Dienstag, 06. Dezember 2022

Vor 100 Jahren gestorben
So wälzte Reinhard Mannesmann die Industriegeschichte um

Mit einem neuen Walz-Verfahren revolutionierte Reinhard Mannesmann die Stahlrohr-Produktion und legte den Grundstein eines Megakonzerns. Zwar fest in seiner Heimatstadt Remscheid verwurzelt - aber auch Abenteurer -, starb er am 20. Februar 1922 an Malaria.

Von Andrea Westhoff | 20.02.2022

Der Industrielle, Erfinder und Entdecker Reinhard Mannesmann auf einem undatierten Foto
Reinhard Mannesmann auf einem undatierten Foto (picture-alliance / akg-images (Ausschnitt))
Der Vater, Reinhard Mannesmann senior, Präzisionsfeilenfabrikant aus Remscheid im Bergischen Land, konnte zufrieden sein: Alle seine sechs Söhne sind Ingenieure und Erfinder geworden, über tausend Patente haben „die Mannesmänner“ angemeldet. Und die beiden ältesten erwiesen sich als besonders akribische und genialische Tüftler, schrieben sogar Industriegeschichte:
„Reinhard und sein Bruder Max haben das erste Verfahren zur Herstellung nahtloser Stahlrohre allein durch Walzen erfunden. Das so genannte Schrägwalzverfahren“, so Kornelia Rennert, Leiterin des Mannesmann-Archivs. Das Schrägwalzverfahren habe die Leben vieler Industriearbeiter gerettet:
"Die damals verwendeten Rohre im Maschinenbau vor allen Dingen, wir sind ja im
19. Jahrhundert – das Zeitalter der Dampfmaschine -, waren geschweißte Rohre, und das heißt, wenn man zum Beispiel in der Dampfmaschine den Druck hochfuhr, dann konnte es passieren, dass die Schweißnähte platzten, und die ganze Dampfmaschine hochging.“

Das revolutionäre Schrägwalzverfahren

1886 erhalten Reinhard und Max Mannesmann das Patent auf ihr „Schrägwalzverfahren“, bei dem ein Loch in einen Stahlblock gebohrt und dieser nach und nach von innen zu einem Hohlkörper ausgewalzt wird. Aber die ersten Röhren sind noch zu dick. Der wirkliche Coup gelingt den beiden erst 1891 mit dem „Pilgerwalzverfahren“: Mit dieser Technik lassen sich nicht nur nahtlose, sondern auch sehr feinwandige und dadurch biegsame Rohre produzieren. Dazu Kornelia Rennert:
"Fahrrad und ein bisschen später auch das Auto wären niemals zum Massen-Verkehrsmittel geworden ohne diese Art von Rohren, sie eröffnete sowohl dem Maschinenbau als auch dem Fahrzeugbau völlig neue Bereiche.“

Die Mannesmänner schrieben auch Design-Geschichte

Die Mannesmannröhren werden auch für Metallmöbel und Lichtmasten, in der Architektur und bei Gegenständen im Jugendstildesign verwendet.
Nach anfänglicher Skepsis sind die Investoren, unter anderem Werner von Siemens, zufrieden – der Grundstein für eines der größten deutschen Familienunternehmen und den zukünftigen Weltkonzern ist gelegt.

Die Globalisierung der Remscheider Rohre

Unterdessen tüftelt Reinhard Mannesmann, immer wieder mal zusammen mit seinen Brüdern, an weiteren Erfindungen. Sie entwickeln zum Beispiel das sogenannte hängende Gas-Glühlicht. Aber Reinhard ist auch ein Abenteurer. Ihn zieht es von Remscheid hinaus in die Welt, erzählt Kornelia Rennert:
"In die USA, nach Bulgarien, nach Südamerika eine Expedition – immer mit wirtschaftlichen Gedanken im Hintergrund, aber eben vor Ort mit sehr abenteuerlichen Erlebnissen. Dinge wie Großwildjagd oder Empfänge, er soll im Weißen Haus gewesen sein, das gehörte eben auch mit dazu."

Wie die Mannesmann-Marokko-Kompanie entstand

Sein größtes Abenteuer führt ihn nach Marokko: Reinhard Mannesmann heiratet 1906, inzwischen fast 50 Jahre alt, die 23-jährige Marie Luise Eigen. Seine Hochzeitsreise nutzt der ausgewiesene Bergbaukenner, um die Erzvorkommen in Nordafrika zu erkunden – und wird fündig. Das Paar lässt sich in Tanger nieder, und die junge Frau schreibt an ihre Mutter in Deutschland:
"Durch unseren Besuch in Saidia haben wir Fühlung mit allen arabischen vornehmen Kreisen, … Reinhard erschien in seinem Auftreten niemals als ein fremder Europäer, vielmehr als ein Fürst auf Besuch im befreundeten Nachbarland.“

In den Mühlen der Großmachtpolitik

Reinhard Mannesmann hat viel diplomatisches Geschick, spricht mehrere Sprachen, auch ein wenig Arabisch, und es gelingt ihm, vom Sultan zahlreiche Schürfrechte zu bekommen. 1909 gründet er, zusammen mit seinen Brüdern, die Mannesmann-Marokko-Kompanie. Hier, sagt Cornelia Rennert, "wurde eigentlich immer sofort sehr groß gedacht und mit großen Ambitionen geplant.“ Aber bald gibt es auch Probleme:
„So kurz vor dem Ersten Weltkrieg, das war natürlich die Hochphase des Kolonialismus, und Marokko war französisches Interessengebiet. Das heißt, wenn deutsche Unternehmer in Marokko aktiv wurden, dann führte die natürlich zu diplomatischen Verwicklungen zwischen Deutschland und Frankreich.“
Im August 1914 verlassen die Mannesmanns Marokko, alle Rechte und Besitztümer dort gehen im Ersten Weltkrieg verloren. Reinhard spielt aber aufgrund seiner Auslandskontakte und Sprachkenntnisse weiter eine wichtige Rolle für die zahlreichen Mannesmann-Unternehmen, und er macht auch noch einmal als Erfinder von sich reden: Vor dem Hintergrund der herrschenden Wohnungsnot entwirft er Pläne für das erste „Fertighaus“ aus Betonplatten. Am 20. Februar 1922 stirbt Reinhard Mannesmann im Alter von 65 Jahren in Remscheid - an den Folgen der Malaria, die er sich in Marokko zugezogen hat.