Donnerstag, 26. Januar 2023

Vor 150 Jahren geboren
Wie Filmmogul Adolph Zukor das klassische Hollywood erfand

Die wichtigsten Filmstudios wurden in den goldenen Jahren Hollywoods von jüdischen Immigranten geleitet. Etwa Adolph Zukor, der die Traumfabrik neu erschuf - indem er auf anspruchsvolle Unterhaltung setzte. Vor 150 Jahren wurde er in Ungarn geboren.

Von Christian Berndt | 07.01.2023

Der Filmproduzent Adolph Zukor steht neben einer Kamera
Machte Paramount zu einem der erfolgreichsten Hollywood-Studios: Film-Mogul Adolph Zukor (Mitte). (imago images / Everett Collection / via www.imago-images.de)
1930 kam “Paramount on Parade” ins Kino: mit dem aufwändigen Revue-Film setzte das Filmstudio Paramount ein Zeichen mitten in der Wirtschaftskrise und ließ die Stars des Studios von Maurice Chevalier bis Gary Cooper in Sketchen auftreten – inszeniert von Regisseuren wie Ernst Lubitsch. Die Kritik war begeistert, das Rezept des Paramount-Präsidenten Adolph Zukor - Starpower gepaart mit Anspruch - hatte sich wieder bewährt:
That was the main purpose of Paramount: make better, better, better motion pictures!“

Film-Tycoon mit Bildungsanspruch

Das Ziel von Paramount sei es von Beginn an gewesen, sagte Zukor im Alter von 99 Jahren, immer bessere Filme zu machen. Die Hebung des Filmgeschmacks war tatsächlich zentral für Hollywoods größten Tycoon - dieser Bildungsanspruch rührte aus seiner Herkunft.
Adolph Zukor wurde am 7. Januar 1873 in dem ungarischen Dorf Risce geboren. Bereits mit sieben Jahren war er Vollwaise und kam bei seinem Onkel - einem Talmudlehrer - unter. Er begann eine Lehre und erhielt nebenbei kostenlos Privatunterricht beim Schuldirektor. In dessen Haus lernte Zukor amerikanische Groschenromane kennen, und mit 14 Jahren wusste er, dass er nach Amerika wollte. Er schrieb an den Waisen-Ausschuss, der schließlich das Geld für die Überfahrt vorstreckte. Zwei Jahre später landete Zukor alleine in New York, wie er in seiner Autobiografie schrieb:
"In Ungarn hatte ich nichts als Dunkelheit für mich gesehen. Als ich meinen Fuß auf amerikanischen Boden setzte, war ich wie neugeboren.“

Das Medium Film - zunächst nur Jahrmarkt-Spaß

Zukor bekam eine Lehrstelle in einem Pelzgeschäft, verkaufte bald selbst Pelze und war mit nicht einmal 30 Jahren ein reicher Mann. Als ihn ein Cousin um Geld bat für die Eröffnung einer Penny Arcade – einer Amüsierhalle, in der man in Guckkästen 30-sekündige Kurzfilme sehen konnte – war Zukor so begeistert, dass er 1903 selbst eine solche Halle eröffnete. Aber das neue Medium Film war für ihn schnell mehr als nur ein Jahrmarkt-Spaß: als einer der ersten erkannte er das Potenzial des Films als anspruchsvolle Unterhaltung. Es gab zwar schon viele Kinos in den USA, aber Filme mit mehr als zwölf Minuten Länge galten als Publikumsgift.
In Europa dagegen wurden bereits längere Filme gedreht, und als Zukor erfuhr, dass ein Film mit der größten Schauspielerin der Zeit, Sarah Bernhardt, gedreht wurde, erwarb er die Rechte für die USA: Für die Premiere von „Queen Elisabeth I.“ mietete Zukor ein Theater und lud die New Yorker Theaterwelt ein, für die Kino bis dahin als vulgär galt. Die gefeierte Premiere wurde zum Durchbruch für den Spielfilm in Amerika.
Zukor gründete die Filmproduktion „Famous Players“ und erfand den Slogan: „Berühmte Schauspieler in berühmten Stücken“. Die Presse jubelte:

„Als Allererster hat Mr. Zukor die Möglichkeiten erkannt, die sich bieten, wenn man bekannte Schauspiele cinemathographisch produziert und berühmte Theaterschauspieler vorstellt. Und so hat Mr. Zukor dem Filmgewerbe einen Ton und eine Würde verliehen, die es vor seinem Auftreten nicht besessen hat.“

So revolutionierte Zukor den Kinomarkt

Und als nach dem Ersten Weltkrieg die Spanische Grippe ausbrach, kaufte Zukor hunderte notleidende Kinos auf, die nun Paramount-Filme spielten. Kritiker sahen in diesem Monopol eine Vergewaltigung des bis dahin noch chaotischen Filmmarkts, aber damit schuf er das Modell für das Studiosystem der Goldenen Jahre Hollywoods, in denen die großen Studios ihre eigenen Kinoketten betrieben und den Filmmarkt kontrollierten.
Aber berühmt wurde Paramount für seine glamourösen Stars von Rudolph Valentino bis Gloria Swanson. Es galt als das Studio mit dem europäischsten Stil, Zukor nahm Regisseure wie Ernst Lubitsch und Schauspielerinnen wie Marlene Dietrich unter Vertrag.
Marlene Dietrichs androgyne Erotik und Lubitschs Dialogwitz entsprachen Zukors Ideal des anspruchsvollen Films. Es ist wohl kein Zufall, dass Hollywood in den ersten Jahrzehnten von jüdischen Immigranten wie Zukor, Mayer oder den Warner-Brüdern geformt wurde. Die neue Filmindustrie bot einen Zugang, der ihnen als Juden in anderen Berufsständen verwehrt blieb.

Das Blockbuster-Kino erlebte Adolph Zukor noch

In den krisenhaften 1930er-Jahren musste Paramount Konkurs anmelden und Zukor wurde abgesetzt. Doch mit der Reorganisation des Studios holte man ihn 1935 als Aufsichtsratsvorsitzenden zurück. Schon damals war Zukor fast im Rentenalter, aber er erlebte noch, als 1976 mit dem Film „Der weiße Hai“ das moderne Blockbuster-Kino begann. Im gleichen Jahr starb Zukor im Alter von 103 Jahren.