Donnerstag, 09. Dezember 2021

Zwangsumsiedlungen vor 60 JahrenDer Beginn der "Aktion Kornblume" in der DDR

Ohne jede Vorwarnung siedelte das DDR-Regime am frühen Morgen des 3. Oktober 1961 mehr als 3.000 als "politisch unzuverlässig" geltende Menschen, die nahe der innerdeutschen Grenze lebten, zwangsweise um. "Aktion Kornblume" nannte die Stasi intern ihre "Säuberungs"-Operation.

Von Doris Liebermann | 03.10.2021

Schwarzaufnahme eines bayerischen Dorfes mit wenigen Häusern, unweit einer innerdeutschen Grenzanlage.
DDR-Grenzanlagen - hier bei dem von der innerdeutschen Grenze durchschnittenen Dorf Mödlareuth (Imago/Werner Schulze)
"Dann bin ich hochgeschossen und bin so halb angezogen in die Küche gelaufen, und da standen schon mehrere Männer drin, unter anderem ein. Uninformierter.", "Der hat dann gesagt: das Volkspolizeikreisamt teilt Ihnen mit, dass Sie zu Ihrem eigenen Schutz – zu Ihrem eigenen Schutz! – das Grenzgebiet zu verlassen haben."
So erinnert Ernst Schönemann den Morgen des 3. Oktober 1961. Er lebte damals mit seinen Eltern in Lenzen an der Elbe - Annegret Büttner in dem kleinen Dorf Schönau im thüringischen Eichsfeld. Auch sie sah damals Männer mit LKWs vor dem Haus ankommen. "Und da fingen die schon an und packten einfach aus den Schränken irgendwie was aus, rissen die Klamotten raus."

3.175 Menschen zwangsumgesiedelt

Ernst Schönemanns Familie betrieb einen Eisen- und Haushaltswarenladen, Annegret Büttners Familie besaß einen Gasthof, die Büttners waren bekennende Katholiken. Am 3. Oktober 1961 gehörten sie zu den 3.175 Menschen, die in der "Aktion Kornblume" aus dem DDR-Grenzgebiet zwangsausgesiedelt wurden.
"Das ist im Zusammenhang mit der sogenannten Grenzsicherung und der sogenannten Festigung der Grenze zu sehen, eine Aktion, wo es darum ging, das Grenzgebiet auszubauen.", sagt Axel Klausmeier, Direktor der Stiftung Berliner Mauer in Berlin:
"Dort wurden als politisch unzuverlässig eingestufte Familien, die häufig aufgrund von übler Nachrede bzw. von politischer Einschätzung als unzuverlässig galten, beispielsweise weil sie selbstständig waren, weil sie Handwerker waren, weil sie vielleicht nicht in der Partei waren, abrupt mit der Situation konfrontiert, ihren Hof, ihr Haus, ihre Wohnung, verlassen zu müssen."

"Aktion Ungeziefer" ging 1952 voraus

Seit 1952 waren die Grenzanlagen in der DDR stetig ausgebaut und ein fünf Kilometer breiter Streifen an der innerdeutschen Grenze zum Sperrgebiet erklärt worden. Besucher von außerhalb durften das Sperrgebiet nur mit einem Passierschein betreten. Schon 1952 wurden in der "Aktion Ungeziefer" mehr als 8.300 Menschen aus dem Grenzgebiet ins Landesinnere zwangsumgesiedelt. Dazu Axel Klausmeier:
"Das finde ich immer wieder absolut erschreckend, dass man im Grunde sieben Jahre nach Auschwitz diese Vokabel benutzt, die ja die gesamte Menschenverachtung dieses Systems deutlich macht, und so schätzte die SED Systemfeinde ein. Das sagt wahnsinnig viel über das Menschenbild aus."
Am 13. August 1961 wurde die Grenze zu West-Berlin abgeriegelt. Zeitgleich mit dem Bau der Mauer sollte der Fünf-Kilometer-Streifen an der innerdeutschen Grenze "gesäubert" und die mehr als 300.000 Menschen, die im Sperrgebiet lebten, mit Zwangsaussiedlungen eingeschüchtert werden. Ziel war, sie zur Zusammenarbeit mit dem Grenzregime zu bewegen, um Republikfluchten zu verhindern.
Berliner Mauer wird gebaut
Berliner Mauer wird gebaut (picture alliance / ZB / Christoph Soeder / Deutschlandradio [M] )
13. August 1961 - Der Tag, an dem der Mauerbau begann
Vor 60 Jahren, am 13. August 1961, begann der Bau der Berliner Mauer. RIAS-Reportagen vom Tag der historischen Ereignisse dokumentieren die Reaktionen der Menschen in Berlin.

Der Codename des Ministeriums für Staatssicherheit lautete "Aktion Festigung" für die geheim geplante Operation, die auch "Aktion Kornblume", "Blümchen" oder "Grenze" genannt wurde. Die Zwangsaussiedlung traf völlig ahnungslose Menschen, sagt Axel Klausmeier:
"Es kamen Lkws – Dann wurden die Sachen,Möbel verladen, die Dinge abtransportiert, die man in wenigen Stunden zusammenbringen konnte und damit wurde man zwangsausgesiedelt und kriegte eine irgendwo nicht in unmittelbarer Nähe, aber manchmal sogar auch 100 oder 200 Kilometer entfernte Behausung, die oft im schlechten Zustand war, zugewiesen."

Der Besitz wurde enteignet

Annegret Büttner und ihr Mann kamen nach Bad Berka bei Weimar, ihre Eltern in ein Dorf bei Erfurt. Familie Schönemann kam in ein Dorf in der Nähe von Schwerin:"und das war dann die große Überraschung, was für ein tolles Haus wir kriegten, einsam auf der Wiese, kein Wasser, keine Toilette, zwei Jahre Getreide drin gelagert."
Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller und der Präsident des Abgeordnetenhauses, Ralf Wieland, legen an der Gedenkstätte Berliner Mauer einen Kranz nieder.
DDR-Grenzregime - Die Opfer der deutschen TeilungWie viele Menschen starben entlang der innerdeutschen Grenze? Über die Zahl und welche Fälle man zu den Opfern zählt, wurde lange unter Wissenschaftlern gestritten. Jochen Staadt und Klaus Schroeder haben Kriterien aufgestellt und die Fälle zusammengetragen für ihr Buch "Die Todesopfer des DDR-Grenzregimes an der innerdeutschen Grenze 1949 -1989".
Der Besitz wurde enteignet - dafür bekamen die Zwangsausgesiedelten nur eine geringe Geldsumme von den DDR-Behörden im vereinten Deutschland wurden die Zwangsaussiedlungen zwar als "rechtsstaatswidrige Maßnahme" anerkannt und den Betroffenen ein Recht auf Rehabilitierung und Entschädigung zugesprochen. Die Umsetzung allerdings war für viele Betroffene mehr als enttäuschend.