
Der Infraschall von Windrädern macht nach heutigem Forschungsstand nicht krank. Doch kursiert seit Jahren die Behauptung, die Anlagen seien gesundheitsschädlich.
Seit einigen Wochen verbreiten Gegner von Windkraftanlagen in sozialen Netzwerken wieder eine neue Untersuchung, die einen Zusammenhang mit Herzerkrankungen zeigen soll. Die Methode dahinter weist allerdings erhebliche Schwächen auf. Was sagen andere Studien?
Herzerkrankungen durch Windkraft: Zweifel an der Methode
Infraschall ist für Menschen nicht hörbar. Er entsteht in der Natur, zum Beispiel durch Wind, Meereswellen und Flussströmungen, aber auch durch technische Geräte. Die wichtigste Quelle in Deutschland ist laut Christian Fabris vom Umweltbundesamt (UBA) der Verkehr – auf der Straße, auf der Schiene und in der Luft.
Der Herzchirurg Christian-Friedrich Vahl und sein Mitautor Oliver Dietz sehen in ihrer Auswertung, die sie im April auf einem Medizinerkongress vorstellten, allerdings Hinweise auf Folgen des Infraschalls von Windrädern für die Herzgesundheit. Sie haben dafür Daten aus vier Gemeinden im Kreis Paderborn verglichen. Zwei davon mit vielen Windrädern, zwei mit wenigen. In denen mit vielen Windrädern sollen laut den Autoren mehr neue Herzerkrankungen aufgetreten sein.
Veröffentlicht wurde die Arbeit allerdings nur als Poster auf einem Fachkongress, anders als bei einem Fachaufsatz wird die Methode dabei nicht von unabhängigen Fachleuten geprüft.
Stefan Holzheu von der Universität Bayreuth hält den vermuteten Zusammenhang für abwegig. Im Auto sei man tausendfach höherem Infraschall ausgesetzt als in der Nähe eines Windrads, ohne dass sich gesundheitliche Folgen zeigten. Bei so schwachen Pegeln etwas zu entdecken, sei seiner Ansicht nach „absurd”.
Christian Fabris vom UBA vermisst in der Auswertung wichtige Einflussfaktoren. Wie stark etwa ist der Straßenverkehr, der die Luft verschlechtert? Wie hoch ist der Reifenabrieb? Solche Störfaktoren müsse eine Studie berücksichtigen.
Für die Auswertung selbst wurde außerdem kein Mensch untersucht und kein Infraschall gemessen. Die Zahlen stammen von der Kassenärztlichen Vereinigung Westfalen-Lippe. Diese stellt klar, dass ihre Daten gar keine Auskunft über Neuerkrankungen geben können, weil auch bereits zuvor Erkrankte enthalten sind. Für die untersuchte Fragestellung eigne sich der Datensatz grundsätzlich nicht.
Was große Studien zu Windrädern und Gesundheit sagen
Eine im Mai 2026 in der Fachzeitschrift PNAS erschienene Langzeitstudie unter Federführung der Universität Augsburg hat Angaben von mehr als 120.000 US-Haushalten aus den Jahren 2011 bis 2023 mit den Standortdaten von Windkraftanlagen verknüpft, dazu Daten zum Kauf von Schlaf- und Schmerzmitteln.
Die Forschenden verglichen dieselben Haushalte vor und nach dem Bau naher Windkraftanlagen. Untersucht wurden Schlafstörungen, Depressionen, Angstzustände und Kopfschmerzen. Für die untersuchten Haushalte fanden sie keine nachweisbaren Effekte. Kleine Auswirkungen könne man nicht ausschließen, schreiben die Autoren, mittlere bis große aber schon.
Zu einem ähnlichen Ergebnis kommt eine niederländische Studie von 2025. Darin wurden Diagnosen und Verschreibungen aus Hausarztpraxen in einem Zeitraum von zehn Jahren ausgewertet, jährlich von 350.000 bis 560.000 Menschen, die im Umkreis von fünf Kilometern um Windräder leben. Belastbare Zusammenhänge zwischen der Nähe zu einer Anlage und der Häufigkeit von Beschwerden fanden sich nicht.
Auch eine im Auftrag des Umweltbundesamts erstellte Zusammenschau kam 2024 zu dem Schluss, dass es keine Evidenz für Gesundheitsschäden durch Infraschall – unabhängig von der Quelle – gibt, die über Lärmbelästigung und berichtete Schlafstörungen hinausgeht.
Die größeren Gesundheitsgefahren entstünden, wenn man nicht auf erneuerbare Energien umsteige, sagt Christian Fabris vom UBA. Wenn weiterhin fossile Brennstoffe verfeuert würden, schreite der Klimawandel voran und nähmen Hitzewellen zu. Der Ausbau der Windkraft diene dazu, das zu verhindern.
Lärm und Nocebo-Effekt: Warum Windräder belasten
Die bedeutsamste Auswirkung von Windrädern ist die Lärmbelästigung in unmittelbarer Umgebung der Anlagen. Sie geht nicht auf Infraschall zurück, sondern auf hörbaren Schall.
Wie stark sie empfunden wird, hängt nicht nur vom Pegel ab: Messbare Geräuschbelastung erklärt laut Umweltbundesamt nur bis zu einem Viertel des Belästigungsempfindens. Eine Rolle spielen auch die Sichtbarkeit der Anlagen und die persönliche Einstellung zu ihnen.
In einem Experiment entwickelten Probanden Symptome, sobald sie negative Wirkungen durch Infraschall erwarteten. Das geschah unabhängig davon, ob sie tatsächlich Infraschall ausgesetzt waren. Fachleute sprechen dabei vom "Nocebo-Effekt". Die Beschwerden sind real, nur ihre vermutete Ursache ist es nicht.
Das Umweltbundesamt rät daher auch, Anwohnerinnen und Anwohner früh in Planung und Genehmigung einzubeziehen, die Bauphase möglichst wenig belastend zu gestalten und sie mit ihren Bedenken nicht allein zu lassen. Eine Rolle spielt laut UBA auch, ob die Menschen vor Ort finanziell von den Anlagen profitieren.
Radiobeitrag: Anja Lordieck / Onlinetext: Elena Matera



















