EM 2024
Debatte um Wolfsgruß: Ein großer Gefallen für Erdogan

Die Diskussionen um den Wolfsgruß haben zu einer diplomatischen Krise geführt. Beim EM-Viertelfinale gegen die Niederlande zeigten tausende Fans der türkischen Mannschaft das Zeichen. Doch nur einem spielt der ganze Skandal wirklich in die Karten.

Von Marion Sendker | 07.07.2024
Trotz der Niederlage ihrer Mannschaft gegen die Niederlande im Viertelfinale der EM feiern Türkei-Fans ihre Mannschaft. Es kommt zu einem Autokorso und einem kleinen Fanmarsch, bei dem vereinzelt der "Wolfsgruß" gezeigt wurde, dessen Ursprung einer rechtsextremistischen Bewegung zugeordnet wird.
Vor, während und nach dem Spiel zeigten viele türkische Fans den sogenannten "Wolfsgruß". (dpa / picture alliance / Christoph Reichwein)
Partystimmung auf dem Taksim-Platz in Istanbul: Die Türkei hat Österreich gerade im Kampf um das Viertelfinale der Fußball-Europameisterschaft der Männer besiegt: mit 2:1. Videos im Internet zeigen, wie manche Fans die Nationalhymne singen und ein paar den Wolfsgruß machen. Es ist dasselbe Zeichen, dass der Siegestorschütze Merih Demiral nach dem Abpfiff auch gezeigt hatte – und für das er ein paar Tage später von der UEFA für zwei Spiele gesperrt wird.
Die meisten Türken sind sauer – vor allem auf die deutsche Bundesregierung – namentlich Innenministerin Nancy Faeser. Der Politikwissenschaftler Ahmet Kasim Han, der für seine kritische Haltung gegenüber der türkischen Regierung bekannt ist, schreibt dazu auf X: "Tatsache ist, dass erst die Initiative der deutschen Behörden zu dieser Entscheidung geführt hat. Und genau DAS ist das Problem."

Jubel in der Türkei über deutsches Ausscheiden

Deutschlands Niederlage am Freitag im Viertelfinale wird in der Türkei gefeiert: In den sozialen Medien gibt es haufenweise Kommentare, die von “ausgleichender Gerechtigkeit” sprechen. Manche teilen Videos der türkischen Spieler, wie sie nach einem ihrer Siege in der Kabine den Horon, einen traditionellen Tanz, aufführen. Andere posten als Abschiedsgruß an die Deutschen ein Bild von Demirals Wolfsgruß.
Seit Tagen diskutieren Türken über das Zeichen. Es gibt etwa Versuche, den Wolfsgruß zu islamisieren: Der Gründer der Ülkücüler, im Deutschen Grauen Wölfe genannt, habe gesagt, dass der kleine Finger das Türkentum und der Zeigefinger den Islam darstelle. Eine Primärquelle wird aber nicht erwähnt. Nationalisten lehnen traditionell den Islam als Element ihrer Ideologie ab.

"Das Wolfszeichen ist nicht repräsentativ"

Kritik am Wolfsgruß kommt fast nur aus dem linken Lager – das mittlerweile kaum noch zu hören ist. Viele Linke, die jetzt noch sprechen, leben in Deutschland, wie der Sozialist Baransel Ağca. In der Türkei laufen mehrere Verfahren gegen ihn.

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"Was mich an der aktuellen Debatte stört, ist, dass das Wolfszeichen, also das Zeichen der Ülkücü-Bewegung in der Türkei, so dargestellt wird, als sei es ein Wert des gesamten, türkischen Volkes. Aber es ist nicht repräsentativ. Es wird seit 1991 von den Ülkücüler benutzt. In der Türkei symbolisiert es Massaker an Kurden, Aleviten, Linken und Sozialdemokraten."
Ağca findet, das Zeichen habe im Fußball nichts zu suchen – auch wenn es in der Türkei längst nicht mehr nur von rechts-nationalistischen Politikern benutzt werde.
"Ülkücüler verwenden es bei jeder Feier, sogar bei Hochzeiten. Mich stört, dass selbst Politiker der Opposition heute versuchen, das Zeichen der gesamten Türkei zuzuschreiben."

Der Wolfsgruß ist zum Zeichen des Protests geworden

Rückblick ins Jahr 2023: Präsidentschaftswahlen stehen an, Mitglieder der Bundesregierung rufen zur Abwahl von Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan auf und unterstützen so indirekt den Herausforderer von der CHP, Kemal Kiliçdaroğlu:
Der hat sich schon mehrfach als Ülkücü bezeichnet und zeigt auf einer Wahlkampfveranstaltung – den Wolfsgruß.
In der aktuellen Debatte ist diese Szene wieder präsent. Die Botschaft: Wer gegen das Zeichen ist, ist gegen die Identität der Türken – und zwar weltweit:
In den Sozialen Medien tauchen Clips wie dieser auf: Männer in traditionellen Kleidern halten ihre Nationalflaggen hoch. Aserbaidschan, Kasachstan, Kirgisistan, Usbekistan oder Turkmenistan. In anderen Clips sind Frauen dieser Länder zu sehen – wie sie den Wolfsgruß zeigen. Auch Videos aus Iran werden verbreitet, wie das von einem Fußballspiel vor vier Jahren in der nördlichen Provinz Ost-Aserbaidschan:
Im Stadion der Provinzhauptstadt Täbriz zeigen Zuschauer heulend den Wolfsgruß. Genau so sollen beim Spiel der Türkei gegen die Niederlande alle Türken das Handzeichen machen, fordern Kommentatoren im Netz.

Wikingerhüte, Kreuzsymbole und Tauhid-Finger

Selbst gemäßigte Türken unterstützen den Aufruf. Der Wolfsgruß ist für viele zum Zeichen des Protests geworden. Ein Oppositionspolitiker der links-patriotischen CHP, er ist Bürgermeister der Stadt Bolu, will eine Statue von Demiral bauen zu lassen, wie er den Wolfsgruß zeigt. “Lasst mal sehen, ob Europa mich dafür bestraft!?”, schreibt er wütend in den sozialen Medien. Dahinter steckt ein urtürkischer Reflex: Nichts schweißt die sonst gespaltene Gesellschaft mehr zusammen als ein Angriff von außen.
Von Links bis Rechts sind die meisten sich in diesem Punkt einig: Wenn schon, dann sollte alles verboten werden und der Fußball wieder in den Mittelpunkt rücken. Der Journalist Faruk Aksoy schimpft zum Beispiel in einer Fernsehsendung:
"Es gibt keinen Unterschied zwischen Maradonas 'Hand Gottes' und Melih Demirals Zeichen. Beides hatte die gleiche Absicht und die gleichen Gefühle. Sowas ist normal, solange es im sportlichen Rahmen bleibt. Ich stimme der UEFA zu, wenn bei allen die gleichen Standards angewendet werden. In fast allen Spielen Serbiens haben die Spieler ethnische Gesten gezeigt: alles politisch, alles falsch!"
In der öffentlichen Debatte werden weitere Beispiele genannt: Manche Türken finden, dass Wikingerhüte der Fans aus nordeuropäischen Ländern oder Kreuzsymbole wie bei den Engländern nicht okay sind: Erste würden an Christenverfolgung, zweite an die Kreuzzüge erinnern. Andere fordern ein Verbot des muslimischen Tauhid-Fingers: der ausgestreckte Zeigefinger sei Erkennungszeichen islamischer Terroristen und politischer Islamisten.

Bundesinnenministerin Nancy Faeser wird verhöhnt

Auch Bundesinnenministerin Nancy Faeser wird verhöhnt: Fotos von ihr werden geteilt, wie sie bei der Fußball-WM in einem Stadium in Katar mit LGBT-Binde am Arm auftritt. Für Türken ist das ein klares, politisches Zeichen – und belegt deutsche Gesinnungspolitik. Der Politikwissenschaftler Ahmet Kasim Han schreibt dazu auf X:
"In Wirklichkeit steht die UEFA-Entscheidung für Doppelmoral. Die ganze Sache ist offensichtlich durch Sympathien und Beziehungen initiiert, die rein politischer Natur sind."
Deutliches Zeichen: Innenministerin Nancy Faeser mit der One-Love-Binde, die die FIFA zu tragen untersagt hat.
Deutliches Zeichen: Innenministerin Nancy Faeser sorgte bei der WM 2022 in Katar mit der One-Love-Binde für Aufsehen, die die FIFA zu tragen untersagt hatte (picture alliance / dpa / Robert Michael)
Für den türkischen Staatspräsidenten ist der Vorfall eine Steilvorlage: Er sagte alle Termine ab und reiste zum Türkei-Spiel nach Deutschland. Selbst Kritiker in beiden Ländern loben ihn dafür. Sie sind so wütend auf die Bundesinnenministerin, dass sie für einen Tag zu Erdogan-Unterstützern werden.
Während der türkischen Nationalhymne zeigten tausende türkische Fans den Wolfsgruß. Es ist auch als eine Art Rache-Aktion zu werten, die sagen will: Wir Türken lassen uns nicht verbiegen, nicht von der UEFA und ganz sicher nicht von Nancy Faeser. Die Bundesinnenministerin hat dem türkischen Staatspräsidenten einen großen Gefallen getan, dem Verhältnis zur Türkei mittelfristig geschadet und die türkischstämmigen Menschen in Deutschland einmal mehr in die Arme Erdogans getrieben.