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50. Todestag des Verlegers
Der rätselhafte Tod des Giangiacomo Feltrinelli

Giangiacomo Feltrinelli war Verleger, Lebemann, Kommunist, Millionär - und möglicherweise Terrorist. Am 15. März 1972 wurde er tot an einem Hochspannungsmast aufgefunden. Was tags zuvor passiert war, bleibt mysteriös.

Von Maike Albath | 14.03.2022

Undatierte Aufnahme von Giangiacomo Feltrinelli am Steuer seines Wagens.
Undatierte Aufnahme von Giangiacomo Feltrinelli am Steuer seines Wagens (picture-alliance / dpa)
Es ist die Hauptnachricht des Tages. Am Nachmittag des 15. März 1972 spürt der Hund eines Bauern einen verstümmelten Körper an einem Hochspannungsmast in Segrate bei Mailand auf. Der Mann schien sich am Vorabend bei einem Sabotageakt mit einer Dynamitladung in die Luft gejagt zu haben. Der Ausweis ist auf Vincenzo Maggioni ausgestellt. Aber es handelt sich um Giangiacomo Feltrinelli, schillernder Verlagsgründer und Millionenerbe. Alberto Rollo, jahrzehntelang Programmleiter von Feltrinelli, erinnert sich an die Beisetzung.

"Der Verlag hielt trotz allem stand, als Giangiacomo Feltrinelli starb. Die Umstände sind bis heute nicht ganz geklärt. Die Beerdigung war extrem aufgeladen. Ich ging nicht hin. Die Armee war dort, ein riesiges Polizeiaufgebot, von seinen alten Freunden kamen nur wenige.

Im linksextremen Untergrund

Es war eine der kompliziertesten Phasen der italienischen Nachkriegszeit. Seit dem Attentat an der Mailänder Piazza Fontana im Dezember 1969, das von Rechtsextremen verübt worden war, aber der Linken angelastet wurde, driftete eine ganze Generation in den bewaffneten Kampf ab. Feltrinelli hatte im Jahr darauf die gruppi d’azione partigiana gegründet, die zu den ersten paramilitärischen linksextremistischen Aktionsbündnissen gehörte.

Geldgeber des PCI

Giangiacomo Feltrinelli, geboren am 19. Juni 1926, stammte aus einer der reichsten Familien Italiens. Nach kurzer Begeisterung für den faschistischen Pomp setzte 1944 seine Politisierung ein: Der 18-Jährige ging in den Widerstand und kämpfte an der Seite der USA gegen die Deutschen. Nach dem Krieg trat er in den PCI ein, den Partito Communista Italiano, den er mit großen Geldsummen unterstützte, bis er 1957 sein Parteibuch zurückgab. Unterdessen hatte Feltrinelli zum ersten Mal geheiratet und begonnen, eine bis heute grundlegende Bibliothek über die Geschichte der Arbeiterbewegung zusammenzustellen. Und nicht nur das, so Alberto Rollo:

"Giangiacomo war eine herausragende Persönlichkeit, er hat den Verlag Feltrinelli von Grund auf aufgebaut, ich musste einfach nur sein Erbe weiterführen. Er hat die Feltrinelli- Buchhandlungen erfunden, er hat die Herstellung und den Vertrieb neu geordnet, er hat unglaublich viel bewegt, und wir haben seine Ideen gemeinsam mit seinem Sohn verwirklicht."

Verlegerische Welterfolge

Giangiacomo Feltrinelli, unternehmerisch visionär, besaß auch ein geniales literarisches Gespür. Ein Coup war der Erwerb der Rechte von Boris Pasternaks "Doktor Schiwago". Bei Feltrinelli kam, sehr zum Ärger des PCI, 1957 die erste Ausgabe des Romans weltweit heraus. Im Jahr darauf lernte Giangiacomo seine dritte Ehefrau, die deutsche Fotografin und spätere Verlegerin Inge Schönthal kennen, die Mutter seines Sohnes Carlo. Und wieder erschien ein Buch, das um die Welt gehen sollte: "Der Leopard "von Giuseppe Tomasi di Lampedusa.

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In den 60er-Jahren setzte Feltrinellis Radikalisierung ein. An seinen Sohn Carlo schrieb er 1971 zum Geburtstag:
"Am allermeisten wünsche ich für Dich, Carlino, dass, wenn Du groß bist, alle diese Kämpfe, all diese Leiden nicht wie heute eine Realität sind, gegen die, glaub mir, jeder ehrliche Mensch kämpfen muss.“

Im Visier der Geheimdienste

Giangiacomo Feltrinelli, der vom italienischen Geheimdienst und von der CIA beobachtet wurde, war damals seit anderthalb Jahren im Untergrund. Wie sein Sohn Carlo später in seinem Buch Senior Service rekonstruiert, plante sein Vater mit seiner Zelle einen Anschlag auf die Hochspannungsmasten. Am 14. März 1972 endete Feltrinellis Leben mit 15 Stangen Dynamit. In der außerparlamentarischen Opposition kam der Verdacht auf, man habe den charismatischen Anführer eliminieren wollen. Für den zuständigen Staatsanwalt blieb der Tod Feltrinellis bis zum Schluss ein Rätsel. Er markierte die anni di piombo, die bleiernen Jahre. Der Feltrinelli Verlag ist bis heute eine italienische Institution.