Dienstag, 16. April 2024

Zuschauerrekord
Frauen-Bundesliga: Köln gegen Frankfurt auf großer Bühne

In der Frauenfußball-Bundesliga werden weiter Zuschauerrekorde gebrochen, der Erfolg der Nationalmannschaft bei der EM hat nachhaltig etwas verändert. Der 1. FC Köln tritt gegen Eintracht Frankfurt erstmals im großen Stadion in Müngersdorf an, vor mehr als 30.000 Zuschauern. Die gestiegene Aufmerksamkeit ist vor allem für junge Spielerinnen wie Kölns Ally Gudorf eine gewaltige Umstellung.

Von Jessica Sturmberg | 22.04.2023
Ally Gudorf bei einem Bundesligaspiel im Trikot des 1. FC Köln
Mit dem FC gegen Frankfurt erstmals auf der großen Bühne in Müngersdorf: Ally Gudorf (IMAGO / Jürgen Schwarz)
Drei Punkte, 4:0 Tore – das letzte Spiel des 1. FC Köln gegen den MSV Duisburg war ein großer Befreiungsschlag. Die Fröhlichkeit ist wieder auf dem Platz, Köln hat den Abstiegsrang verlassen, und eine Serie von elf sieg- und torlosen Punktspielen in der Liga beendet.
Eine, die ihre Freude besonders laut zum Ausdruck bringt, ist Ally Gudorf. Sie hat sich nach dem Schlusspfiff das Megafon geholt, dirigiert Mannschaft und Publikum, alle zusammen singen "Humba humba tätärä".

Frauenfußball-Bundesliga in Köln erstmals auf der großen Bühne

Ohne diesen Sieg im Rücken wäre das lange geplante Rekordspiel gegen Eintracht Frankfurt schwieriger zu verkaufen gewesen – dem Publikum, aber auch im eigenen Team. Zum ersten Mal spielen die Frauen des FC im großen Müngersdorfer Stadion, wo die Männer spielen und nicht im kleinen Franz-Kremer-Stadion vier Kilometer entfernt.
So ist die Motivation vor dem Frankfurt-Spiel sehr groß und die Verkaufszahlen außerordentlich, worauf sich auch die Gegnerinnen freuen: "Wir sprechen von einem normalen Ligaspiel. Das ist schon echt was richtig Cooles", sagt Nationalspielerin Sara Doorsoun, die aus Köln kommt, aber jetzt bei Frankfurt spielt. Der bisherige Rekord wurde von der Eintracht zu Beginn der Saison mit 23.500 Zuschauerinnen und Zuschauern in der Partie gegen den FC Bayern München aufgestellt.

Zuschauerrekorde als Effekt des EM-Sommers

Ohne die begeisternden Spiele bei der EM im vergangenen Sommer, den Vizeeuropameistertitel und die Sichtbarkeit und große Wahrnehmung des Frauenfußballs wäre dieser Aufschwung in der Weise nicht denkbar gewesen. Sara Doorsoun weiß, dass sie mit der Nationalmannschaft "eine super Grundlage geschaffen haben für all das, was jetzt gerade passiert."
Davon profitieren alle zwölf Teams in der Bundesliga. Der Zuschauerdurchschnitt in der Liga hat sich in dieser Saison im Vergleich zur Vorsaison verdreifacht: Von im Schnitt pro Spiel 800 auf jetzt 2.400. In Köln wurden erstmals eigene Dauerkarten für die Frauen verkauft.
Beim ersten Saisonspiel im September gegen Hoffenheim sind bereits viele ganz neue Fans dabei: "Ich bin zum ersten Mal hier. Ich habe einen treuen Anhänger der FC Damen." – "Ja, ich war letztes Jahr schon ein paar Mal da und war immer begeistert über die Leistung und über den Kampf und jetzt habe - hat er mich überzeugt - das muss ich jetzt auch mal sehen", erzählen die beiden Kölner Fans Gerd Wültjes und Andreas Gronstädt. Es sind auch viele Familien da, Jungs und Mädchen, die selbst Fußball spielen, wie die 10 Jahre alte Valentina: "Ich mag den FC Köln, weil ich auch in Köln wohne und das ist auch mein erstes Fußballspiel, was ich mir angucke."

Ally Gudorf - Kölner Eigengewächs auf großer Bühne in Müngersdorf

Valentina ist besonders begeistert, dass eine im Team ist, die mal in ihrem eigenen Verein DJK Südwest gespielt hat, bevor sie vom FC entdeckt wurde: Ally Gudorf, 21 Jahre alt. Außenbahnspielern, Kölner Eigengewächs. Und die Frau, die für die gute Stimmung sorgt. Abgeworben im Alter von zehn Jahren, hat sie beim FC alle Jugendmannschaften durchlaufen, war mit Ausnahme eines Auslandsjahres in den USA nach dem Abi die ganze Zeit in Köln.
Inzwischen spielt sie in der vierten Saison bei den Damen und kann schon nach wenigen Wochen deutliche Unterschiede ausmachen, wie anders alles geworden ist. "Dass man mehr Zuschauer hat, vor drei, vier Jahren, als ich hier gespielt habe, waren 300, 400 da, oder dass man zwei Trikots kriegt, dass die Wäsche gewaschen wird. Oder Interviews, gab es früher auch nicht so viele."
Mittlerweile hätten alle ein Spielergehalt, von dem sie leben können, erklärt der Pressesprecher. Die meisten studieren nebenher, Ally Gudorf will sich irgendwann für Medizin einschreiben, und erzählt, dass sie ein Pflegepraktikum an der Uni-Klinik macht, das sie in ihren Fußballalltag integriert hat.

Steiler Aufstieg beim FC - bis zur Nationalspielerin

Im Dezember wird sie ausgezeichnet mit dem goldenen Geißbock als FC-Spielerin des Jahres, Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg beruft sie in den erweiterten Kreis der Nationalmannschaft. Ihre Stärke: Sie ist schnell, wie der ZDF-Reporter beim Spiel gegen die Bayern kommentiert: "Die schnelle Gudorf versucht es…"
Tore hat sie in dieser Saison noch keine erzielt, aber Vorlagen geliefert und sie hat einen auffallend starken Willen und weiß das: "Ja ich glaube, das ist eine meiner Stärken, dieser Wille, dieses Laufen. Ich glaube, da reißt man auch die ganze Mannschaft mit."
Ally Gudorf wird von ihren Gegnerinnen geachtet, wie der Wolfsburgerin Sveindís Jónsdóttir, die rechts außen ihre direkte Konkurrentin ist. "Sie ist eine schwierige Gegnerin, macht ihre Sache gut. Aber es macht Spaß gegen solche Gegnerinnen zu spielen", erklärt die isländische Nationalspielerin nach dem bis dahin bestbesuchten FC-Spiel im ausverkauften Franz-Kremer-Stadion mit knapp fünfeinhalbtausend Fans.
Ally Gudorf ist in Köln Stammspielerin, eine regionale Größe, die im Team und beim Publikum gut ankommt. Trotzdem wagt sie jetzt den Schritt und geht nach 11 Jahren zur kommenden Saison zum SC Freiburg. Das gibt sie wenige Tage nach dem Duisburgspiel bekannt.
Beim FC hatte sie nur einen Jahresvertrag. Und solange der Kampf um den Klassenerhalt noch andauert, ist die Planung für den Verein nicht einfach. Auch die Suche nach einem neuen Cheftrainer oder -trainerin, seitdem man sich von Sascha Glass wegen der lang anhaltenden Negativserie getrennt hat. Für den Rest der Saison hat die Leiterin der Frauenabteilung, Nicole Bender-Rummler übernommen.

32.500 Fans beim Frankfurt-Spiel erwartet

Beim Spiel gegen Eintracht Frankfurt geht es nun für beide Teams um viel: Für die Frankfurterinnen um den Champions League-Qualifikationsrang drei, hinter Wolfsburg und Bayern, für die Kölnerinnen um den Klassenerhalt.
Wie sich 32.500 oder noch mehr im Stadion dann anfühlen, ob das mehr Respekt oder mehr Motivation in das Team trägt, das werden die FC-Frauen erstmals erleben. Woran sie sich schon gewöhnt haben, ist die gestiegene Aufmerksamkeit und Atmosphäre im kleineren Franz-Kremer-Stadion. Das Publikum feiert inzwischen wie bei den Männern jedes Heimspiel mit Karnevalsliedern und FC-Hymne, bisher nur eben ein paar Nummern kleiner, dafür aber ganz nah dran an den Spielerinnen und ihrem lokalen Star Ally Gudorf.