Freitag, 20. Mai 2022

Glaubensverlust im Alter
Adé Christentum!

Wenn Menschen dem Glauben den Rücken zuwenden, geht es dabei nicht nur um Verfehlungen und Skandale in den Institutionen - die Glaubenssätze selbst finden immer weniger Rückhalt. Jungfräuliche Geburt, Gewaltexzesse im Alten Testament und die Rolle Christi stehen auf dem Prüfstand - auch bei älteren Menschen.

Von Mechthild Klein | 19.01.2022

Symbolbild: Ein Mann verlässt eine Kirche - dem Betrachter wendet er den Rücken zu
Viele Menschen kehren den Kirchen den Rücken zu (picture alliance / dpa / Ingo Wagner)
Marion Voss: "Und ganz schlimm eben diese Sühne-Geschichte. Jesus musste sterben, um die Menschheit wieder Gott wohlgefällig zu machen. Und mich befremdet es heute sehr, wenn ich einen Gottesdienst feiere, wenn mir der Kelch gereicht wird und es heißt dann: das Blut Christi. Ich möchte kein Blut trinken, bitte, ich möchte mir das auch nicht vorstellen."
Thomas Klepsch: "Im Laufe der Zeit sind die Zweifel doch so stark geworden und die Anfragen, dass ich mir gedacht habe: Mensch, eigentlich verleugne ich mich ja selber. Ich habe mich dann getraut, mich auch wirklich kritischen Themen zu öffnen und bin ins Internet gegangen, hab dann zu meiner Verwunderung gefunden, dass da einige Seiten vorhanden waren, wo ehemalige Christen sich zu Wort meldeten."
"Es gibt nichts zu beschönigen: Bis ins aktive Zentrum der Kirchen hinein ist die Sprache des überlieferten Glaubens verkalkt, abgestanden, verschlissen. Mit dem Wort 'Gott', über Jahrhunderte im Übermaß für eigene Interessen missbraucht, verbindet sich keine prophetische Kraft mehr. Die Sätze des Apostolischen Glaubensbekenntnisses provozieren Ratlosigkeit. Der Grundbestand der Glaubenslehre hat sein Verfallsdatum hinter sich."
(Aus: Hubertus Halbfas - "Glaubensverlust")
Es bröckelt in der Anhängerschaft christlicher Kirchen. Die Zahl der Kirchenaustritte ist hoch. Viele von denjenigen, die Mitglied bleiben, verabschieden sich von tradierten christlichen Vorstellungen.
Ein wachsender Anteil der Christinnen und Christen glaubt laut einer Umfrage des Instituts für Demoskopie in Allensbach nicht einmal, das Jesus Christus Gottes Sohn ist. Mit der Auferstehung wissen immer weniger Kirchenmitglieder etwas anzufangen. Die Älteren waren bislang am treuesten, doch auch von ihnen gehen viele zu Himmel und Hölle, Dreifaltigkeit und ewigem Leben auf Distanz. Nach Jahrzehnten der Auseinandersetzung mit kirchlichen Dogmen bleibt immer weniger vom Glauben übrig.

Ein ausschließender Glaube

Zweifel an der offiziellen Botschaft der Kirche wird nicht gerne laut geäußert. Was einst Gewissheit oder Stütze sein sollte, wird abgelegt wie überflüssiger Ballast. Es scheint: Je älter, desto kritischer werden Gläubige, manche wenden sich ganz ab. So wie Thomas Klepsch - der Polizist gehörte viele Jahre einer Pfingstgemeinde in der Nähe von Ulm an.
"Also, ich habe mich als wiedergeborener Christ gesehen. Das heißt also, dass ich durch den Heiligen Geist wiedergeboren wurde. Nur wiedergeborene Christen haben das Anrecht und haben die Möglichkeit, durch den Heiligen Geist, der einen erfüllt, der das Herz, die Seele, den Geist erfüllt, dann Zugang zu Gott zu bekommen. Ja, das ist ein sehr fundamentaler Glauben."
"Ich denke, auch ein ausschließlicher Glauben, der jetzt also Christen, die aus den Landeskirchen kommen, die eher ein liberales Christsein pflegen und sagen Jesus war für mich eher eine historische Person. Da denkt dann der wiedergeborene Christ, dass dieser Christ jetzt nicht errettet ist, also dass der quasi auch noch Rettung benötigt."

Vom Pastor zum Atheisten

Klepsch hat sich früh fürs Christentum interessiert. Irgendwann war er bei einer Missionsveranstaltung dabei, einer sogenannten Evangelisation von Pfingstlern. Ein markiger Rocker erzählte dort, wie sich sein Leben veränderte durch den Glauben an Jesus. Klepsch war begeistert und dockte in der Freikirche an, wurde sogar nebenberuflicher Pastor. Sein altes Leben mit Rockmusik war vorbei.
"Man muss Buße tun. Also sein altes Leben und sein sündhaftes altes Leben bereuen, dem auch ganz klar absagen: Also da sollten auch aktive Taten folgen. Und auf der anderen Seite die Hinwendung zu einem aktiven Glauben, also ihm nachzufolgen und ihn zu hören, also den Herrn Jesus in allen Dingen die erste Liga spielen zu lassen."

Mehr zum Thema:

Sünde, Schuld und Vergebung im Atheismus - Gewissen statt Gott
Atheismus - Gottlos groß werden
Religionskritik - Der große Zweifler
Philosoph Michael Schmidt-Salomon - „Aufgeklärte Religion aussterbend wie Männergesangsvereine“
Der Alleinvertretungsanspruch der Religionen: „Wir haben die Wahrheit“

"2015 bin ich ausgestiegen. Also ich sehe mich jetzt als Atheist. Vielleicht auch ein Stück weit als Agnostiker, weil ich weiß ja nicht. Ich kann ja nicht hundertprozentig ausschließen, dass es nicht irgendeinen Gott gibt oder ein höheres Wesen, das den Weltraum, das Universum geschaffen hat. Ich habe den Glauben auf jeden Fall aber an einen Gott abgelegt. Also ich suche ihn auch nicht."

Das Credo geht ihr nicht mehr über die Lippen

"Ich würde mich heute als sehr kritische Christin bezeichnen und als jemand vor allen Dingen, der die Eckdaten des Christentums, wie sie sich im Glaubensbekenntnis widerspiegeln, nicht mehr nachvollzieht. Also ich glaube kein Credo mehr."
Marion Voss, pensionierte Lehrerin aus Bremen. Sie war lange aktiv in der römisch-katholischen Kirche. War Lektorin, sogar Katechetin. Im Laufe der Jahrzehnte hat sie sich an den Dogmen ihrer Kirche abgearbeitet. Kirchenmitglied ist sie immer noch. Aber Glaubensformeln wie das Credo gehen ihr nicht mehr über die Lippen. Das Credo ist das Glaubensbekenntnis der Kirche, das allsonntäglich in der Messe gesprochen wird. Es beginnt mit den Worten:
"Ich glaube an Gott, den Vater, den Allmächtigen, den Schöpfer des Himmels und der Erde. Und an Jesus Christus, seinen eingeborenen Sohn, unsern Herrn, empfangen durch den Heiligen Geist…"
"Ja, insbesondere natürlich 'empfangen durch den Heiligen Geist, geboren von der Jungfrau Maria' und so weiter. Das andere sind ja nur Eckdaten. Merkwürdigerweise wird in dem Glaubensbekenntnis überhaupt nichts über das Leben Jesu und seine Lehre gesagt. Sondern nur: geboren, gelitten, gestorben, auferstanden, er sitzet zur Rechten des Vaters - ist eigentlich sehr mager, denn es sollte einem doch eher darum gehen, was Jesus gelehrt hat. Was neuere Theologen, ich denke da insbesondere an die Studentenbewegung in Amsterdam, an die Studentenkerk mit Huub Oosterhuis. Die achten auf diese Dinge und stellen die in den Vordergrund und kümmern sich um alle diese anderen dogmatischen Aussagen gar nicht."

Ohne Paulus keine Kirche?

Die Dogmen der katholischen Kirche lehnt die Bremerin inzwischen ab. Viele dieser Lehrsätze gründen vor allem auf der Sicht des Apostels Paulus, der Jesus zu dessen Lebzeiten nie begegnet war. Paulus hat aber an dieser Kirche den größten Anteil und sie maßgeblich geprägt. Das paulinische Erbe hat schon viele verdrießlich gestimmt. Manche sehen darin eine Verfremdung der Lehre Jesu. Marion Voss sagt:
"Also, ohne Paulus hätten wir keine Kirche, wie wir sie heute haben. Jesus war weit davon entfernt, eine Kirche gründen zu wollen, nach meinem Verständnis und nach allem, was ich gelesen habe. Und das ist viel - aus den unterschiedlichen Blickwinkeln. Genausowenig wie Jesus sich ja selber als Messias bezeichnet habe oder als Gottessohn. Wenn ja, dann nur so, dass alle anderen Menschen ebenfalls Söhne und Töchter Gottes seien."
Der Apostel Paulus auf einem Gemälde von Rembrandt, enstanden wahrscheinlich im Jahr 1657. Paulus sitzt in seiner Zelle und stützt gedankenschwer seinen Kopf in eine Hand, in der anderen hält er einen Federkiel.
"Ohne Paulus hätten wir keine Kirche, wie wir sie heute haben", sagt Marion Voss (imago images/Everett Collection)
Diese Kritik kennt auch Hubertus Halbfas. Der katholische Theologe wurde vor allem bekannt durch seine Publikationen bekannt. Im Buch "Glaubensverlust – Warum das Christentum sich neu erfinden muss" schreibt er über den Apostel Paulus, dass ihm die "postmortale Existenz" Jesu wichtiger gewesen sei als das vom historischen Jesus gelegte Fundament. Stattdessen verkündete Paulus nur seine eigene Privatoffenbarung, die er vom auferstandenen Jesus Christus empfangen haben will.
"So überging Paulus alles, was Jesus zu seinen Lebzeiten bewegte und lehrte, die Summe seiner Reich-Gottes-Botschaft in Wort und Gleichnis, in Zuwendung und offener Tischgemeinschaft. Gäbe es nur 'sein Evangelium', wäre für uns Jesus nicht einmal eine Kontur: Wir würden keine Gleichnisse kennen, keine Bergpredigt, kein Vaterunser, kein Wissen über Jesu Leben und Verhalten."
Hubertus Halbfas vermisst die Kernbotschaft Jesu in der kirchlichen Lehre. Nämlich, was Jesus interessierte, seine Lebensordnung, die er als "Herrschaft Gottes" oder "Reich Gottes" verstand: Keine jenseitige Welt, sondern eine Lebensweise in der Welt.
"Dies machte er konkret durch eine provokante offene Tischgemeinschaft, die Symbol und Realisation seiner Lehre war. In Gleichnissen und mit eigenem Verhalten deutet er (Jesus) seine Mahlgemeinschaften, die in bunter Reihe Männer und Frauen, Arme und Reiche, Sklaven und Freie, Pharisäer zwischen Zöllnern und Dirnen versammelten. Und da dies Verhalten damals wie heute schockierte, wurde er als Fresser und Säufer, Freund von Sündern und Zöllnern beschimpft. Doch dies war sein Programm. Ein Muster nicht-diskriminierender Gesellschaft. Irritierend und provokativ für alle, welche die eigene Identität nur in den Augen von ihresgleichen finden; eine Zumutung, von allen Unterschieden des Standes und Ranges abzusehen, um selbst mit ordinären Menschen 'gemein' zu werden".
Marion Voss: "Ja, die absolute Mitmenschlichkeit, die Zugewandtheit zum Menschen, auch zu dem armen und bedürftigen Menschen. Und das verkündet ja Jesus nicht nur von sich selber, weil er sich eben um diese Abgehängten und Ausgestoßenen auch - nicht ausschließlich - kümmert."

"So einen Gott will ich nicht"

Glaubensschwund beginnt oft schleichend. Die Sühneopfer-Theologie nach der Gott seinen eigenen Sohn geopfert hat, um die Sünden der Menschen zu vergeben - das steht im Mittelpunkt der kirchlichen Lehre. Marion Voss sagt:
"Absolut, absolut haarsträubend. Also früher habe ich das so überhaupt nicht gesehen und das wundert mich heute, dass ich das einfach Jahr um Jahr in der Karfreitagsliturgie und wo auch immer alles mitgebetet habe, diese sogenannte Kreuz-Verehrung. Ich würde heute laufen, um das nicht zu tun. Nein, nein. Also so einen Gott will ich nicht, da der tödlich beleidigt ist, weil irgendein Mensch mal, genannt 'Adam', ihm missfallen hat und dann jahrtausendelang die Menschen mit Strafen belegt. Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot verdienen und dann mit Schmerzen deine Kinder gebären und und und und und. Um dann niemand Geringeres zu finden, der ihn wieder versöhnt, als seinen angeblich eingeborenen Sohn. Das ist einfach so was von haarsträubend. Ja, das ist mir im Laufe der letzten Jahre einfach so klar geworden, wie es mir vorher nie war."

Kein Raum für Skepsis

Die Abwehrstrategien sind bei Zweifelnden oft dieselben. Verdrängen und Kompensieren. Besonders viel in die Kirche gehen. Was Frommes lesen. Geholfen hat es am Ende nicht. Den Ex-Pfingstler Thomas Klepsch störten andere Widersprüchlichkeiten in der Bibel. Besonders die in der hebräischen Bibel, im sogenannten Alten Testament:
"Die Gewaltexzesse in der Bibel sind mir persönlich immer schon bitter aufgestoßen. Zum Beispiel wird bei einer Einnahme Kanaans durch Josua angeordnet, dass der Bann an diesem fremden Volk zu vollstrecken sei. Und dieser Bann, der beinhaltete damals die Tötung von Männern, Frauen, Kindern und auch von den Tieren. Also alles, was dieses Volk, dieses fremde Volk ausmacht. Es sollte also total ausradiert werden. Und das war für mich ein ganz, ganz großer Widerspruch zu diesem lieben Herrn Jesus, den ich ja auch kennengelernt habe. Und diese Widersprüche, also wie sich eine Person in so unterschiedlicher Weise zeigen kann. Das hat mich schon sehr zweifelnd und hellhörig gemacht."
Und: Anders als die Katholikin Marion Voss fürchtete der Pfingstler Thomas Klepsch biblische Strafen, wenn er seinen Glauben ablegt.
"Weil, wer seinen Glauben aufgibt, der hat sein Wieder-Geburtsrecht verloren. Das Kind der Hölle, dem droht also ganz, ganz Schlimmes. Und deshalb habe ich das ja immer auf die Seite geschoben."
Interpretationen, die Bibel als von Menschen geschriebene Auslegung zu sehen, dafür war kein Raum in seiner Freikirche. Klepsch sagt: Fundamentale Christen glaubten an eine wörtliche Inspiration der Bibelautoren durch den Heiligen Geist. Während sie die liberalen Christen als "lau" betrachteten, weil die immer alles umdeuten müssten.

"So kann es nicht gewesen sein"

Marion Voss: "Vor Jahren war ich mal zu einer Bildungsveranstaltung im Niels-Stensen-Haus. Da sagte der Referent - es ging auch um Ostern und Auferstehung - und da sagte der, das habe ich zum ersten Mal gehört in meiner ganzen katholischen Laufbahn: 'Man muss sich doch nicht vorstellen, dass Jesus nach seiner Auferstehung wie ein Zombie durch die Straßen Jerusalems gelaufen ist.' Genau so wörtlich hat er das gesagt. Und da dachte ich: Na, guck! Das geht doch auch."
Auch die Geschichte der Maria von Magdala, die den auferstandenen Jesus nicht erkennt und mit dem Gärtner verwechselt, erscheint ihr suspekt. Erst als Jesus sie mit Namen anspricht, erkennt sie ihn:
"...und sie sagt: 'Rabbuni!' Hm, das scheint doch so, oder? Das soll doch dem Leser so erscheinen, als sei Jesus wieder sichtbar. Genauso bei dem 'Er geht euch voraus nach Galiläa.' Und am See von Galiläa, da steht er und brät Fische. Bitte, was ist das? Das ist doch eine Irreführung. Vielleicht haben Leute das jahrhundertelang so für wahr gehalten und für wörtlich. Und heute machen sich dann viele Leute, viele Geistliche, wenn man nachhakt und wenn man nachbohrt und sagt, aber so kann es nicht gewesen sein: 'Ja das, das muss man anders verstehen. Das ist symbolisch gemeint.' So wie auch die Jungfrauengeburt nichts anderes bedeutet, hat mir ein Geistlicher gesagt, als das totale Offen-Sein und das Hingegeben-Sein an Gott. Ja, aber dann brauche ich so ein Dogma aber doch bitteschön nicht."
Gläubige nehmen am 07.06.2013 in Köln (Nordrhein-Westfalen) an einer Eucharistiefeier teil. Der Priester legt einer knienden Dame eine Hostie auf ihre Zunge
Eucharistiefeier bei einer katholischen Messe (picture alliance / Oliver Berg)
Immer wenn es widersprüchlich wird, solle man es nicht wortwörtlich verstehen. Das hilft nicht jedem weiter. Die Lehrerin war noch damit aufgewachsen, die Eucharistie, das katholische Abendmahl, als Wandlung von Brot und Wein zu Fleisch und Blut Christi zu sehen. Die heilige Messe als "unblutiges Kreuzesopfer" zu sehen. Für sie hätte das Blut Jesu bitte nicht vergossen werden sollen.
"Wobei für mich heute die evangelische Sicht sehr viel näher liegt, da ist es ein Gedächtnismahl - und diese ganze Transsubstantiation und was alles damit gemeint ist und zusammenhängt, das interessiert mich heute überhaupt nicht mehr. Er ist aufgrund der chaotischen Umstände im damaligen Israel in Jerusalem gestorben. Er ist angeklagt worden mit unterschiedlichen Ansätzen als Gottesleugner, als Aufrührer, als 'ich weiß nicht was', aber ganz bestimmt nicht als...da war nicht die Rede davon, dass er für die Menschen stürbe. Das hat er selber ja auch nicht behauptet."

"Wer Glaubensgehorsam fordert, setzt auf Kontrolle"

Marion Voss sieht die vielen Ungereimtheiten in den Evangelien inzwischen nur als Glaubenszeugnisse der Verfasser der Evangelien an. Etwa, wenn von den Worten unter dem Kreuz berichtet wird. Oder über Jesu Fasten 40 Tage in der Wüste – alles keine nachprüfbaren Berichte, meint sie. Keiner war dabei.
Stattdessen wird in der paulinischen Theologie allein der Glaube an den Auferstandenen zum Gradmesser für das Heil und die Teilhabe am Reich Gottes. Auch der Theologe Hubertus Halbfas kritisiert Paulus' Grundton - der fordert nämlich einen Gehorsam zum Glauben.
„War Jesu Evangelium noch uneingeschränkte Freudenbotschaft, so kommt nun ein drohender Unterton auf, der später immer stärker anschwillt. Wer aber 'Glaubensgehorsam' fordert, setzt zugleich auf Kontrolle – und befördert damit eine Entwicklung, die jede Abweichung mit sich steigernden Strafen verfolgt."

Die Angst vor der ewigen Hölle

Die christliche Geschichte der blutrünstigen Verfolgung von vermeintlichen Häretikern ist bekannt. Es ist jedoch diese Verfluchung und Bestrafung von Abweichlern, die in der paulinischen Auslegung verstärkt wird. Nur noch der Glaube an Jesus als Messias rettet und folglich ist ein Abweichler oder Zweifler verloren. Dass der gute Jesus vor einer bösen Institution in Sicherheit gebracht werden muss, ist ein beliebtes Narrativ. Thomas Klepsch glaubt auch das nicht mehr.
„Man hat Angst vor der Hölle, weil diese beschriebene Hölle, - und Jesus hebt doch auch mal ganz deutlich darauf ab - dass das eine nie endende Qual ist. Und ich habe mir auch schon gedacht, dass das also völlig unverhältnismäßig ist. Also für mein kleines Leben, das ein paar Jahrzehnte währt, soll ich wieder für ein paar Milliarden Jahre in die Hölle? Also das erschien mir auch sehr suspekt.“
25 Jahre nagten Widersprüche in der Bibel und Zweifel an ihm. Und dann ging der Abschied vom Glauben ganz schnell.
„…und zwar am Schluss, also ich glaube, dass es ein Prozess war, der nur wenige Monate vor sich ging. Ich kann mich nur erinnern, dass ich mal im Internet gesurft habe. Mir stach förmlich eine Seite eines ehemaligen Christen ins Auge, also der, der dann abgefallen ist vom Glauben. So nenne ich ja auch mein Buch: 'Vom Glauben abgefallen'. Und das hat mich fasziniert.“

Erlösung von der Suche nach Erlösung

Den Austritt hat er mit seiner Frau ganz alleine ausgemacht. Nach einem klärenden Gespräch mit seinem Ortspfarrer hat er alle seine Ämter sofort niedergelegt.
"Ja, ich muss auch sagen, mir geht es seither sehr, sehr gut aus der Hinsicht. Man ist aus diesem Getriebe dieses Vereins, dieser Gemeinde, die ja immer wieder auffordert mitzuarbeiten, mitzudienen, oft über die Grenzen hinweg, ist man befreit, ist man draußen. Also ich genieße es zum Beispiel, sonntagmorgens jetzt auszuschlafen. Das war früher undenkbar."
Ein völlig anderer Mensch wird man nicht, sagt Klepsch nach seinem Austritt und Wandel zum Atheisten. Das ständige Schuldbewusstsein sei aber bald verschwunden.
"Ich bin, wenn ich das so bezeichnen darf, wirklich ein erlöster Mensch. Seit ich nicht mehr wiedergeboren bin, seit ich nicht mehr glaube. Mir geht es viel, viel besser, weil dieses Schuldbewusstsein nicht mehr da ist."Ohne Glaubenssätze lebt es sich befreiter. Doch es ist auch bei Marion Voss ein langer Prozess dorthin.
"...ich bin nicht in ein tiefes Loch gefallen, wie ich das immer befürchtet habe, wenn ich mich mal von meinem Glauben entferne. Das war überhaupt nicht der Fall. Es war in Ordnung so. Und davon bin ich seither überzeugt. Und dazu stehe ich auch."
Für die Katholikin und für den Ex-Pfingstler ist Jesus ein Weisheitslehrer, ein Prophet, der unter tragischen Umständen gefoltert und getötet wurde. Wie viele Propheten Israels.