Sonntag, 19.11.2017
StartseiteHintergrundDie Mär von der weißen westdeutschen Weste26.05.2017

Doping Die Mär von der weißen westdeutschen Weste

Hier der saubere westdeutsche Sportsmann, dort der gedopte Ost-Athlet. Dieses Bild hat man in der alten Bundesrepublik gerne gepflegt. Doch mehr und mehr Studien und Zeitzeugenberichte offenbaren es als ein Zerrbild. Auch im Westen wurde gedopt, wenn auch nicht systematisch, aber wohl mit Duldung durch die Politik.

Von Philipp May und Bastian Rudde

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Eine Laborantin dekantiert am 16.02.2004 im Institut für Biochemie in der Sporthochschule in Köln eine Urin-Dopingprobe.  (dpa)
Eine Dopingprobe wird in der Sporthochschule Köln analysiert. (dpa)
Mehr zum Thema

Entscheidung im Bundestag Dopingopfer-Hilfegesetz bis 2018 verlängert

Dopingopfer Der Schmerz bleibt bis heute

Sportausschuss des Bundestags Zweifel am Reformwillen des IOC

Sportausschuss-Vorsitzende Dagmar Freitag "Sauberen Sportlern beste Bedingungen bieten"

Deutscher Olympischer Sportbund Umstrittene Reform des Spitzensports verabschiedet

Doping-Vergangenheit in Freiburg Streit über Veröffentlichung eines Gutachtens

Anti-Doping-Gesetz Der organisierte Sport als Parallelwelt

Freiburger Bewerbung für DOSB-Untersuchungszentrum Viele offene Fragen

Wer verstehen will, was Sportler zu Doping verleiten kann, sollte Klaus-Peter Hennig kennenlernen. Der spätere Olympiateilnehmer wird 1947 geboren, wächst in Münster auf und ist schon als Kind ein vielseitiger, kleiner Athlet.

"Handball, Leichtathletik und Turnen. Wie das früher so war, wenn man klein war."

Als Jugendlicher legt sich Klaus-Peter Hennig fest – auf das Diskuswerfen:  "Und dann ging das weiter. Mit 16 Jahren war ich westfälischer Jugendmeister im Diskuswerfen. Und immer weiter. Und als ich 18 war, war ich deutscher Jungendmeister."

Und so wird Klaus-Peter Hennig zu einem Hoffnungsträger für die Olympischen Sommerspiele 1968 in Mexiko-City. Doch ständige Erkrankungen machen ihm schwer zu schaffen, Hennig verliert viel Gewicht und Muskelmasse – und sagt sich:

"Jetzt muss ich wieder Gewicht aufbauen. Das geht eigentlich nur mit Anabolika. Das geht sonst gar nicht."

"Die einfachste Quelle - war die Apotheke"

Anabolika. Wirkstoffe, die – etwas vereinfacht gesagt – dazu beitragen, dass die Muskeln wesentlich schneller wachsen und sich die Sauerstoffaufnahmefähigkeit des Körpers erhöht. Besonders bei kraftintensiven und ausdauerintensiven Sportarten können Anabolika die Leistungsfähigkeit massiv steigern. Genauso massiv können allerdings die Nebenwirkungen sein: Akne, Schrumpfhoden bei Männern, Vermännlichung bei Frauen, Leberschäden, Herzprobleme. Verwendet werden Anabolika allerdings auch zu medizinischen Zwecken, weil sie in kontrollierter Dosierung beispielsweise bei Asthma helfen können. Das ist zu Klaus-Peter Hennigs aktiven Zeiten der Umweg für Sportler, die leistungssteigernden Präparate zu bekommen, wie der ehemalige Diskuswerfer Ende März dieses Jahres in der ARD-Sportschau* erzählte.

Diskuswerfer Klaus-Peter Hennig bei der Deutschen Leichtathletik-Meisterschaft 1973 in Berlin. (imago - WEREK)Diskuswerfer Klaus-Peter Hennig bei der Deutschen Leichtathletik-Meisterschaft 1973 in Berlin. (imago - WEREK)

"Es waren individuelle Verhaltensweisen, wo jeder Athlet selber geguckt hat, wie er an die Mittel kommt. Und da gab es genug Quellen und die einfachste Quelle war die Apotheke. Wir kriegten ein Rezept und das haben wir eingereicht in der Apotheke und die Apotheke hat es von der Krankenkasse bezahlt bekommen. So war das, ganz einfach."

Das sportpolitische Wettrüsten 

1970 verbietet der Weltleichtathletikverband Anabolika. Erste Kontrollen werden eingeführt, sind aber offenbar leicht zu umgehen. Hennig nimmt seine Tabletten weiter. Er sagt, sonst hätte er nicht mehr mithalten können. Amerikaner, Schweden, Italiener – viele Diskuswerfer hätten Anabolika genommen. Auch aus der DDR.

"Das sportpolitische Wettrüsten Ost und West. Da waren wir eingebunden, obwohl wir selber entscheiden konnten, was wir machen, was wir nicht machen. Aber ich kenne das eben seit der Olympiade 1968, wo wir zwei getrennte deutsche Mannschaften hatten und wo wir halbwegs mitbekommen haben, dass jetzt die Zeit des Friedens im Sport vorbei war. Weil die Athleten der DDR wurden damals von der Stasi kontrolliert und überwacht und wurden von uns ferngehalten. Wir hatten Schwierigkeiten, mit denen zu sprechen. Aber wir haben trotzdem rausgefunden, was im Sport in Zukunft auf uns zu kommt in Richtung Trainingsmethoden, aber auch in Richtung unterstützende Mittel. Dieses Thema Anabolika, das war damals virulent."

Selbst Minderjährige systematisch gedopt

1968 in Mexiko gibt es bei Sommerspielen erstmals getrennte deutsche Teams und das "sportpolitische Wettrüsten", wie Hennig sagt, nimmt Fahrt auf – auch mit Blick auf Olympia 1972 in München. Dort holt die DDR 66 Medaillen, in Mexiko waren es noch 25. Die Mannschaft der Bundesrepublik steigert sich auf 40 Medaillen – und hechelt dem Klassenfeind auch bei folgenden Großereignissen hinterher. Mit welchen Methoden die DDR ihre Medaillen produzierte, ist heute bekannt. Selbst Minderjährige wurden systematisch gedopt – auch ohne ihr Wissen und ungeachtet bekannter oder unbekannter gesundheitlicher Folgen. Doping per Staatsplan, um mit Sport politische Überlegenheit zu demonstrieren. Ein menschenverachtendes System, das viele Opfer hervorbringt – aber eben auch viele Medaillen. West-Athleten versuchen mitzuhalten. Ein Grund dafür, dass Sportlerbiografien wie die von Klaus-Peter Hennig zu Doping-Biografien werden.

Die ehemalige rhythmische Sportgymnastin Susann Scheller steht vor einem Bücherregal. (Deutschlandradio/Thomas Purschke)Die ehemalige rhythmische Sportgymnastin Susann Scheller leidet bis heute unter den Folgen des Dopings. (Deutschlandradio/Thomas Purschke)

"Auf der einen Seite will ich hohe Leistung schaffen. Auf der anderen Seite weiß ich, dass das ohne unterstützende Mittel eigentlich nicht geht."

Der ehemalige Diskuswerfer hat seine Dopingvergangenheit kürzlich in einer viel beachteten Dissertation offengelegt – verfasst vom Pharmazeuten Simon Krivec. Titel: "Die Anwendung von anabolen-androgenen Steroiden in der Bundesrepublik Deutschland in den Jahren 1960 bis 1988 unter besonderer Berücksichtigung der Leichtathletik."

Der Verband hätte Abhilfe schaffen können

"Ich habe 129 Athleten eruiert, wo ich gesagt habe, da könnte potenziell Anabolika-Doping im Spiel gewesen sein. Das heißt, ich habe mir einmal Ergebnislisten angeschaut. Ich hab mir angeschaut, ob irgendwo eklatante Leistungssprünge von einem aufs andere Jahr vonstattengegangen sind, und habe dann 129 Athleten, die schreibe ich an, oder die spreche ich persönlich an. Natürlich kommt man dann auch in den Konflikt, dass ein Athlet einem zurückschreibt oder einem antwortet: 'Wie können sie überhaupt mich verdächtigen?' Und von daher musste ich mir am Anfang viel Böses anhören. Am Ende war es ein Selbstläufer."

31 Leichtathleten geben an, Anabolika missbraucht zu haben – über lange Zeiträume und in hohen Dosierungen. Ein Ergebnis, das das Bild vom sauberen westdeutschen Sportsmann und vom randvoll gedopten Ost-Athleten einmal mehr entlarvt. 

"Unfassbar, dass in der heutigen Zeit immer noch davon ausgegangen wird, dass das nur ein kleiner Teil, ein kleiner Prozentsatz der Athleten eingenommen hat. Die Trainer waren – zumindest belegen das einzelne Aussagen – wussten die um das Anabolika-Problem. Der Verband wusste es meiner Meinung nach auch. Generell muss man sagen, der Verband hat es toleriert. Er hätte Abhilfe schaffen können, das hat er aber nicht getan."

System ist ein wenig zu hochgegriffen

Krivec sagt: Im Westen gab es eine Doping-Duldung.  Von "System" zu sprechen – da ist er vorsichtig. "System ist vielleicht ein klein wenig zu hoch gegriffen. Es ist nicht in dem Maße vom Staat propagiert worden, dass man sagt, okay, der Athlet, er muss es nehmen. Der Athlet war schon mündig. Er konnte selber entscheiden, was er macht. Natürlich gab es bestimmte Konzentrationen an bestimmten Stellen wie in Leverkusen genauso wie in Mainz oder auch in Freiburg, was ja auch bekannt ist. Aber jeder Athlet konnte das in Eigenregie zumindest noch ein klein wenig steuern. Er musste es nicht nehmen. Beziehungsweise er musste es dann nehmen, wenn er international erfolgreich sein wollte, weil er Chancengleichheit mit dem anderen Athleten aus dem Osten vielleicht erreichen wollte und das war dann nur über Anabolika möglich."

Bei einem Radsport-Straßenrennen stehen mehrere Fahrer mit ihren Rädern nebeneinander. (imago)Radsport: Doping und Betrug gibt es offenbar schon im Freizeit- und Amateurbereich. (imago)

"Nur: Wenn man dann das überdenkt, hatte das vielleicht auch schon wieder ein System, dass man eben alles von vorneherein auf die einzelnen Athleten eben abgeschoben hat. Das wäre dann aber ein perfides System meiner Meinung nach", sagt der Journalist Ralf Meutgens, der für die Sportschau* über die Studie berichtet hatte. Meutgens selbst ist ehemaliger Radsport-Amateur, hat das Standardwerk "Doping im Radsport" geschrieben – und sieht Parallelen.

"Aber ich finde eigentlich die gesamte Struktur des Anabolika-Missbrauchs oder des Anabolika-Dopings wie ich den im Radsport erlebt habe und mir durch viele Zeitzeugen habe schildern lassen, den finde ich in dem Fall jetzt auch in der deutschen Leichtathletik wieder. Es ist also schon frappierend. Und da muss man sich schon die Frage stellen: Wenn das jetzt Radsport, Leichtathletik ist – das sind nicht die einzigen Sportarten, in denen Anabolika-Doping Sinn macht…"

Das BISP als Kern der Dopingstruktur West?

Mehr Kraft, mehr Ausdauer, mehr Erfolg. Dass diese anabolische Gleichung auch in Westdeutschland aufgestellt wurde, zeigte bereits 2013 eine andere aufsehenerregende wissenschaftliche Untersuchung. Forscher von der Humboldt Universität Berlin um Studienleiter Giselher Spitzer kamen zu dem Schluss, dass die westdeutschen Sportler zwar in Eigenregie dopten, dabei aber Unterstützung von zahlreichen Institutionen bekamen.

"Das ist zum Beispiel eines der Ergebnisse, dass Anabolika-Doping in den 70er- und 80er-Jahren betrieben wurde, obwohl man dessen Gefährlichkeit kannte. Und dass dort ein Zusammenwirken von Bundesinstitut für Sportwissenschaft, einer staatlichen Einrichtung, und Hochleistungssporteinrichtungen und Sportmedizinern bestand."

Das Bundesinstitut für Sportwissenschaft, kurz BISp. 1970, zwei Jahre vor den Olympischen Spielen in München gegründet, dem Innenministerium unterstellt – laut den Berliner Forschern lag hier der Ursprung der Dopingstruktur West. Allein über 500 Forschungsvorhaben zum Thema leistungsfördernde Substanzen listeten die Forscher auf, die vom Bisp gefördert wurden.

Indizien, dass Politiker Bescheid wussten

"Wenn wir dann nachschauen, wie sah im neu gegründeten Bundesinstitut die Vergaberealität aus, dann können wir ganz klar sagen, staatlich subventionierte Anabolika-Forschung, sie wurden konzentriert. Bis 1977 führte Freiburg anteilmäßig bei den Zuwendungsmitteln, die im weitesten Sinne zum Beispiel mit Anabolika und anderen Stoffen zu tun haben. Wir sprechen davon, dass es in Freiburg eine richtige Verharmlosung des Anabolikadopings gegeben hat. Zeitgleich wurde an der Deutschen Sporthochschule in Köln mit vielen Stoffen, darunter auch den anabolen Steroiden, experimentiert. Dies belegen zahlreiche Diplomarbeiten, zum Beispiel des Instituts für Kreislaufforschung. Der Leiter dort, Wildor Hollmann, sprach öffentlich immer aus ärztlichen und ethischen Gründen gegen den Gebrauch zum Beispiel der Anabolika. Sein Mitarbeiter Alois Mader, einer von denen, die aus der DDR gekommen waren, zählte hingegen zu den größten Befürwortern."

Der frühere Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher, hier eine Aufnahme von November 2015. (dpa / Sven Hoppe)Der frühere Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher, hier eine Aufnahme von November 2015. Als Sportminister soll er Medaillen um jeden Preis gefordert haben. (dpa / Sven Hoppe)

Angewandte Dopingforschung an staatlichen Hochschulen, finanziert mit Mitteln einer Bundesbehörde. Das wirft die Frage nach der Rolle der Bundesregierung auf. Die Berliner Historiker sehen klare Indizien, dass damals verantwortliche Politiker nicht nur vom Doping im Westen Bescheid wussten und es deckten, sondern es mehr oder weniger deutlich sogar einforderten. Verantwortlich für den Sport Anfang der 70er-Jahre war der damalige Innenminister der sozialliberalen Regierung, Hans-Dietrich Genscher. Er soll Deutschlands Sportmedizinern klare Vorgaben gemacht haben: Medaillen, koste es was es wolle. Giselher Spitzer:

"Ich habe das Büro Genscher angefragt nach Auskünften. Wir haben hier autorisiert von Wildor Hollmann ein Schreiben, wo er erklärt: 'Ich werde nie vergessen, wie mir 1971 – also ein Jahr vor den Olympischen Spielen in München – ein deutscher Minister erklärte: Ich wünsche von Ihnen – gemeint war das Bundesinstitut für Sportwissenschaft – nur eins: Medaillen in München."

Belastende Zitate von Wolfgang Schäuble

Der mittlerweile verstorbene FDP-Politiker Genscher schrieb dazu im August 2013, er könne sich an solche Äußerungen nicht erinnern. Er hielte es aber für ausgeschlossen, sie gemacht zu haben, weil sie nicht seiner Haltung entsprächen. Doch nicht nur Genscher werden belastende Zitate zugeordnet. Wolfgang Schäuble, der heutige Finanzminister, war 1976 sportpolitischer Sprecher der CDU im Bundestag. Zum Thema Doping soll er damals gesagt haben:

"Wenn es nicht schadet, soll man auch da das Bestmögliche unseren Sportlern angedeihen lassen." 

Auch Wolfgang Schäuble entgegnet, er könne sich nicht mehr erinnern, sei aber immer gegen Doping gewesen. Unbestreitbar ist aber, dass Missstände im westdeutschen Sport schon früh benannt, jedoch von Politik und Verbänden weitgehend ignoriert wurden.

Reporter: "Wie viel Prozent von hundert der Topathleten, schätzen sie, nehmen die?"

Wippermann: "95."

Reporter: "95 Prozent?"

Antwort Wippermann:"Ja."

Die heile Sportwelt zerbricht 1968

Ein Fernsehbeitrag der ARD aus dem Jahr 1971. Freimütig plaudert Diskuswerfer Dirk Wippermann mit dem Reporter über seinen Anabolikakonsum:

"Wer da zu viel von dem Zeug nimmt, lässt zweifelsohne in der Potenz nach. Also ich sage immer, wenn der Kopf anfängt auszusehen wie ein Schwein, dann ist Schluss. Dann weiß man auch Bescheid…"

Reporter: "Also man nimmt das, um Chancengleichheit zu erreichen, ja?"

Wippermann: "Chancengleichheit, oder einen Vorteil."

Brigitte Berendonk (BR Deutschland) Brigitte Berendonk BR Germany (imago sportfotodienst)Diskuswerferin Brigitte Berendonk kritisierte als eine der ersten lautstark Doping im Leistungssport (imago sportfotodienst)

Wo Dirk Wippermann unbefangen plaudert, klagt Brigitte Berendonk an. Auch sie – eine Diskuswerferin. Doch ihre heile Sportwelt zerbricht 1968 bei den Olympischen Spielen von Mexiko. Dort beobachtet sie Anabolika-Konsum in vielen Sportarten und Disziplinen und wird zur erbitterten öffentlichen Kritikerin der Verhältnisse. Zum Beispiel im aktuellen Sportstudio 1977:

"Es ist die Haltung, die scheinheilige und meiner Meinung nach zynische Haltung bestimmter Sportmediziner. Diese häufige Verharmlosung ist nicht nur ein sportlicher Skandal, sondern auch ein medizinischer Skandal. Und ich kann nur allen den Rat geben, allen Aktiven, die hier vielleicht zuhören und in irgendeiner Weise betroffen sind: Nehmt eure Pillen und schmeißt sie ins Klo und spült kräftig nach!"

Pilgerfahrten nach Freiburg

"Nach Freiburg, das waren ja so Pilgerfahrten. Kein Mensch ist nach Freiburg gefahren, weil er ein Rezept für ein Grippemittel brauchte."

Manfred Ommer, mehrmaliger Deutscher Meister im Sprint,  Olympiateilnehmer 1972 – und bekennender Doper.

"Und wenn du im Wartezimmer saßt, dann hast du im Wartezimmer alles, was Rang und Namen hat, aus allen verschiedenen Sportarten getroffen und jeder wusste, warum er hinfährt. Und dort wurdest du auch belehrt, wann du die Mittel absetzen musstest."  

Gemeint ist das Wartezimmer von Professor Armin Klümper, jahrzehntelang Sportmediziner an der Universität Freiburg, Verbandsarzt unter anderem der Leichtathleten, Radfahrer und Schwimmer. Zwar ist Klümper bei weitem nicht der einzige Dopingarzt im Westen. Doch sein Name und der von Joseph Keul, dem langjährigen Chef der Freiburger Sportmedizin, stehen exemplarisch für die Dopingkultur in der Bundesrepublik. Um die Vergangenheit der Freiburger Universität aufzuarbeiten, hat Sportwissenschaftler Andreas Singler ein Gutachten über Klümper verfasst - und schreibt, dass es "hunderte, wenn nicht tausende Sportler und zum Teil auch Sportlerinnen gewesen sind, die mit Klümper von einem langjährigen Mitglied des Universitätsklinikums und der Universität Freiburg aktiv gedopt worden sind."

Klümper - die Bad Bank des westdeutschen Sports

Noch bis ins Jahr 2000 ist Klümpers Freiburger Praxis Anlaufstelle für Sportler und Topathleten – auch Profifußballer. Singler weiter: 

"Ohne politische Unterstützung und ohne ein breites institutionelles Stillhalten, etwa von Strafverfolgungsbehörden wäre Klümpers Wirken nicht dauerhaft zu realisieren gewesen. Klümper ist die zentrale Bad Bank des westdeutschen Sports gewesen, in die fast alle doping-kontaminierten Handlungs- und Wissenszertifikate seiner Kooperationspartner ausdelegiert werden konnten."

Porträt des Sportmediziners Armin Klümper.  (dpa / Picture Alliance / Bernd Weißbrod)Armin Klümper, ehemaliger Sportmediziner an der Uni Freiburg. (dpa / Picture Alliance / Bernd Weißbrod)

"Klümper, Freiburg in den 80er-Jahren. Sobald Sie das Sporttraumatologische Institut betreten haben, waren Sie im Zentrum einer Huldigung. Fotos mit Widmungen  prominenter Sportler und Mannschaften", sagt die ehemalige Leichtathletin Claudia Lepping. Auch sie ist in den späten 80er-Jahren zeitweise bei Klümper in medizinischer Behandlung, entscheidet sich aber gegen Doping.

"Ich hatte das große Glück, ich hoffe, das klingt nicht überheblich, ich war zu dem Zeitpunkt einfach flott unterwegs und hatte den Eindruck, wenn es jetzt schon ist, dass ich schneller bin als die, von denen es immer heißt, dass sie auch nachhelfen, warum in Gottes Namen sollte ich das machen? Und das war eine Haltung, die sich da ebenso festgesetzt hat und ich bin dankbar und froh darüber, dass das durchzuhalten war. Es war nicht immer ganz leicht, aber es war eben auch mit offenem Visier zu kämpfen."

Aufmüpfige Athletinnen, eine Minderheit

Doch aufmüpfige Athletinnen wie sie, hätten die Minderheit im Sportsystem der Bundesrepublik gebildet, sagt Claudia Lepping. Ein System, das sich bis heute nicht sonderlich geändert habe, glaubt sie.

"Es ist ein kriminelles System und das ist Körperverletzung - und wissen Sie was? Auszubaden haben das die Athleten. Ich habe weder während meiner aktiven Laufbahn, noch später, noch irgendwann in der Geschichte dieses Sportsystems erlebt, dass auch nur ein Funktionär oder ein Mediziner aufrichtig waren und gesagt haben, was wirklich los ist. Es wird den Leuten überlassen und das ist, finde ich, der wirklich und tatsächlich kriminelle Akt. Die jungen Leute haben keinen Schimmer, worauf sie sich einlassen, und sie treffen auf Akteure, um im Bild zu bleiben, die seit Jahren am Markt platziert sind, die die Mittel kennen, die das Wissen haben. Die Forscher, die das ja auch mittragen und daran Geld verdienen. Die Trainer, die das anwenden. Die Funktionäre, die das dulden. Die einzigen neuen Akteure auf diesem Spielfeld sind täglich und wöchentlich und jährlich neue junge Athleten, und die Karawane zieht weiter, weil nämlich diesen Typen, die am Markt sind, auch nur einer reicht, der erfolgreich durchkommt."

Die heutige Zeit, würde ich nicht so gerne durchstehen wollen

Andererseits gibt es heute kaum deutsche Sportler, die positiv getestet werden. Zudem werden viele Sportler, Trainer und Funktionäre nicht müde, das hiesige Kontrollsystem als besonders engmaschig zu loben. Demgegenüber steht wiederum unter anderem eine Studie der Sporthochschule Köln unter mehr als 1.100 deutschen Athleten. Darin gaben knapp sechs Prozent an, regelmäßig Dopingmittel zu konsumieren. Was soll man also denken?

Richard McLaren nimmt am 26.04.2017 in Berlin an der Anhörung im Bundestags-Sportausschuss zu den Konsequenzen aus dem McLaren-Report teil. (picture alliance/dpa - Maurizio Gambarini)Doping heute: Richard McLaren nimmt an der Anhörung im Bundestags-Sportausschuss zu den Konsequenzen aus seinem Bericht zum russischen Doping teil. (picture alliance/dpa - Maurizio Gambarini)

"Die heutige Zeit, die würde ich nicht so gerne durchstehen wollen", denkt Klaus-Peter Hennig – der Diskuswerfer, der seinen Anabolikakonsum während der 60er- und 70er-Jahre kürzlich öffentlich gemacht hat.

"Also was heute abläuft im Sport! Da gibt es ja ganz andere Mittel. Da gibt es Wachstumshormone und was weiß ich nicht alles. Das Epo-Thema ist noch mal ein ganz anderes im Dauerleistungsbereich…!"

Und eines steht auch für ihn fest.

"Es muss einfach mal klar gesagt werden, dass der Athlet eigentlich der Dumme ist! Die Athleten, die gesundheitliche Schäden vielleicht davon tragen und in ihrer Lebensplanung beeinträchtigt werden, die sieht dann keiner mehr. Und die Politik und die Sportfunktionäre und die Verbände, die sind fein raus, wenn sie ihre Medaillen zählen können!"

Die "Spitzensportreform" und der neue Ruf nach Medaillen

Eine Kritik, die Klaus-Peter Hennig auch auf die Gegenwart bezieht – und damit auf Bundesinnen- und Sportminister Thomas de Maiziere. "Wir müssen mehr klotzen und nicht kleckern", sagt de Maiziere und hat ein ambitioniertes Ziel ausgegeben: Ein Drittel mehr deutsche Medaillen: "Wir haben in Auswertung der Olympischen Spiele und Weltmeisterschaften die Erfahrung gemacht, dass Deutschland als große Sportnation in der Tendenz nicht besser, sondern eher schlechter geworden ist."

Bundesinnenminister Thomas de Maiziere (CDU, r) und der Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB), Alfons Hörmann, geben 11.03.2015 in Berlin eine Pressekonferenz. (picture alliance / dpa / Felix Zahn)Bundesinnenminister Thomas de Maiziere (re.) und DOSB-Präsident Alfons Hörmann sind in einem einig: Beide wollen mehr Olympia-Medaillen für Deutschland. (picture alliance / dpa / Felix Zahn)

Und das soll sich nun wieder ändern – mit der sogenannten "Spitzensportreform", die de Maizieres Innenministerium als Hauptgeldgeber des Spitzensports und der Deutsche Olympische Sportbund letztes Jahr auf den Weg gebracht haben. Kernpunkt ist, dass sich die finanzielle Förderung des Innenministeriums viel stärker auf Sportarten- und Disziplinen mit guten Aussichten auf Medaillen und vorderen Platzierungen konzentrieren soll. Diese Reform ist schon in der Entstehung auf viel Kritik gestoßen Die starke Fokussierung auf Medaillen passe nicht zur Vergangenheit West- und Ostdeutschlands, sagen die Kritiker. Die Geschichte habe schließlich gezeigt, dass massiver Erfolgsdruck die Dopingbereitschaft erhöhe – so wie bei Diskuswerfer Klaus-Peter Hennig, der schließlich zu Anabolika griff.

"Ich bin in einer Zwickmühle als Athlet. Auf der einen Seite will ich hohe Leistung schaffen. Auf der anderen Seite weiß ich, dass das ohne unterstützende Mittel eigentlich nicht geht. Das ist ein Dilemma, in dem die Athleten damals, wir damals waren, aber die Athleten heute auch sind."

* In einer früheren Version des Beitrages ist nicht deutlich geworden, dass einige der Aussagen von Klaus-Peter Hennig und Simon Krivec gegenüber der ARD-Sportschau getätigt wurden. Dies haben wir ergänzt.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk