Montag, 04. Juli 2022

Ukraine
Wegsehen mehrt das Unrecht

Es gibt gefühlt nur ein Thema: den Krieg in der Ukraine. Aber wie lange noch bis die Aufmerksamkeit von Medien und Öffentlichkeit schwindet? Es wird Zeit für eine neue Balance durch andere Formate und eine langfristige Begleitung wichtiger Themen, findet Kolumnistin Marina Weisband.

Von Marina Weisband | 16.03.2022

Eine Frau sitzt auf dem Sofa und schaut im Fernsehen die Tagesschau zum Ukraine-Konflikt.
Eine Frau sitzt auf dem Sofa und schaut im Fernsehen die Tagesschau zum Ukraine-Konflikt. (picture alliance/dpa | Lino Mirgeler)
Ich muss in dieser Kolumne etwas zur Ukraine sagen. Natürlich muss ich etwas zur Ukraine sagen. Als jemand mit Familie in Kiew gibt es zur Zeit kein anderes Thema. Aber für alle anderen ja auch nicht. Seit drei Wochen werden unsere Köpfe geflutet mit unfassbaren Bildern aus großen europäischen Städten. Bomben auf Wohnhäuser. Kinder in Bunkern. Fliehende, die alles verloren haben. Verletzte. Tote.
Die ersten drei Tage bestanden aus stündlichen Eskalationen, zu denen man morgens aufwachte und abends einschlief, voller Angst, was sich in der Nacht alles ereignen könnte. In den Nachrichten – praktisch kein anderes Thema. Bis das Gehirn das alles nicht mehr verarbeiten kann. Bis praktisch keine Möglichkeit bleibt, als sich vollständig in jeden Tweet, jede Meldung zu vertiefen – oder abzuschalten. In vollständiger Nachrichtenabstinenz zu leben. Für die eigene psychische Gesundheit.  

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Gewöhnt an undenkbare Verbrechen

Nach den ersten drei Tagen kamen wir in eine weit zermürbendere Phase des Kriegs. Die Nachrichten sind immer noch allgegenwärtig, aber zu Berichten gibt es nichts bahnbrechend neues. Russische Truppen gewinnen langsam Territorium. Die Verbrechen gegen die Menschlichkeit werden immer widerwärtiger. Noch immer Bomben auf dichtbewohnte Stadtgebiete. Noch immer entführte Bürgermeister. Noch immer nächtlicher Terror. Noch immer Flucht.  
Es kommt zu einer grässlichen Form der Gewöhnung. Wir sind gleichzeitig erregt, wütend, hilflos und… zunehmend gewöhnt an undenkbare Verbrechen. Wie lange lässt sich dieser Zustand aufrecht erhalten?

Wenn der Nachrichtenzyklus weiterzieht 

Ich berichte nicht erst seit drei Wochen über die Ukraine. Ich habe 2013 damit angefangen. Über die Maidan-Revolution und die russische Aggression, die ihr nachfolgte. Darum erinnere ich mich noch sehr gut an das Jahr 2014. Schon damals war die Ukraine in aller Munde. Die Revolution, Annektion der Krim… alle waren entsetzt. Dann der Krieg. Kampf um Mariupol. Und irgendwann passierte das, was immer passiert: der Nachrichtenzyklus zog weiter. Die Ereignisse zogen sich zu lang, es wurde etwas ruhiger, hierzulande wurden andere Dinge relevant. Der Krieg brodelte acht Jahre lang unbeobachtet. Kaum jemand achtete auf Putins Propaganda in dieser Zeit, auf die Entmenschlichung der Ukrainer, auf die omnipräsente Kriegsrhetorik in Russland.

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Die Toten des gestrigen Nachrichtenzyklus sterben ungesehen. Was heute noch ein ganzes Land den Atem anhalten ließ, wird in zwei Wochen möglicherweise nur eine kurze Meldung unter vielen anderen sein. Und genau das ist meine Befürchtung, was mit der Ukraine passieren wird. Geht der Krieg lang genug, wird er zunehmend von anderen Themen verdrängt werden. Und dann beginnen selbstverstärkende Prozesse: In Talkshows spricht man, worüber das Land nunmal spricht. Und das Land spricht darüber, worüber in Talkshows gesprochen wird. Zu jeder Zeit kann gefühlt nur ein Thema im Vordergrund stehen. Corona ist jetzt vorbei, jetzt ist Ukraine, morgen sind es Energie- und Lebensmittelpreise.

Wendet Euch nicht ab  

Dabei ist es gefährlich, ein wichtiges Thema aus den Augen zu verlieren. Sei es Corona, Klimakrise oder der Krieg. Dinge passieren nun mal gleichzeitig. In Zeiten von Social Media müssen wir eine neue Balance finden zwischen einem initialen überwältigenden Zuviel an Nachrichten – die auch gar nicht alle geprüft und eingeordnet werden können – und einem algorithmengetriebenen Umschalten zu einem komplett neuen Thema. Lieber zwei Mal am Tag eingeordnete, journalistisch aufgearbeitete Meldungen lesen. Zwischendurch Talkshows auch zu anderen Themen machen. Dafür mehr große Formate der langfristigen Begleitung wichtiger Themen widmen.  
Jetzt, wo noch alle Augen auf dieses Land gerichtet sind, möchte ich bitten: wendet euch nicht ab, wenn Unrecht passiert. Seht hin. Wegsehen mehrt das Unrecht.