Mittwoch, 06. Juli 2022

Vor 50 Jahren
Richard Nixon - der erste US-Präsident in Moskau

Es war die Zeit direkter nuklearer Konfrontation und erbitterter Stellvertreterkriege - doch heute vor 50 Jahren landete mit Richard Nixon erstmals ein US-Präsident zu einem Staatsbesuch in Moskau. Bei dem folgenden Gipfeltreffen gelang es, das "Gleichgewicht des Schreckens" neu zu tarieren.

Von Bert-Oliver Manig | 22.05.2022

Leonid Iljitsch Breschnew, Generalsekretär der KPdSU, begrüßt US-Präsident Richard Nixon am 23. Mai 1972 in Moska. Im Hintergrund Dolmetscher
Leonid Iljitsch Breschnew (links) Staatsoberhaupt der Sowjetunion und US-Präsident Richard Nixon bei ihrem Treffen am 23. Mai 1972 im Kreml (imago/ITAR-TASS)
Als Richard Nixon am 22. Mai 1972 auf dem Flughafen Wnukowo in Moskau eintraf, waren die Erwartungen hoch. Es war das erste Mal, dass ein US-Präsident in der Hauptstadt des Weltkommunismus empfangen wurde. Jahrelange Verhandlungen zwischen den USA und der Sowjetunion hatten die Hoffnungen auf ein Ende des kostspieligen und gefährlichen Rüstungswettlaufs genährt, der die Welt zehn Jahre zuvor in der Kuba-Krise an den Rand eines Atomkriegs geführt hatte. Die neue Devise hieß "Entspannung". Dieses neue Leitbild der internationalen Politik gründete auf der realistischen Einsicht, den ideologischen Gegner nicht in die Knie zwingen zu können, wie Richard Nixon betonte:

"Unsere beiden Nationen sind stark. Jede respektiert die Stärke der anderen, jede wird auf ihre Stärke bedacht sein, um ihre Unabhängigkeit zu bewahren. Aber in einem unkontrollierten Rüstungswettlauf zwischen zwei großen Nationen wird es keinen Sieger geben, nur Verlierer."

Cadillac-Diplomatie

Die Entspannungspolitik verhieß Frieden und größeren Wohlstand. Der Generalsekretär der KPdSU, Leonid Breschnew, hatte auch persönliche Vorteile besserer Beziehungen zu den USA fest im Auge. Der sowjetische Botschafter in Washington, Anatoly Dobrynin, ließ den Sicherheitsberater Nixons, Henry Kissinger, eine Woche vor dem Moskauer Gipfeltreffen wissen:
"Breschnew würde es nicht als unfreundlich ansehen, wenn er ein neues Auto für seine Sammlung von Luxuslimousinen erhielte."

Nixons Kalkül in Sachen Vietnam

Die US-Regierung setzte für ein angemessenes Staatsgeschenk alle Hebel in Bewegung und vier Tage später war ein zobelschwarzer Cadillac Eldorado versandbereit. Breschnew erhielt das Prunkstück noch während Nixons Moskau-Visite – ein eindrucksvoller Beweis amerikanischer Effizienz, wie sie von den russischen Kommunisten seit je her heimlich bewundert wurde.

 Die US-Regierung hatte allen Grund, im Kreml gut Wetter zu machen. Nixon hoffte, bei einer Entspannung der Beziehungen würden die Sowjets mäßigend auf ihre kommunistischen Verbündeten in Vietnam einwirken und den Amerikanern so einen Rückzug aus Indochina erleichtern. Angesichts der bevorstehenden US-Präsidentschaftswahl wäre das eine willkommene Unterstützung gewesen. Doch bei diesem Thema kam man beim Gipfeltreffen nicht voran. Nixon musste sich vielmehr Vorhaltungen der sowjetischen Führung wegen der jüngsten amerikanischen Seeblockade Nordvietnams anhören.

Altherrenwitze und sowjetischer Sarkasmus

 Ungeachtet der Tatsache, dass den USA in Vietnam gerade mit Hilfe russischer Waffen die schwerste Niederlage ihrer Geschichte zugefügt wurde, entwickelten sich in Moskau zwischen Breschnew und Nixon fast freundschaftliche Beziehungen. Altherrenwitze über junge Sekretärinnen und Spott über die allgegenwärtigen Bürokraten funktionierten systemübergreifend. Nixons launiger Vorschlag, der lästige Henry Kissinger könne doch nach Sibirien in die Verbannung geschickt werden, löste bei den russischen Gesprächspartnern große Heiterkeit aus. In der Disziplin Sarkasmus waren die Russen überlegen: Nach einem peinlichen Motorschaden einer Renommiermaschine der sowjetischen Aeroflot, mit der das Ehepaar Nixon zu einer Besichtigungstour nach Leningrad geflogen werden sollte, bot der grollende russische Ministerpräsident Alexej Kossygin den Gästen mit todernster Miene an:
"Sagen Sie uns, was wir mit unserem Luftfahrtminister tun sollen. Wenn Sie wollen, dass wir ihn hier auf dem Rollfeld erschießen, werden wir es tun!"
Insgesamt stimmte in Moskau die Chemie. So konnten während des Gipfeltreffens wichtige Verträge unter Dach und Fach gebracht werden: Unter der Bezeichnung SALT-1 erlegten sich die beiden Supermächte erstmals Rüstungsbeschränkungen auf: Das Arsenal an atomaren Langstreckenraketen wurde im Wesentlichen auf dem erreichten Stand eingefroren; und der ABM-Vertrag untersagte die Entwicklung neuer Systeme zur Abwehr von Interkontinentalraketen. Damit wurde die Fähigkeit beider Seiten zum vernichtenden atomaren Zweitschlag garantiert. Das in Moskau zementierte „Gleichgewicht des Schreckens“ machte die Führer der beiden Supermächte dauerhaft zu Herren über den Fortbestand der Menschheit.

Nixon und Breschnew waren sich ihrer gemeinsamen Verantwortung bewusst, für wichtiger als vertragliche Regelungen hielten sie das aufgebaute persönliche Vertrauen. Nixon sprach wohl für beide, als er erklärte:
"Solange wir beide an Bord sind, habe ich keine Sorge. Ich hoffe, unsere Nachfolger werden pragmatische Leute sein und sich nicht zu Wahnsinnstaten hinreißen lassen.“