Donnerstag, 30. Juni 2022

100. Geburtstag
Für Alain Resnais war Kino mehr als das Erzählen von Geschichten

20 Filme hat Alain Resnais im Laufe von 60 Jahren gedreht - den letzten mit 91. Als einer der wichtigsten Regisseure der „Nouvelle Vague“ zählt er zu den Erneuerern nicht nur des französischen Kinos. Heute wäre der Bretone 100 Jahre alt geworden

Von Hartmut Goege | 03.06.2022

Regisseur Alain Resnais 1980 mit Schauspieler Nicole Garcia  am Set zum Film " Mein Onkel aus Amerika
Alain Resnais, 1980 mit Hauptdarstellerin Nicole Garcia bei Dreharbeiten zu "Mein Onkel aus Amerika " (picture alliance/United Archives)
„Auch eine Straße für Fuhrwerke, Bauern und Liebespaare; auch ein kleiner Ferienort mit Jahrmarkt und Kirchturm kann zu einem Konzentrationslager hinführen.“
Mit dem nüchtern vorgetragenen Kommentar des KZ-Überlebenden Jean Cayrol betrat Regisseur Alain Resnais 1956 in Cannes die internationale Filmbühne. Mit seinem Dokumentarfilm „Nacht und Nebel“ schuf der später vor allem als 'Nouvelle Vague'-Autorenfilmer bekannte Resnais eines der bedrückendsten Mahnmale gegen den Holocaust. Elf Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs verknüpfte er die Bilder, die die Amerikaner beim Öffnen der Konzentrationslager gedreht hatten, mit eigenen Aufnahmen.
„Stutthof, Oranienburg, Auschwitz, Ravensbrück, Dachau, Bergen-Belsen. Das waren einmal Namen wie andere. Namen auf Landkarten und in Reiseführern. Das Blut ist geronnen, die Münder sind verstummt. Es ist nur eine Kamera, die jetzt diese Blocks besichtigen kommt.“

Resnais fragte nach dem Verhältnis von Erinnern, Vergessen, Verdrängen

Proteste der Adenauer-Regierung, die mit dem Film die deutsch-französische Versöhnung gefährdet sah, verhinderten nicht Resnais triumphalen Erfolg bei den Filmfestspielen.
Alain Resnais, am 3. Juni 1922 in der Bretagne als Sohn eines Apothekers geboren, hatte sich nach einer Cutter-Ausbildung schon Ende der 40er-Jahre einen Namen als Kurzfilmer gemacht. Von Beginn an widmete er sich auf vielfältige Weise dem Verhältnis von Erinnern, Vergessen und Verdrängen.

Ein Faible für Avantgarde-Autoren

Sein erster Spielfilm „Hiroshima, mon Amour“, über die flüchtige Liebe zwischen einem Japaner und einer Französin, thematisierte 1959 den Atombombenabwurf auf Hiroshima. Resnais hatte ein Faible für etablierte Avantgarde-Autoren. Für das Drehbuch gewann er die Schriftstellerin Marguerite Duras – und versuchte mit ihr:
Filmausschnitt aus "Hiroshima, mon amour" von Alain Resnais (1959): Porträt der Schauspielerin Emmanuelle Riva.
Zwischen Drinnen und Draußen, Gegenwart und Vergangenheit: Die Schauspielerin Emmanuelle Riva im Film "Hiroshima, mon amour" von 1959. (picture alliance / kpa)
„Hiroshima in einer Liebesgeschichte wiederauferstehen zu lassen. Wir hoffen, dass sie außergewöhnlich und hinreißend sein wird, und dass man sie für glaubhafter halten wird, wenn sie sich an einem Ort vollzieht, der in einem solchen Maße vom Tod gezeichnet ist, als wenn sie sich anderswo in der Welt ereignet hätte.“

"Nouvelle Vague" trifft "Nouveau Roman"

Auch Resnais zweiter und wohl bekanntester Spielfilm „Letztes Jahr in Marienbad“, bei dem der junge Volker Schlöndorff assistierte, entstand aus der Zusammenarbeit mit einem der bekanntesten Vertreter des 'Nouveau Roman', Alain Robbe-Grillet: Ein Mann trifft eine Frau in den verzweigten Gängen eines Barockschlosses und behauptet, sie ein Jahr zuvor dort getroffen zu haben. Die Frau aber dementiert das.
Labyrinthisch abstrakt wie die Erinnerungen der beiden entwickeln sich auch Bildsprache und Montage. Der Zuschauer wird in ein Verwirrspiel von Trugbildern entführt. Alain Resnais hatte sich als Vertreter der 'Nouvelle Vague', die keine einheitliche ästhetische Bewegung war, sondern nach neuen visuellen Erzählformen suchte, vor allem mit dem Theater auseinandergesetzt:
„Seit Jahrzehnten interessieren mich die Gegensätze zwischen Theater und Film, und wie man sie aushebeln kann. Eigentlich gleichen sich beide Formen. Man kann sie nicht anhalten. Ich wollte schon als Kind Jean Giraudouxs und Jean Anouilhs Stücke verfilmen, sie neu interpretieren.“

Den letzten Film mit 91 Jahren produziert

Film als bloßes Mittel, Geschichten zu erzählen, interessierte ihn wenig. In seinen späteren, unbekümmerten und amüsanten Werken, wie dem 1997 gedrehten Spielfilm „Das Leben ist ein Chanson“ etwa, gehen Dialoge oft unerwartet in bekannte Chansons über. 20 Filme hat Alain Resnais im Laufe von 60 Jahren gedreht.
„Wenn man mir einen Film vorschlägt oder ich eine Idee habe, dann laufen gleich Filmbilder durch meinen Kopf. Das ist einfach und direkt. Ich sehe alles vor mir. Dann bereiten wir vor, schließlich drehen wir. Und am Ende, fast wie ein Wunder, gleichen die Bilder auf der Leinwand denen in meinem Kopf.“
Den Kinostart seines letzten Films 'Aimer, boire et chanter', den er mit 91 Jahren noch produziert hatte, erlebte Alain Resnais nicht mehr. Er starb am 1. März 2014. Neben Jean-Luc Godard, Claude Chabrol oder etwa Louis Malle ging er als einer der wichtigsten Vertreter der 'Nouvelle Vague' in die französische Filmgeschichte ein.