Mittwoch, 29. Juni 2022

Vor 75 Jahren
Als George Marshall sein Aufbauprogramm für Europa präsentierte

Der US-Hilfe für den Wiederaufbau Westeuropas nach dem Zweiten Weltkrieg lag die Leitidee „Hilfe zur Selbsthilfe“ zugrunde und wurde zu einer Erfolgsgeschichte. Vor 75 Jahren stellte US-Außenminister George Marshall das nach ihm benannte amerikanische Programm der Öffentlichkeit vor.

Von Bert-Oliver Manig | 05.06.2022

US-Präsident Harry Truman (links) mit Außenminister George Marshall, dessen Wiederaufbauprogramm European Recovery Program nach ihm Marshallplan benannt wurde
US-Präsident Harry Truman (links) mit Außenminister George Marshall, dessen Wiederaufbauprogramm European Recovery Program nach ihm Marshallplan benannt wurde (picture alliance / Everett Collection)
1947 blickte man in Amerika sorgenvoll nach Europa. Dort herrschten zwei Jahre nach dem Sieg über Hitler-Deutschland Hunger und Hoffnungslosigkeit. Pessimisten glaubten bereits, Europa werde erneut im Nationalismus versinken oder dem Kommunismus in die Hände fallen.
Gerade diese Gefahr war der Ansporn für die US-Regierung, sich weiterhin in Europa zu engagieren. Am 5. Juni 1947 erklärte Außenminister George Marshall in einer Rede an der Harvard-Universität in Boston:
„Die Wahrheit ist, dass Europas Bedarf an Lebensmitteln und anderen Grunderzeugnissen aus Übersee – zumeist aus Amerika – in den nächsten drei oder vier Jahren viel größer sein wird als seine Zahlungsfähigkeit. Europa benötigt substanzielle zusätzliche Hilfe, wenn es nicht sehr ernsten ökonomischen, sozialen und politischen Problemen ausgesetzt sein soll. Die Lösung besteht darin, den Teufelskreis zu durchbrechen und den Glauben der Europäer an die ökonomische Zukunft ihrer eigenen Länder und des gesamten Kontinents wiederherzustellen.“

Die USA boten Europa Rohwaren auf Kredit an

Hilfe zur Selbsthilfe – dies war die Leitidee des „European Recovery Program“, kurz ERP, das der US-Außenminister präsentierte und das als „Marshallplan“ Berühmtheit erlangen sollte. Dieser Plan bestand gerade nicht darin, Milliarden US-Dollar nach Europa zu pumpen. Denn das hätte der amerikanische Steuerzahler nicht mitgemacht, und in Europa hätte es Korruption, Schattenwirtschaft und eine dauerhafte Abhängigkeit von US-Hilfen begünstigt.
Man stellte es klüger an: Die USA boten den europäischen Staaten die Lieferung benötigter Rohwaren auf Kredit an. Die Tilgung dieser Schulden wurde in die ferne Zukunft vertagt. Der Zahlungsaufschub machte es möglich, dass Unternehmer in Europa die amerikanischen Waren in ihrer Landeswährung einkaufen konnten. Es mussten also keine Güter aus Europa gegen Dollar exportiert werden, um die dringend benötigten Importe zu finanzieren.

Der Marshallplan setzte auf unternehmerische Initiative

Ein weiterer Clou: Die europäischen Regierungen konnten die Zahlungen der Unternehmer für die amerikanischen Rohwaren für Investitionen einsetzen oder als Kredite weitergeben. Durch die kluge Konstruktion des Marshallplans blieben die Früchte der Arbeit in Europa und vermehrten sich. Erst wenn man dort wieder auf eigenen Beinen stand, sollten die US-Warenkredite beglichen werden.
Das ERP setzte auf unternehmerische Initiative. Dennoch waren in Europa nicht nur bürgerliche Politiker, sondern auch Sozialisten Feuer und Flamme. In Deutschland erklärte der SPD-Vorsitzende Kurt Schumacher:
„Der Marshallplan ist keine Wunderformel. Der Marshallplan setzt auf deutscher Seite Arbeit und Leistung voraus, aber der Marshallplan ist die einzige mögliche Blutzufuhr im Ökonomischen und darum in der Konsequenz auch im Moralischen und im Politischen.“

Waren im Wert von 14 Milliarden Dollar

Mit Ausnahme des franquistischen Spanien ließen die USA alle Antragsteller zu. Seit 1948 gingen amerikanische Waren im Wert von 14 Milliarden Dollar in 18 europäische Länder, etwa zehn Prozent davon in die junge Bundesrepublik Deutschland.
Auch in den sowjetisch besetzten Ländern gab es starkes Interesse, doch Moskau verbot ihnen die Teilnahme am Marshallplan. So kam auch die DDR nicht in den Genuss amerikanischer Rohwaren und Kredite; die mitteldeutsche Industrie musste vielmehr aus der laufenden Produktion Reparationen nach Russland liefern und nach politischen Vorgaben für den Export in die sozialistischen Bruderstaaten produzieren.
In Westdeutschland hingegen verschafften die gelieferten amerikanischen Maschinen und Rohwaren, überwiegend Baumwolle und Tabak, den Arbeitern Beschäftigung, den Fabrikanten eine Lizenz zum Reichwerden und den Konsumentinnen die Befreiung von den ungeliebten Wollstrümpfen der ersten Nachkriegszeit:
„Eine willkommene Überraschung aus Amerika. Strumpfwirkmaschinen für deutsche Nylonstrümpfe im Rahmen des Marshallplans. Nylonstrümpfe aus Deutschland – ein Wunschtraum jeder Frau wird Wirklichkeit.“
1952 endeten die amerikanischen Lieferungen. Der Marshallplan hatte zur wirtschaftlichen Genesung und zur politischen Einigung Europas einen starken Impuls gesetzt. George Marshall erhielt dafür 1953 den Friedensnobelpreis.