Donnerstag, 18. August 2022

Vor 75 Jahren in Bayreuth
Das Urteil gegen die "Hitleristin" Winifred Wagner

Winifred Wagner, Schwiegertochter Richard Wagners und früheres NSDAP-Mitglied, war eine glühende Verehrerin Adolf Hitlers, der sie unzählige Male in Bayreuth besuchte. Dort erging am 2. Juli 1947 das Urteil in Winifred Wagners Entnazifizierungsverfahren.

Von Otto Langels | 02.07.2022

Adolf Hitler  mit Winifred Wagner 1937 im Garten von Haus Wahnfried. In Begleitung von Winifreds Söhnen Wieland (rechts) und Wolfgang  (Zweiter von links)
Adolf Hitler mit Winifred Wagner 1937 im Garten von Haus Wahnfried. (picture-alliance / akg-images)
 "Man hat mir auch vorgeworfen, dass ich die Festspiele in den Dienst des Nationalsozialismus gestellt hätte. Das ist ein barer Unsinn", erklärte Winifred Wagner, langjährige Leiterin der Bayreuther Festspiele, Jahrzehnte nach dem Untergang des NS-Regimes in einem Interview.
Die gebürtige Engländerin hatte mit 18 Jahren Siegfried Wagner geheiratet, einen Sohn des Komponisten Richard Wagner. 1923 lernte sie Adolf Hitler kennen, mit dem sie schon bald eine enge Freundschaft verband.
„Und ich muss gestehen, dass ich sofort also einen sehr großen und tiefen Eindruck von dem Mann hatte. Als Persönlichkeit, das Auge war vor allen Dingen ungeheuer anziehend.“

Winifred-Biografin: "Sie war ja eine Hitleristin"

Im „Haus Wahnfried“, der repräsentativen Villa der Wagners, war Hitler unzählige Male zu Gast und genoss den familiären Anschluss. Tiefe Verbundenheit, wenn nicht gar Liebe, verband Winifred Wagner mit Adolf Hitler. Dazu im Jahr 2002 die Historikerin Brigitte Hamann, Biografin Winifred Wagners:
„Bayreuth war ja ein deutsches Zentrum, ein Zentrum der deutschen Kunst, es war ein Zentrum des Antisemitismus. Und dazu kommt natürlich auch Hitlers große Liebe zu Richard Wagner. Winifred war ja eine Hitleristin, also sie war eine Verehrerin Hitlers persönlich, aber nicht eine Anhängerin der Partei.“

Bayreuth-Dauergast Hitler

Gleichwohl trat sie 1926 der NSDAP bei. Nach dem frühen Tod ihres Mannes übernahm Winifred Wagner 1930 die Leitung der Festspiele. Ein Jahrzehnt lang war Hitler Dauergast in Bayreuth.
Nach dem Ende des NS-Regimes musste sie sich – wie Millionen Deutsche – einem Entnazifizierungsverfahren unterziehen. Die Spruchkammer Bayreuth, ein deutsches Laiengericht mit einem rechtskundigen Vorsitzenden, hatte im Sommer 1947 zu urteilen, ob Winifred Wagner als Hauptschuldige, Belastete, Minderbelastete, Mitläuferin oder Entlastete einzustufen sei. Die Spruchkammer vernahm Zeugen und verlas Schreiben, die für oder gegen Winifred Wagner Stellung nahmen, darunter ein anonymer Brief:
„Frau Oberregierungsrat Brandner wollte Hilfe für eine mit Frau Wagner befreundete jüdische Frau erbitten. Frau Wagner hat es abgelehnt, Frau Brandner auch nur zu empfangen. Die jüdische Frau hat darauf, um sich der angeordneten Deportation zu entziehen, Selbstmord begangen.“

Mitunter Einsatz für NS-Verfolgte

Ihre Nähe zu Hitler und anderen Nazi-Größen nutzte Winifred Wagner aber auch, sich mehrfach für Regimegegner und Juden einzusetzen, unter anderen für den Kapellmeister Paul Ottenheimer. Seine Tochter sagte als Zeugin vor der Kammer aus:
„Mein Vater wurde von der Gestapo im Mai 1943 verhaftet. Ich bat Frau Winifred Wagner, alles zu tun, um meinen Vater vor dem Abtransport nach Auschwitz zu retten. Frau Wagner sagte zu, zu tun, was in ihren Kräften stünde. Mein Vater war auch nach vier Wochen wieder zurück.Mancher NS-Verfolgter verdankte Winifred Wagner sein Leben. Sie verlor damit aber auch die Gunst Adolf Hitlers. Er tauchte nach 1940 nicht mehr in Bayreuth auf. Am 2. Juli 1947 erging das Urteil der Spruchkammer:
„Die Betroffene ist in die Klasse II der Belasteten eingereiht worden. Sie ist zu Sonderarbeiten für die Allgemeinheit für die Dauer von 450 Tagen heranzuziehen. 60 Prozent ihres Vermögens sind als Beitrag zur Wiedergutmachung einzuziehen.“

"Unser Seliger Adolf"

Gegen das Urteil legte Winifred Wagner Berufung ein. Sie wurde im Dezember 1948 von der zuständigen Kammer nur noch als Belastete eingestuft und fiel im September 1950 per allgemeiner gesetzlicher Verfügung unter die Mitläufer. Doch sie blieb Hitler treu.
„Ich meine, wir alten Nationalsozialisten haben nach dem Krieg einen neuen Decknamen erfunden. Da man in aller Öffentlichkeit ja nicht über ihn reden konnte, haben wir ihn USA genannt, das heißt auf Deutsch: Unser Seliger Adolf.“
Trotz der grenzenlosen Verehrung Hitlers war Winifred Wagner in den Augen ihrer Biografin Brigitte Hamann eine Frau mit Gegensätzen und Brüchen: „Das ist diese Widersprüchlichkeit, die ja in jedem Menschen eigentlich ist. Also so einfach, die war eine Nazi, so einfach ist es nicht.“

Doch sie war mehr als nur eine Mitläuferin: Immerhin hielten ihre Söhne es für nötig, Winifred Wagner 1975 den Zutritt zum Festspielhaus zu verbieten, weil sie noch immer an den „Endsieg des Führers“ geglaubt habe.