

Wie Lubitsch seine Nazis entlarvt

Lubitsch stilisierte die Nazi-Schergen nicht zu Superschurken, sondern versuchte sie als Schmierenkomödianten zu entlarven. Wenn etwa Kommandant Erhardt blauäugig einen Hitler-Witz weitererzählt, bekommt der Gestapochef fast sympathische Züge.
"Sie haben einen Cognac nach Napoleon genannt, einen Hering nach Bismarck, und ein Harzer Käse wird mal den Namen des Führers tragen. Finden Sie das nicht witzig?“ / "Nein!! Und ich glaube kaum, dass Adolf Hitler als Delikatesse in die Geschichte eingeht.“
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Da aber das Kino-Publikum weiß, dass dieser Witz von den Theaterleuten selbst in Umlauf gebracht wurde und der echte Erhardt nun ausgerechnet von Tura in der Rolle des Professor Siletsky dafür getadelt wird, wirkt der Gestapo-Chef umso lächerlicher. Nach zahlreichen Verwicklungen gelingt es den Darstellern schließlich, nicht nur die Untergrundbewegung zu retten, sondern sich auch mit einem letzten großen Täuschungs-Coup nach England abzusetzen.
Lubitsch gelang mit "Sein oder Nichtsein“ ein geniales Meisterwerk, das vor allem am Ende die Botschaft bereithielt, dass die deutschen Besatzer dem patriotischen Engagement der Polen, ihrer Fantasie, ihrem Lebenswillen und ihrem Spott nicht gewachsen waren.