Dienstag, 24. Mai 2022

Vor 225 Jahren geboren
Ferdinand von Wrangel - Kartograf der Ostküste Sibiriens

Gibt es eine Landbrücke von Sibirien über den Nordpol nach Amerika - und einen unentdeckten Kontinent Arktika: Diese Fragen beantwortete erst eine Expedition Ferdinand von Wrangels – der erstmals den Küstenverlauf Ostsibiriens genau kartierte. Vor 225 Jahren wurde der Deutschbalte geboren.

Von Monika Seynsche | 09.01.2022

Porträt des  deutschbaltischen Admiral Ferdinand von Wrangel vor einem Ausschnit, der von ihm erstellten, ersten genauen Karte der ostsibirischen Küste
Admiral Ferdinand von Wrangel und die von ihm erstellte, erste genaue Karte der ostsibirischen Küste (picture alliance/dpa /Valentine Shiyanovsky)
Es sind karge Tundren und eisige Berge, die den äußersten Nordosten Sibiriens bedecken. Eine schroffe, unwirtliche Landschaft, in der die Temperaturen im Winter auf unter minus 40 Grad Celsius sinken.

Auf einer Fläche, doppelt so groß wie Deutschland leben gerade einmal 50.000 Menschen. Vor 200 Jahren war dieses Land der Tschuktschen noch unerreichbarer als heute und einer der letzten weißen Flecken auf der Landkarte des russischen Zarenreiches. Dabei rankten sich wilde Gerüchte um die Region. Es hieß, hier beginne eine Landbrücke quer über den Nordpol, die Asien mit Amerika verbinde. Und im Norden der eisigen Küsten Tschukotkas vermutete man sogar noch einen weiteren Kontinent: Arktika. 1820 wurde eine Expedition ausgerüstet, um diesen Kontinent und die Landbrücke zu finden. Die Leitung übernahm ein sehr junger Marineoffizier, erzählt der Osteuropa-Historiker Andreas Renner.


„Es gibt verschiedene Erzählungen, dass es ihm einfach zu langweilig war in der Ostsee rumzufahren, oder dass ihm das gesellschaftliche Leben im Baltikum nicht gefallen hat, weil er lieber zu Hause gesessen hat und gelesen und gearbeitet hat.“

Als Kadett einmal um die Welt gesegelt

Ferdinand von Wrangel war am 9. Januar 1797 als deutsch-baltischer Adelssohn im Südosten des heutigen Estlands geboren worden. Er absolvierte die Seekadettenschule und nahm gleich danach an einer Weltumseglung teil, unter dem Kommando eines der damals bekanntesten russischen Marineoffiziere, dem Kapitän und späteren Admiral Wassili Golownin. Er, so Andreas Renner, habe Wrangel protegiert, "und schlägt ihn dann eben auch vor für diese Arktis-Expedition, die ihn dann auch berühmt gemacht hat.“

 Vom Ufer der Kolyma ins ewige Eis

Im Frühjahr 1820 brechen Wrangel und seine Mitstreiter auf. Allein sieben Monate brauchen sie, um den Startpunkt ihrer Expedition am Ufer des Kolyma-Flusses zu erreichen. Dort beschreibt er seine ersten Eindrücke so:
„Gegen Westen liegt eine unabsehbare nackte Heide, Tundra, und nach Norden das mit ewigem Eise bedeckte Meer, so dass die fast beständig hier herrschenden kalten Nordwestwinde mit ihrer ganzen Gewalt ungehindert wirken können. Der Strom friert hier schon in den ersten Tagen des Septembers zu. In den letzten Tagen des Mai treibt das verkrüppelte Weidengebüsch kleine winzige Blätter und die gegen Süden gelegenen Uferabhänge beziehen sich mit einem falben Grün.“

Wrangel und  die Tschuktschen

Bewohnt war die Region nur von einigen wenigen Tschuktschen, einem Volk, das auch Jahrzehnte nach der Unterwerfung noch erbitterten Widerstand gegen die russische Herrschaft leistete. Doch Wrangel, so Historiker Andreas Renner:

"hat von vornherein signalisiert, dass er mit friedlicher Absicht kommt, er nahm Dolmetscher mit, die die Tschuktschen-Sprache beherrschten, er nahm Geschenke mit für Tauschhandel, und zwar jetzt nicht nur irgendwelchen billigen Kram wie Glasperlen, sondern Sachen, die die Tschuktschen haben wollten, Metallgegenstände oder Tabak. Also, er hat keine größeren Konflikte mit den Tschuktschen, die waren so ein bisschen misstrauisch, aber eigentlich ging diese Strategie ganz gut auf.“

Warum eine Insel heute Wrangels Namen trägt

Drei Jahre lang erkunden die Expeditionsteilnehmer das Land und das vereiste Meer mit Hundeschlitten und kartieren den genauen Küstenverlauf. Sie finden keine Landbrücke nach Amerika und auch keine Hinweise auf einen weiteren Kontinent im Polarmeer. Einzig eine neue Insel zeichnet Ferdinand von Wrangel auf seinen Karten ein, weil er Vögel aufs Meer hinausfliegen sieht und die Tschuktschen ihm erzählen, bei gutem Wetter könne man dort Land sehen. Diese Insel trägt heute seinen Namen. Und - sagt Andreas Renner:
"Das Interessante an der Expedition ist, dass die Leute das auch alles überleben. Eigentlich gehört es zu diesen Arktis-Expeditionen dazu, dass Menschen ums Leben kommen, erfrieren oder am Skorbut sterben. Das ist wahrscheinlich das größte Problem von Arktis-Expeditionen bis weit ins zwanzigste Jahrhundert. Und da war Wrangel ganz pragmatisch. Er guckte einfach, was die Tschuktschen machten, und die Tschuktschen essen rohes Fleisch. Und Wrangel empfahl das und machte es auch selber, eben dieses rohe Fleisch zu essen. Und deswegen sterben diese Menschen auch nicht an Skorbut.
Russische Arktis, Wrangel Island. Ein mit Schnee bedeckter Berg, davor einige Schneegänse auf dem Wasser.
Seit die Polkappen schmelzen, lockt die Arktis mit angeblich immensen Bodenschätzen. (imago stock&people/Nature Picture Library)
1824 kehrten Ferdinand von Wrangel und seine Mannschaft aus Sibirien zurück. Der größte wissenschaftliche Erfolg der Expedition war der Beweis, dass es die Nordost-Passage gibt, also einen Seeweg entlang der russischen Nordküste vom Pazifik in den Atlantik. Einige Jahre nach seiner Rückkehr wurde Ferdinand von Wrangel 1829 zum Generalgouverneur von Russisch-Amerika, dem heutigen Alaska, ernannt und wandte sich später vehement gegen den Verkauf Alaskas an die USA. Er starb 1870 im estnischen Tartu.