Freitag, 02. Dezember 2022

Wenn Journalisten verhaftet werden
Zwischen stiller Diplomatie und öffentlichem Druck

Immer wieder werden Journalistinnen und Journalisten im Ausland verhaftet – so wie gerade in Russland kurzzeitig der Reporter Roman Schell. Gefragt sind dann auch Verlage und Sender. Und die Politik.

Text: Michael Borgers | Roman Schell im Gespräch mit Sebastian Wellendorf | 01.09.2022

16.02.2018, Berlin: Mikrofone stehen vor der Pressekonferenz anlässlich Freilassung des «Welt»-Korrespondenten Deniz Yücel im Newsroom der Zeitung "Die Welt" vor Bildschirmen, die ein Foto nach seiner Freilassung zeigen. Nach mehr als einem Jahr in türkischer Haft hat der «Welt»-Korrespondent Deniz Yücel das Gefängnis in Silivri bei Istanbul verlassen. (zu "Nach mehr als einem Jahr in türkischer Haft hat der «Welt»-Korrespondent Deniz Yücel das Gefängnis in Silivri bei Istanbul verlassen" vom 16.02.2018) Foto: Kay Nietfeld/dpa +++ dpa-Bildfunk +++
Am 16.02.2018: Die "Welt" gibt die Freilassung ihres Korrespondenten Deniz Yücel bekannt (picture alliance / Kay Nietfeld / dpa / Kay Nietfeld)
Dass Journalistinnen und Journalisten selbst zum Gegenstand von Berichterstattung werden, kommt selten vor. Auch Roman Schell ist ein Journalist, der sonst nur über andere berichtet. Zum Beispiel im Mai 2021 für den Deutschlandfunk. Damals schilderte Schell im Kollegengespräch mit dem Medienmagazin @mediasres, wie der belarussische Blogger Roman Protasewitsch spektakulär aus einem Linienflug heraus festgenommen wurde.
Und dann das: Gut anderthalb Jahre später berichten deutsche Medien über Roman Schell. Und seine eigene Festnahme. Schell habe offenbar eine regierungskritische Kunstaktion gefilmt, macht „Welt“-Korrespondent Pavel Lokshin auf Twitter als einer der Ersten in Deutschland die Nachricht öffentlich. Man fordere seine sofortige Freilassung, so „Reporter ohne Grenzen“ daraufhin.

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Und tatsächlich wird Schell, der seit Beginn des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine in beiden Ländern gearbeitet hat, schon bald wieder freigelassen. Nach sieben Stunden habe er die Wache verlassen dürfen, sagte der Journalist nun im Deutschlandfunk. Zuvor sei er über Stunden verhört worden. Dabei habe man sein Handy durchsucht nach Videos und Kommunikation auf Messengerdiensten wie Telegram. Seine größte Sorge sei gewesen, so Schell, dass seine Arbeit als Journalist in der Ukraine bekannt würde.

Journalist Schell: Vorerst nicht zurück nach Russland

Nach seiner Freilassung habe ihn dann der Geheimdienst FSB kontaktiert und ihm mit Problemen gedroht, sollte er nicht mit seiner journalistischen Arbeit aufhören. „Ich wurde als russischer Staatsbürger behandelt“, ist sich Schell sicher, der als Sohn von Spätaussiedlern auch über einen deutschen Pass verfügt. Diese Warnung habe er „sehr ernst genommen“. Er habe „schon Erfahrung damit“, sagt er außerdem, und berichtet von zwei Verhaftungen durch den FSB in der Vergangenheit.
Als Schell dann auch noch von Erkundigungen des Geheimdienstes in seiner Nachbarschaft erfährt, macht er sich auf den Weg nach Deutschland. Seine Geschichten werde er nun hier dennoch veröffentlichen, „denn ich bin freier Journalist“. Von weiteren Reisen nach Russland müsse er aber in den nächsten Monaten absehen. Er gehe davon aus, an der Grenze gleich wieder festgenommen zu werden.

Deniz Yücel sitzt fast ein Jahr in Haft

So schnell wie bei Schell klärt sich die Situation für festgenommene Journalisten nicht immer. Eines der jüngsten und prominentesten Beispiele ist das von Deniz Yücel, der wie Romand Schell über zwei Staatsbürgerschaften verfügt. Der deutsch-türkische „Welt“-Reporter befand sich von Februar 2017 an in der Türkei im Gefängnis, die meiste Zeit davon in strenger Einzelhaft.
Seiner Freilassung – fast genau ein Jahr später – vorangegangen war großer andauernder und öffentlicher Druck. Noch vor Yücels Inhaftierung hatten sich in Deutschland Verbände mit einer Petition an die damalige Bundeskanzlerin Angela Merkel unter dem Titel #FreeWordsTurkey für Meinungsfreiheit in dem Land stark gemacht.

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Entgegengenommen hatte diesen Appell damals Christoph Heusgen, zu der Zeit Merkels außenpolitischer Berater, heute Vorsitzender der Münchner Sicherheitskonferenz. Die Freiheit der Medien sei international auch rechtlich verbrieft, betont Heusgen nun, mehr als fünf Jahre später, gegenüber dem Deutschlandfunk. Deswegen sei es wichtig, dass sich die Bundesregierung stets für die Freilassung eines Journalisten einsetze. Wie genau sich die Politik engagiere – hier gebe es unterschiedliche Wege.

Diplomat Heusgen: Auch Verhandlungen hinter den Kulissen

Einerseits könne eine Forderung nach Freilassung von Anfang an öffentlich gemacht werden, so Heusgen. „Und das ist oft auch wichtig, weil man dadurch den Druck auf ein Land erhöht.“ Der andere Weg laute: Geheimdiplomatie. „Dann geht es darum, hinter den Kulissen auf den Staat, der einen Journalisten verhaftet hat, einzuwirken.“ Ein solches Vorgehen sei manchmal sogar erfolgsversprechender, erklärt der deutsche Diplomat. Denn so lasse sich der Gesichtsverlust für jemanden verringern, „der einen Journalisten unter großem Getöse verhaftet hat und dann wieder freilässt“.
Und Heusgen ergänzt: „Wobei man auch auf das Gesicht eines Diktators keine Rücksicht nehmen muss.“ Vielmehr sei das eine „Frage der Effektivität, wie man am besten das Ziel erreicht, das man erreichen möchte“.

Reporter ohne Grenzen: Öffentlichen Druck aufbauen

Nach einer Verhaftung gehe es erst einmal vor allem um Sicherheit, „für Betroffene selbst und deren Angehörige“, unterstreicht Katja Gloger von „Reporter ohne Grenzen“ (ROG) gegenüber dem Deutschlandfunk. Und in der Regel werde dann eine Organisation wie ROG aufgefordert, einen Fall öffentlich zu machen. Diesen öffentlichen Druck, „dass sich Politik nicht nur einen Tag, sondern dauerhaft kümmert“, versuche man dann aufrecht zu erhalten.

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In der Pflicht seien aber natürlich auch die jeweiligen Auftraggeber, also Sender und Verlage, sagt Gloger, die selbst für das Magazin „Stern“ als Korrespondentin in Moskau und Washington gearbeitet hat. Die Medienhäuser seien hier gefragt, den „bestmöglichen Schutz und Unterstützung zu gewähren, selbstverständlich auch freien Journalistinnen und Journalisten, wenn sie in deren Auftrag unterwegs sind".

Größere Gefahr für Stringer

Eine wichtige Rolle bei der Arbeit in bestimmten Staaten spiele auch, mit welchen Visum Journalisten unterwegs seien. Gloger erinnert an den Fall der beiden 2010 im Iran inhaftierten Reporter der „Bild am Sonntag“ (BaMS). Diese waren nur mit Touristenvisa eingereist, wie einer der Journalisten später im Interview erklärte. In einem solchen Fall biete man den Behörden solcher Länder eine „große offene Tür, durch die sie gegen unabhängigen Journalismus vorgehen können“. Die BaMS-Reporter waren nach vier Monaten freigelassen worden; auch hier hatte sich die Bundesregierung eingeschaltet.
In der Regel sei es ja so, „dass Auslandskorrespondenten qua Status und Staatsbürgerschaft oft vergleichsweise geschützt sind“, so Gloger. Anders sei das bei den jeweiligen lokalen Mitarbeitern, den sogenannten „Stringern“, die den Korrespondenten zuarbeiten. „Die sind im Zweifel eher in Gefahr, Repressionen oder sogar Verhaftungen ausgesetzt zu sein.“