Sonntag, 29.03.2020
 
Seit 05:05 Uhr Auftakt
StartseiteThemaDie Fieberkurven26.03.2020

Zahlen zu CoronaDie Fieberkurven

Im Corona-Zeitalter sind wir alle zahlensüchtig: Wie viele Menschen sind in Deutschland infiziert, wie entwickeln sich die Fallzahlen, nähern wir uns italienischen Verhältnissen? Wie die Zahlen zu bewerten sind - ein Überblick.

Von Volkart Wildermuth

eine Grafik zeigt, wie schnell sich das Coronavirus in Europa verbreitet (Deutschlandfunk/Andrea Kampmann)
Die Verdopplungszeit zeigt an, wie schnell sich das Virus verbreitet. Je höher die Verdopplungszeit - umso besser! (Deutschlandfunk/Andrea Kampmann)

Die Kurven steigen weiter, auch Deutschland hat jetzt über 200 Tote zu beklagen. Und die Fallzahlen steigen weiter. Allerdings gibt es erste Anzeichen, dass sich die Verbreitung des Virus abschwächt. Das könnte ein Effekt der Schulschließungen vor knapp zwei Wochen sein. Wobei die Betonung hier auf "könnte" liegt. Der Präsident des Robert-Koch-Instituts, Lothar Wieler, bleibt vorsichtig: "Bisher kann noch keine Aussage darüber gemacht werden, ob sich das Wachstum abschwächt." Auf den Straßen kann jeder beobachten: Die Einschränkungen funktionieren inzwischen. Diejenigen, die man sieht, sind zu zweit oder mit den Kindern unterwegs.

Erst nach Oster über Anpassung der Strategie nachdenken

Ob das das Virus wirklich beeindruckt, wird sich frühestens in einer Woche in den Statistiken wiederspiegeln. Denn die blicken zurück in die Vergangenheit, zählen im Grunde die Infektionen von vor einer Woche. Denn so lange braucht es mindestens, bis eine infizierte Person Symptome entwickelt, getestet wird und dann das Ergebnis vorliegt. So lange müssen wir alle, muss die Politik warten, um den Erfolg der Einschränkungen zu beurteilen. Auch wenn vielfach nach dem Ausstiegsszenario gefragt wird. Es ist vernünftig, erst nach Ostern über eine Anpassung der Strategie nachzudenken.

Der Zeitverlauf in Deutschland

Bis es so weit ist, ein Blick in die aktuellen Statistiken. Klar ist: Die Werte klettern nach wie vor schnell und schneller, die Kurven zeigen steiler nach oben. Das liegt in der Natur der Viren. Wenn heute zwei Menschen infiziert sind, dann sind es in zwei Tagen vier, dann acht, nach einer Woche schon 16. Exponentielles Wachstum nennen das die Mathematiker. Und damit kann die menschliche Psyche schlecht umgehen. Anfangs verändern sich die Kurven kaum – ist alles nicht so schlimm. Dann steigen sie – das kriegen wir in den Griff. Und dann schießen sie empor – Panik. Panik ist aber ein schlechter Ratgeber – genauso wie falsche Gelassenheit.

In Deutschland folgt die COVID-19-Epidemie dem gleichen groben Muster wie überall. Im Januar ließ sich die Zahl der Infizierten noch mit den Fingern zählen. Mit dem Karneval in Heinsberg im Februar wird die Kurve plötzlich steil, es geht um Dutzende, schnell hunderte Patienten. Und schon im März muss der Maßstab der Darstellung erneut angepasst werden, tausende haben sich nachgewiesen angsteckt. Die Kurve wird steiler und immer wieder steiler.

Grafik: So verlief die Corona-Epidemie bisher in Deutschland (Deutschlandfunk/Andrea Kampmann)So verlief die Corona-Epidemie bisher in Deutschland (Deutschlandfunk/Andrea Kampmann)
Robert-Koch-Institut oder Johns-Hopkins-Universität?

Dabei ist es egal, ob man auf die Zahlen des Robert Koch Institutes schaut, oder auf die der Johns-Hopkins-Universität. Die Trends sind identisch, auch wenn sich die absoluten Werte ein wenig unterscheiden. Das liegt daran, dass beim RKI die offiziell gemeldeten Fälle registriert werden. Und es braucht ein Weilchen, bis die Informationen vom Gesundheitsamt vor Ort über das Bundesland bis zum RKI in Berlin gelangen. Die Johns-Hopkins Universität greift auf die Daten des RKI zu, ergänzt sie aber mit weiteren Quellen. Unter anderem Veröffentlichungen der lokalen Behörden und der Weltgesundheitsorganisation sowie Berichte aus dem Internet. Unsere Grafiken beruhen auf den Daten der Johns-Hopkins Universität. Sie liegen einheiltich für viele Länder vor und ermöglichen so internationale Vergleiche.

Abonnieren Sie unseren Coronavirus-Newsletter (Deutschlandradio)Abonnieren Sie unseren Coronavirus-Newsletter! (Deutschlandradio)

Der Ländervergleich

Die Ländervergleiche sind wichtig, denn sie zeigen, dass Entwicklung von COVID-19 nicht einfach Schicksal ist. Als gemeinsamer Ausgangspunkt für den Vergleich der unterschiedlichen nationaler Epidemien dient hier der Tag, an dem die ersten hundert Fälle registriert wurden. Der hängt natürlich auch von der Dunkelziffer im jeweiligen Land ab. Hier gibt es große Unterschiede. Manch Kurven weisen nach wie vor steil nach oben, anderen flachen sich ab.

Grafik: So haben sich die Corona-Fallzahlen im internationalen Vergleich über 67 Tage entwickelt (Deutschlandfunk/Andrea Kampmann)So haben sich die Corona-Fallzahlen im internationalen Vergleich über 67 Tage entwickelt (Deutschlandfunk/Andrea Kampmann)

Wenn der tatsächliche Verlauf des Ausbruchs in einem Land eine Line auf der rechten Seite kreuzt, wie hier zum Beispiel die grüne Kurve Italiens, dann ist das gut. Die Ausganssperre dort scheint zu wirken. In der Anfangsphase wurde dagegen in Italien kaum getestet und damit schien es auch lange keine Epidemie zu geben. Die Ärzte wurden überrascht, als plötzlich immer mehr Fälle von Lungenentzündung auftraten.

Diese Entwicklung lässt sich ähnlich in Spanien und aktuell besonders in den USA beobachten. Nachdem es scheinbar lange kein Corona-Problem gab, schießen die Fallzahlen nun in die Höhe. Und zwar aktuell steiler als in anderen Ländern. Wobei gerade in den USA die Ausweitung der Tests die Werte nach oben schnellen lässt. Deutschland testet vergleichsweise viel, aktuell 300.000 Personen pro Woche. Neun von zehn dieser Tests fallen negativ aus. Das spricht dafür, dass die Dunkelziffer aktuell eher niedrig liegt. Ein Vergleich zwischen den verschiedenen Ländern ist aber trotz dieser Unterschiede möglich, weil es dabei weniger auf die absoluten Zahlen, als auf ihre Entwicklung ankommt.

Was verrät also der Vergleich der Kurven? Am stärksten waren danach Wuhan und die Provinz Hubei betroffen. Kein Wunder, das neue Corona-Virus traf die Ärzte und Krankenhäuser unvorbereitet. Im Rest von China verlief die Epidemie deutlich flacher. Die Abschottung Hubeis, breite Testung, Isolierung der Infizierten und Kontaktpersonen und die drastische Einschränkung des öffentlichen Lebens zeigen Wirkung.

Grafik: So haben sich die Corona-Fallzahlen im internationalen Vergleich über 32 Tage entwickelt (Deutschlandfunk/Andrea Kampmann)So haben sich die Corona-Fallzahlen im internationalen Vergleich über 32 Tage entwickelt (Deutschlandfunk/Andrea Kampmann)

In Südostasien hatten viele Länder schon mit der SARS-Epidemie 2003 zu kämpfen und deshalb ihre Systeme der öffentlichen Gesundheitsvorsorge gestärkt. Deshalb war die Reaktion in Hongkong, Taiwan, Singapur oder auch Südkorea schnell und effektiv. In Südkorea beeinflusste das Verhalten einer Sekte die Kurven: Denn sie praktizierte keine soziale Distanzierung. So eine Lücke in der Überwachung ist eine Einladung an das Virus. Die Fallzahlen schnellten in die Höhe, aber Südkorea hat konsequent weiter eingedämmt und konnte den Ausbruch fast zum Erliegen bringen.

Grafik: Der Vergleich von Italien und Südkorea zeigt: Früherkennung ist hilfreich bei Corona (Deutschlandfunk/Andrea Kampmann)Der Vergleich von Italien und Südkorea zeigt: Früherkennung ist hilfreich (Deutschlandfunk/Andrea Kampmann)

Ganz anders Italien. Das Land kappte früh die Flugverbindungen nach China und fühlte sich danach offenbar sicher. Viren finden aber Wege, weil Menschen Wege finden. Lange konnte sich SARS-CoV-2 unbemerkt ausbreiten, bis im Norden Italiens die Krankenhäuser überwältigt wurden. Die Fallzahlen entwickeln sich dort ähnlich wie Anfangs in Wuhan. Inzwischen, wie bereits erwähnt, scheint sich der Ausbruch gerade im Norden Italiens abzuflachen. Frankreich, Großbritannien und Deutschland hat das neue Coronavirus später erreicht. Aber der bisherige Verlauf ähnelt der Entwicklung in Italien.

Man sieht von weitem Männer in weißen Schutzkleidungen. Eine schiebt einen Wagen mit einem Sarg in Richtung Bildrand, zwei stehen vor einem Lastwagen, zwei weitere sind auf der Ladefläche.   (Massimo Paolone/LaPresse via ZUMA Press/dpa) (Massimo Paolone/LaPresse via ZUMA Press/dpa)Warum ist die Sterberate in Italien so hoch?
In Italien ist die Zahl der Todesopfer innerhalb kürzester Zeit gestiegen. Forscher legen nahe, dass zwei Besonderheiten die rasche Ausbreitung der Krankheit begünstigte. Und: Zu Beginn der Epidemie wurde ein gravierender Fehler begangen.

Was die Kurven nicht zeigen: Die Gesundheitssysteme in diesen weit voneinander entfernten Regionen konnten den plötzlichen Ansturm der Patienten nicht auffangen, deshalb lag die Sterblichkeit in Wuhan wie in Norditalien so hoch. Deutschland ist besser vorbereitet. Hier gibt es aktuell 28.000 Intensivbetten, die Kapazität wird weiter ausgebaut. Weil die Krankenhäuser planbare Operationen verschieben, werden mehr Plätze frei. Die Deutsche interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin meldet mit Stand 26. März, dass 855 COVID-19 Patienten auf Intensivstationen behandelt werden, über 525 benötigen eine Beatmung. Es sind aber noch über 3.600 gut ausgestattet Intensivbetten und 363 mit künstlicher Beatmung verfügbar.

Die Verdopplungszeit

Noch klarer werden die Trends, wenn man nicht die absoluten Zahlen betrachtet, sondern direkt die Verdopplungszeit. Wenn die Anstrengungen greifen, wird dieser Wert immer weiter ansteigen – hohe Werte sind also gut. In China und auch in Hubei liegt er schon lange über hundert – das Virus ist praktisch gestoppt. Auch Südkorea hat die Epidemie offenbar im Griff. Und auch in Italien steigt die Verdopplungszeit langsam an. Das zeigt, die Aussetzung des öffentlichen Lebens ist ein wirksamer Weg, um das Virus auszubremsen. Man darf aber nicht vergessen, dass diese Darstellung nichts über die Größe der Epidemie aussagt, sie beschreibt nur die Entwicklung.

Grafik: Die Verdopplungszeit zeigt, wie sich die Verbreitung des Virus verlangsamt (Deutschlandfunk/Andrea Kampmann)Die Verdopplungszeit zeigt, wie sich die Verbreitung des Virus verlangsamt (Deutschlandfunk/Andrea Kampmann)

Die anderen europäischen Länder befinden sich noch am Anfang ihrer COVID-19 Epidemien. Das Virus breitete sich rasch aus, die Verdoppelungszeit des Ausbruchs beträgt nur rund zwei bis drei Tage. Um das genauer zu sehen, "zoomt" die zweite Grafik ins Geschehen hinein. In vielen Ländern gibt es noch vergleichsweise wenige Fälle. Deshalb schwanken die Verdoppelungszeiten stark. In den nächsten Tagen wird diese Darstellung aber aussagekräftiger.

Grafik: Entwicklung der Verdopplungszeit in Europa. (Deutschlandfunk/Andrea Kampmann)Die Verdopplungszeit in Europa. (Deutschlandfunk/Andrea Kampmann)

 

Datenquelle

Grundlage sind nicht die Daten des Robert-Koch-Instituts, sondern die der Johns-Hopkins-Universität. Die berücksichtigt zusätzlich zu den offiziell bestätigten Infektionen weitere Berichte über neue Fälle und setzt auch auf mathematische Modellierung, um sich der aktuellen Situation anzunähern. Das ist allerdings mit Unsicherheiten verbunden. Beide Datenquellen haben ihre Berechtigung. Beide hinken der tatsächlichen Situation deutlich hinterher, weil zwischen einer Infektion und dem dokumentierten Testergebnis mehrere Tage liegen. Diese Unsicherheit in den Daten ist aber kein Problem, da es weniger auf die absoluten Zahlen als auf deren Entwicklung ankommt.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk