Dienstag, 16. August 2022

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"Wir als Buddhisten schätzen das Leben sehr hoch"

Die tibetische Exilregierung lehnt Selbstverbrennungen tibetischer Mönche als Mittel des Protests gegen China ab. Letztlich liege die Entscheidung aber bei den Tibetern in Tibet selbst, sagt der neue exil-tibetische Ministerpräsident Lobsang Sangay. Schließlich sei der Hauptgrund für diese Aktionen "die unterdrückerische Politik der chinesischen Regierung".

Lobsang Sangay im Gespräch mit Peter Kapern | 22.11.2011

    Peter Kapern: Es ist wohl ebenso ein Zeichen der Verzweiflung wie ein Zeichen der Verirrung. Seit Monaten verbrennen sich immer wieder tibetische Mönche, um gegen die zunehmende Repression der tibetischen Kultur durch die chinesischen Besatzer des Landes zu protestieren. Mindestens sechs Menschen haben bei den Selbstverbrennungen ihr Leben verloren. Heute kommt Lobsang Sangay nach Berlin, er ist der neue Ministerpräsident der tibetischen Exilregierung. Vor der Sendung habe ich ihn gefragt, wie der zunehmende Druck der chinesischen Sicherheitskräfte auf die Menschen in Tibet konkret aussieht.

    Lobsang Sangay: Nun, wenn man zum Beispiel auf den Straßen umhergeht und irgendwelche Slogans ruft, dann wird man verhaftet. Wenn man ein Bild seiner Heiligkeit des Dalai Lamas öffentlich trägt, wird man auch höchst wahrscheinlich verhaftet. Ja selbst ein Hungerstreik führt zur Verhaftung. In den Klöstern machen sich die Mitglieder der kommunistischen Partei Chinas breit: Sie vertreiben die Mönche, sie erlauben es nicht, dass man das klösterliche Leben sucht, sie kontrollieren alles. Die Mönche und Nonnen bekommen die volle Wucht dieser Eingriffe, dieser harten Politik der chinesischen Regierung ab und sie schreiten zunehmend zu sehr, sehr verzweifelten Aktionen.

    Kapern: Ist es Ihrer Meinung nach akzeptabel, dass Menschen ihr Leben hergeben, um ein Zeichen des Protestes zu setzen?

    Sangay: Ihre Absicht ist es, niemandem Schaden zuzufügen. Diese Handlungen bestehen ja in der Selbstaufopferung. Die tibetische Regierung ermuntert die Menschen aber nicht zu solchen Handlungen. Wir haben es immer klar gemacht, dass wir nicht dazu raten. Diese Proteste und Selbstaufopferungen können ja auch dazu führen, dass man verhaftet und sogar gefoltert wird. Wir als Buddhisten schätzen das Leben sehr hoch. Das Leben ist wertvoll. Man sollte die Bewegung weiterführen, man sollte sich auf Bildung konzentrieren. Die Tibeter innerhalb Tibets schreiten natürlich immer mehr zu diesen drastischen, diesen verzweifelten Aktionen.

    Kapern: Sie sagen, die tibetische Exilregierung ermutigt Menschen nicht dazu, sich selbst zu verbrennen, Selbstmord zu begehen. Aber was tut die Regierung, um dies zu verhindern? Kann sie etwas tun?

    Sangay: Wir können nicht allzu viel machen. Wir ermuntern die Menschen auch nicht dazu, solche Akte der Selbstaufopferung zu begehen. Diese geschehen ungeplant und ohne unser Zutun. Der Dalai Lama und auch ich selbst haben uns immer gegen solche Taten ausgesprochen, auch dagegen, den Hungerstreik zu beginnen, wie er jetzt von den Tibetern in Indien in diesem Jahr begonnen worden ist. Wir haben also immer die Menschen davon abzuhalten versucht, solche Aktionen zu begehen. Aber letztlich liegt die Entscheidung bei den Tibetern in Tibet selbst. Wenn sie zu diesem Äußersten schreiten, dann liegt es an uns als ihren tibetischen Landsleuten, Verantwortung und Solidarität zu zeigen. Schließlich ist ja der Hauptgrund für diese Aktionen die unterdrückerische Politik der chinesischen Regierung, dieses äußerst harte Vorgehen der Politik. Wir heben das ins Bewusstsein, weshalb die Menschen zu solchen Taten schreiten.

    Kapern: Glauben Sie, dass diese Selbstverbrennungen irgendetwas im Sinne Tibets in Peking in Bewegung bringen?

    Sangay: Nun, objektiv gesehen bringen diese Aktionen nicht allzu viel Fortschritt. Statt die wahren Ursachen für diese Geschehnisse aufzudecken, die ja in der Politik Pekings zu suchen sind, warum die Menschen so protestieren, warum sie sich selbst verbrennen, also statt hier die Ursachen zu zeigen, schiebt Peking immer den schwarzen Peter nur weiter. Das ist sehr schade, denn es ist ja die Regierung oder eigentlich diese Missregierung Pekings, die verantwortlich ist für alles, was geschieht. Hier sollte China wirklich diese ausgesprochen verhärtete politische Linie überdenken, die ja nicht funktioniert, und sollte versuchen, stattdessen auf friedliche Weise und im Dialog die Probleme zu lösen. Wir sind bereit, zu verhandeln und die Probleme Tibets im Wege des Dialogs zu lösen.

    Kapern: Die USA und Europa befinden sich in einer wachsenden Abhängigkeit von China. Die USA sind der größte Schuldner Pekings und Europa hofft auf Unterstützung Chinas bei der Überwindung der Schuldenkrise. Verlieren die Tibetaner damit Unterstützer für ihre Sache im Westen?

    Sangay: Ich komme gerade zurück von meiner Reise in die Hauptstadt Washington. Dort habe ich von führenden Senatoren und Kongressabgeordneten Unterstützung für die Tibeter und für Tibet ausgedrückt erhalten. Darüber hinaus hat die Außenministerin Hillary Clinton und das Außenministerium eine Erklärung zur Tibet-Frage herausgegeben. Ich beginne auch gerade meine Reise durch Europa. Ich hoffe, hier in Europa auch weitere Unterstützung von der Bevölkerung und von den Regierungen für die tibetische Sache zu erhalten. Selbstverständlich sind ökonomische Interessen und Handelsbeziehungen wichtig, aber ebenso wichtig sind auch Fragen der Umwelt, Fragen der Menschenrechte. Viele Länder betreiben Handel mit China, aber wenige profitieren davon. Wenn man China den gesamten Gewinn aus diesen Handelsbeziehungen zukommen lässt, dann besteht auch die Gefahr, dass man sich moralisch kompromittiert, sodass beide Seiten im Grunde daran verlieren. Selbstverständlich sollte man Geschäfte mit China machen, aber man sollte zugleich auch auf den Grundsätzen beharren, auf denen die europäischen Länder beruhen: die Grundsätze der Freiheit, der Würde, der Gleichheit und der Gerechtigkeit.

    Kapern: Mr. Sangay, wenn Sie heute nach Berlin kommen, dann werden Sie dort keine Gesprächspartner aus den Reihen der Regierung finden, keine Kabinettsmitglieder. Wie bewerten Sie das?

    Sangay: Ich freue mich auf Begegnungen mit Mitgliedern des Deutschen Bundestages. Sollten Vertreter der Bundesregierung mit mir bereit sein, zusammenzutreffen, so werde ich sie selbstverständlich willkommen heißen. Wenn das aber nicht möglich ist, wird es nie unsere Absicht sein, irgendeiner Regierung Unannehmlichkeiten zu bereiten. Für uns hat Vorrang, wirklich Unterstützung für Tibet und für das tibetische Volk zu suchen.

    Kapern: Empfinden Sie es nicht so, dass Sie bei Ihrem Besuch in Berlin nur zur Hintertür hereingebeten werden?

    Sangay: Tja, ob nun durch die Hintertür oder durch die vordere Tür: Wir werden es in jedem Falle begrüßen, denn für uns zählt ja nicht der Prozess so sehr, für uns zählt das Ergebnis. Und wenn die deutsche Regierung weiterhin Tibet unterstützt, wie sie es ja seit vielen Jahren tut, so soll uns das nur willkommen sein, denn diese Unterstützung verleiht den Tibetern Hoffnung, dass ihre Stimmen gehört werden und dass das Leiden, das sich innerhalb Tibets abspielt, tatsächlich angegangen wird und dass tatsächlich etwas zur Verbesserung der Lage mit friedlichen Mitteln unternommen wird.

    Kapern: Lobsang Sangay war das, der Ministerpräsident der tibetischen Exilregierung, der heute zu einem Besuch nach Deutschland kommt.

    Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.