Freitag, 12. April 2024

Meinung
Leserbriefe verzerren das Bild der Öffentlichkeit

Viele Interviews mit der AfD, dagegen spärliche Berichterstattung über die Demonstrationen gegen rechts - Marina Weisband warnt Medien davor, sich durch Post von Rechtsextremen unter Druck setzen zu lassen.

Eine Kolumne von Marina Weisband | 14.02.2024
Markus Lanz und Tino Chrupalla sitzen einander in einem Fernsehstudio gegenüber
Der AfD-Co-Vorsitzende Tino Chrupalla (r.) zu Gast in der Sendung von Markus Lanz - ein Interview, das viel kritisiert wurde. (IMAGO / teutopress / IMAGO / teutopress GmbH)
Im Januar hatte ich in meiner Kolumne die Frage gestellt, wie antifaschistisch Medien sein müssen, wenn sie ihren Auftrag erfüllen wollen. Diese Frage ist seitdem nicht weniger aktuell geworden, gelinde gesagt. 
Das Erste, was mir in den vergangenen Wochen auffiel, war, dass gerade öffentlich-rechtliche Sender häufig die Frage gestellt haben, wie man die Demokratie am besten gegen Rechtspopulismus verteidigt - und dazu ausgerechnet rechte Populisten einluden. Die AfD hatte viele Gelegenheiten, die Anti-AfD-Demos kleinzureden. Da fragt man sich schon, ob die Demokratie so gar keinen Überlebensinstinkt hat.  
Einige Zuschauer haben öffentlich-rechtlichen Redaktionen geschrieben, in Protest gegen die Einladungen der AfD, aber auch mit der Frage, warum die Massendemos so wenig Raum in der Berichterstattung bekomme. Einige dieser Antworten wurden veröffentlicht. Etwa schrieb die ARD, durchaus kontinuierliche Berichterstattung zu den Demonstrationen zu machen. Man erfahre aber auch starke Kritik daran, dass die ARD diesen Demonstrationen aus Sicht vieler Menschen in Deutschland zu viel Raum in ihren Programmen einräume. 
Ich möchte das nochmal betonen. Die spärliche Berichterstattung über die größten Massendemonstrationen der vergangenen Jahre ist „vielen Menschen“ zu viel. Wer sind diese vielen Menschen? Die von der Straße sind es ja sicherlich nicht.  

Rassisten sind einfach gut im Mobilisieren

Die Antwort kann ich Ihnen als jemand, der sehr viel Post erhält, geben. Es ist nämlich seit Jahren so, dass Rechtsextreme wirklich viele Briefe schreiben. Sie bombardieren Politiker, Redaktionen, Prominente – jeden der bei Drei nicht auf den Bäumen ist – mit hasserfüllten Beschwerden über Wokeness, über den Verfall von Werten, über das Ignorieren der armen AfD und so weiter.  
Wenn ich Kontakt zu meinen Lesern und Zuschauern hauptsächlich über die unrettbar nach rechts gerutschte Plattform X und über Leserbriefe habe, dann muss ich unweigerlich zu dem Schluss kommen, dass Deutschland ein rassistisches Land ist, in dem die AfD eigentlich bei 80 Prozent sein sollte. So erklärt sich auch, dass praktisch jede Partei im Bundestag meint, Migrationspolitik verschärfen zu müssen, um wiedergewählt zu werden. Weil Briefe mächtig sind. Weil das menschliche Gehirn so funktioniert, dass keine objektive Studie einen so direkten Eindruck vermittelt wie der Stapel physischer Briefe auf meinem Schreibtisch.  
Deutschland ist nicht so rassistisch. Rassisten sind einfach gut im Mobilisieren. Und wütend genug.  

Schreiben Sie Briefe

Was heißt das für Medienschaffende? Sie sollten das Bild ihrer Rezipienten vielleicht kritisch reflektieren und sich nicht nach Briefen richten, die nicht repräsentativ sind. Was welche Gewichtung bekommt, sollte vor allem von der eigenen journalistischen Expertise entschieden werden. 
Marina Weisband, 1987 in der Ukraine geboren, ist Beteiligungspädagogin, Publizistin, Diplom-Psychologin, Mitglied von Bündnis 90/Die Grünen und hat am Grundsatzprogramm der Partei mitgewirkt. Sie schreibt zu Themen wie Medien und politischer Partizipation und leitet seit 2014 das Schülerbeteiligungsprojekt aula.
Aber solange diese Verzerrung so stattfindet, heißt das für den Rest von uns: Schreiben Sie Briefe. Schreiben Sie physische Briefe an Abgeordnete und an Redaktionen. Teilen Sie höflich Ihre Anliegen mit. Denn wenn das der Kanal ist, dann darf er nicht extremen Gruppen überlassen werden.