Montag, 06. Februar 2023

Vor 150 Jahren
Wilhelm Reiß, der erste Europäer auf dem Cotopaxi-Gipfel

Mit 5897 Metern zählt der ecuadorianische Cotopaxi zu den höchsten Vulkanen der Erde. Die beiden ersten Menschen, die den Gipfel erreichten, waren vermutlich der Vulkanologe Wilhelm Reiß und sein kolumbianischer Partner Angel Escobar.

Von Dagmar Röhrlich | 28.11.2022

Stratovulkan Cotopaxi in den Anden von Ecuador, S?damerika.
Der Stratovulkan Cotopaxi liegt in den Anden von Ecuador (picture alliance / Zoonar / Uwe Bauch)
Dass ihre Forschungsreise durch Südamerika acht Jahre dauern würde - das ahnten die beiden Vulkanologen Wilhelm Reiß und Alphons Stübel nicht, als sie am 27. Januar 1868 in der nordkolumbianischen Hafenstadt Santa Marta an Land gingen. Eigentlich sollten die Anden nur eine Zwischenstation sein – auf dem Weg zu den Sandwich-Inseln, dem heutigen Hawaii.

Alexander von Humboldt war schon am Cotopaxi gescheitert

Die beiden wollten Vulkane außerhalb von Europa erforschen. Und zwar objektiv und vor Ort, ohne Rücksicht auf bestehende Theorien und Lehrmeinungen. Die Andenvulkane erwiesen sich als ein Dorado – und sie blieben. Ein Vulkan beeindruckte Wilhelm Reiß besonders:

„Der prächtigste Berg in dieser Region um Quito ist der Cotopaxi, der nach seiner Größe und schönen Form zu den bedeutendsten vulkanischen Bergen Ecuadors gehört. Er stellt sich als ein isolierter, wunderschöner Kegel dar, der von allen Seiten mit Schnee bedeckt ist.“

An der Besteigung des Cotopaxi war schon Alexander von Humboldt gescheitert – nun wollte der 1838 in Mannheim geborene Wilhelm Reiß den Vulkan bezwingen:
„Als ich auf meinen früheren Reisen den Cotopaxi von allen Seiten und in aller Ausführlichkeit untersuchte, in der Hoffnung, einen Punkt zu finden, von dem aus eine Besteigung möglich sein könnte, wählte ich den am meisten geneigten Teil des Gipfels, wo sich einige schwarze Streifen bis zur unteren Schneegrenze hinunterzogen.“

Ideale Bedingungen zum Besteigen des Cotopaxi

Im November 1872 war das Wetter trocken und heiß, der Schnee schmolz und gab den Weg hinauf zum Krater frei.
„Am frühen Morgen des 27. November 1872 waren alle Berge in Wolken verborgen. Die Expedition erreichte den Punkt, von dem aus der Aufstieg des Vulkans beginnt. Wir mussten unsere Zelte bei starkem Schneefall aufstellen, der die schwarze Asche in kürzester Zeit mit fast einem Zentimeter bedeckte.“
Am Abend klarte es auf, und am Morgen des 28. November waren die Bedingungen ideal. Um 6.45 Uhr begann der Aufstieg. Wilhelm Reiß und seine Begleiter durchquerten zunächst ein Lavafeld, dann Lavablöcke, über die sie wie auf einer Treppe emporstiegen. Schneefelder und blankes Eis mussten überquert werden, Vulkanasche, die das Laufen erschwerte. Schließlich habe er sogar das Rauchen seiner Zigarre einstellen müssen, schrieb Wilhelm Reiß.
„Als ich (um 10.15 Uhr) eine Klippe in 5.712 m erreichte, setzte ich mich das erste Mal hin, um auf meine Begleiter zu warten. Ich schaute mich um, aber alles, was ich sehen konnte, war mein (Diener Angel Maria Escobar de Bogotá), der mich auf all meinen Reisen in den letzten Jahren treu begleitet hat, und meinen armen Hund, der mir heulend und mit großer Anstrengung folgte, weil er sein Herrchen nicht verlassen wollte.“

Erster Mensch, der höchsten aktiven Vulkan der Erde bestieg

Immer öfter mussten sie Pausen machen. Ein Steinschlag traf Reiß, verletzte ihn so schwer, dass er fast umkehren musste. Doch er kämpfte sich weiter.
„Da der Gipfel in Wolken gehüllt war, schienen alle Felsen und Klippen vor uns sehr hoch und weit entfernt zu sein. Sobald wir uns jedoch ein wenig mehr nach Süden wandten, erreichten wir plötzlich den Gipfel. In diesem Fall riss die Wolkendecke auf und menschliche Augen fielen zum ersten Mal auf den Boden des Cotopaxi, zum ersten Mal auf den Boden des Kraters.“
Nach fünf Stunden hatte sie ihren Sieg errungen. „Ich kann und will meine Genugtuung nicht leugnen, dass ich der erste Mensch war, der jemals den höchsten aktiven Vulkan der Erde bestieg.“
Auf den Überschwang der Gefühle folgten zweieinhalb Stunden wissenschaftliche Arbeit am Kraterrand.
„Der Krater schien eine elliptische Form zu haben. Wir beobachteten auch einige große Fumarolen, die geräuschlos dichte weiße Rauchwolken ausstießen, die nach schwefliger Säure rochen und kleine Schwefelablagerungen (...) um sich herum bildeten.“

Heute fast 100 Meter weniger Aufstieg

Sie bestimmten auch die Höhe des Vulkans: 5993 Meter. Heute müssten sie wegen der Ausbrüche der vergangenen 150 Jahre knapp 100 Höhenmeter weniger steigen.
Im April 1876 kehrte Reiß zurück nach Deutschland. Durch die Strapazen krank geworden, lebte er als Privatgelehrter in Berlin und wertete sein Material aus. Doch während der jahrelangen Reise hatten sich Forschungsmethoden und Theorien weiterentwickelt, so dass vieles obsolet geworden war. Am 29. September 1908 kam er auf seinem Alterssitz Schloss Könitz in Thüringen bei einem Jagdunfall ums Leben.