
Für viele junge Menschen wird 2026 das Jahr ihrer ersten politischen Wahl. Doch eine Studie zeigt: Der Einstieg ins Wählen ist oft komplizierter, als man denkt. Bürokratie, fehlende Informationen und das Gefühl, politisch kaum vorzukommen, bremsen viele aus. Und das sind nur einige Faktoren. Dabei sind junge Leute heute politisch interessierter als in den vergangenen Jahren. Warum also fällt jungen Menschen der Weg zur Wahlurne schwerer als anderen – und was würde ihnen helfen?
Wie viele junge Menschen gehen wählen?
Nimmt man den Wahlgang als Indikator für politisches Interesse, zeigt sich, dass junge Menschen zuletzt wieder stärker politisch interessiert waren: Bei der Bundestagswahl 2025 lag die Wahlbeteiligung der 18- bis 29-Jährigen laut einer aktuellen Studie der Bertelsmann Stiftung bei 79 Prozent. Seit 2009 haben demnach fast 20 Prozent mehr junge Menschen gewählt. Doch es gebe noch Potenzial: Mit ihrer Wahlbeteiligung bei der damaligen Bundestagswahl lagen sie vier Prozentpunkte unter dem Durchschnitt der Gesamtbevölkerung, so die Studie. Und das, obwohl die 18- bis 29-Jährigen als optimistischer und gesellschaftlich deutlich engagierter gelten als Menschen über 30.
Welche Bedeutung hat es, dass junge Menschen wählen gehen?
Relevant ist ihre Wahlbeteiligung vor allem, weil ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung stark zurückgegangen ist. Nur noch ein Sechstel der Deutschen ist zwischen 18 und 29 Jahren alt. Umso wichtiger ist es, dass sie ihre Interessen per Stimmzettel artikulieren. Andernfalls bestimmen ältere Generationen die politische Agenda – und die Themen der Jugend finden kaum Gehör.
Was sind Gründe, dass junge Menschen nicht wählen?
Die Studie der Bertelsmann Stiftung zeigt auch, was junge Menschen derzeit daran hindert, wählen zu gehen. Vielfach herrscht Unsicherheit darüber, wie Wahlen grundsätzlich funktionieren. Wer noch nie gewählt hat, muss sich zunächst mit dem Wahlvorgang, insbesondere dem Wahlschein vertraut machen. Hinzu kommen eine Vielzahl von Parteien, deren Wahlprogramme und wenig Orientierung, welche davon zu den eigenen Interessen passen.
Entscheidend ist auch, ob die eigene Stimme als wirksam empfunden wird. Junge Menschen machen heute nur noch einen kleinen Teil der Wahlberechtigten aus. Viele sehen sich deshalb als Minderheit, deren Anliegen weniger Gewicht haben. Themen wie Renten oder Pflege bekommen häufig mehr Aufmerksamkeit als Bildung, Digitalisierung oder bezahlbarer Wohnraum. Viele Jungwähler erlebenl, dass über sie gesprochen wird, aber selten mit ihnen.
Der Tonfall in sozialen Medien kann abschrecken
In sozialen Medien, der Hauptinformationsquelle vieler junger Menschen, wird Politik außerdem häufig laut, aggressiv und verletzend diskutiert. Das kann abschrecken. Wenn Politik als kompliziert, korrupt oder weit weg empfunden wird, sinkt die Bereitschaft, wählen zu gehen. Und es entstehen Zweifel daran, dass die eigene Stimme zählt.
Hinzu kommen praktische Hindernisse: Zwischen Ausbildung, Studium und dem ersten Job steht oft ein Umzug an. Wahlbenachrichtigungen landen an alten Adressen oder Briefwahlfristen werden verpasst. Der Personalausweis ist kürzer gültig, möglicherweise bereits abgelaufen oder muss erst noch beantragt werden. Auch die familiäre Sozialisation spielt eine Rolle. Wenn im Elternhaus nicht gewählt wird, tuen es die Kinder häufig ebenfalls nicht.
Zudem besitzen rund 22 Prozent der jungen Bevölkerung laut Statistischem Bundesamt keine deutsche Staatsangehörigkeit und sind daher rechtlich von Wahlen ausgeschlossen.
Was könnte junge Menschen zum Wählen bewegen?
Laut dem 17. Kinder- und Jugendbericht der Bundesregierung (2024) ist für junge Menschen entscheidend, dass wichtige Themen aus ihrer Sicht nicht nur als Alibi einbezogen werden, sondern, „dass ihre Stimmen gehört, respektiert und in Entscheidungsprozesse integriert werden“. Dazu könnten beispielsweise Kinder- und Jugendparlamente dienen.
Ein zentraler Hebel wäre auch die Absenkung des Wahlalters auf 16 Jahre. In diesem Alter gehen viele noch zur Schule. Der Politologe Arndt Leininger von der Technischen Universität Chemnitz erklärt, dass die Schule einen stabilen sozialen Rahmen und auch Raum bietet, sich mit Politik zu beschäftigen. In der Schule könnten durch Juniorwahlen und Simulationen außerdem praktische Abläufe geübt und so Unsicherheiten rund um den Wahlgang abgebaut werden.
Erfahrungen aus Ländern wie Österreich und Schottland zeigen, dass Menschen, die bereits mit 16 Jahren wählen dürfen, über ihren gesamten Lebenslauf hinweg eine stabilere Wahlbeteiligung zeigen.
Wichtig ist zudem, dass Politikerinnen und Politiker auf Augenhöhe kommunizieren. Eine authentische Präsenz auf Plattformen wie TikTok böte diese Möglichkeit. Soziale Medien sind für drei Viertel der Jugendlichen die erste Informationsquelle für politische Themen.
Zusätzlich könnten praktische Hilfen den Gang zur Urne erleichtern, etwa Erinnerungs-SMS am Wahltag. In Schweden und Norwegen ist das bereits üblich und führt gerade bei jungen Menschen zu einer höheren Wahlbeteiligung. Eine weitere Idee ist, den öffentlichen Nahverkehr am Wahltag kostenlos nutzen zu dürfen. Brasilien beispielsweise testet das. Letztlicht geht es darum, den Wahlgang von einem bürokratischen Akt zu einer sozialen Gewohnheit zu machen, die junge Menschen als Chance begreifen, ihre Zukunft aktiv mitzugestalten.
Online-Text: Maja Fiedler













