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AfghanistanArmut, Elend und kein Frieden in Sicht

Afghanistan kämpft weiter mit Armut und Elend. Das Leben der Menschen ist laut einer Studie des US-Forschungsinstituts Gallup von Hoffnungslosigkeit geprägt. Verantwortlich dafür seien die schlechte Sicherheitslage, die politische Instabilität und die Anzeichen einer geringer werdenden internationalen Unterstützung.

Von Bernd Musch-Borowska | 25.09.2019

Ein Junge spielt mit einem Drachen aus einer Plastiktüte in der afghanischen Stadt Herat
Spielende Kinder in in der afghanischen Stadt Herat (AFP / HOSHANG HASHIMI)
In einer staubigen Ziegelfabrik am Stadtrand von Kabul stapelt der kleine Kamran in praller Sonne Ziegelsteine übereinander. Der zehnjährige Junge muss mithelfen, damit seine Familie überleben kann.
"Als mein Vater nicht mehr genug Geld verdiente, musste ich auf die Schule verzichten und zusammen mit meinem Vater hier in der Ziegelfabrik arbeiten. Seitdem gehe ich nicht mehr zur Schule."
Sechs Geschwister hat der kleine Kamran und einige Cousinen und Cousins leben auch im Haus, seit deren Vater, Kamrans Onkel, gestorben ist. Ohne die Hilfe der Kinder, sagt Vater Atiqullah, sei es einfach nicht zu schaffen.
"Die Kinder stehen morgens auf, und gleich nach dem Gebet kommen sie hierher zur Arbeit. Da gibt es keine Zeit für Schule. Andernfalls könnten wir nicht überleben. Ein Sack Weizenmehl kosten 1450 Afghanis, etwa 18 US-Dollar. Wenn wir nicht alle mit anpacken könnten wir nicht so viel verdienen."
Armut und Elend auf dem Höchststand
Nach einer Studie des US-Forschungsinstituts Gallup, die jüngst veröffentlicht wurde, lebt ein großer Teil der Afghanen in Armut und Elend. 85 Prozent der Befragten hätten angegeben, sie litten unter ihrer Lebenssituation. Die höchste Zahl, seit Beginn solcher Untersuchungen im Jahr 2001.
Nach Einschätzung der Weltbank, lebt die Hälfte der Afghanen unter der von den Vereinten Nationen definierten Armutsgrenze. Armut sei ein großes und weit verbreitetes Problem, sagte Shubham Chaudhuri, der für Afghanistan zuständige Landesdirektor der Weltbank:
"Einen Dollar pro Tag, braucht ein Mensch nach unserer Definition zum Leben, um die notwendigsten Bedürfnisse decken zu können. Und es stellt sich heraus, dass mehr als die Hälfte der Bevölkerung weniger als das zur Verfügung hat. Besonders schlimm ist, dass fast drei Viertel der Bevölkerung nahe an der Grenze zur Armut sind."
Das Leben der Menschen in Afghanistan sei geprägt von Hoffnungslosigkeit, hieß es in dem Gallup-Bericht. Verantwortlich dafür seien die schlechte Sicherheitslage, die politische Instabilität und die Anzeichen einer geringer werdenden internationalen Unterstützung.
Mehr zivile Opfer nach Abzug der US-Truppen
US-Präsident Donald Trump hatte kürzlich einen Teilabzug der US-Truppen aus Afghanistan angekündigt. Ob und gegebenenfalls wann es dazu kommt, ist aber jetzt, nach dem ergebnislosen Ende der Friedensgespräche mit den Taliban, unklar.
Nach Angaben der Vereinten Nationen gab es im vergangenen Jahr die höchste Zahl ziviler Opfer in Afghanistan, seit dem Beginn der Militärintervention der USA und der NATO vor 18 Jahren. Besonders betroffen seien Kinder, sagte Richard Bennett, von der Unterstützungsmission UNAMA, Anfang des Jahres in Kabul:
"3.804 Zivilisten wurden im Jahr 2018 getötet, darunter eine Rekordzahl von Kindern. Fast 1.000 Jungen und Mädchen sind im vergangenen Jahr infolge des Konflikts gestorben, 927 um genau zu sein. Insgesamt gab es 10993 Zivilisten, die getötet oder verletzt wurden."
Bildung als Hoffnung für die Zukunft
Doch mitunter gibt es einen Silberstreif am Horizont, ein kleines bisschen Hoffnung und Ablenkung vom tristen Alltag: Wenn der Büchereibus der Hilfsorganisation Charmagz in den Stadtteil kommt. In den Bücherregalen, die in den alten grünen Bus eingebaut wurden, finden die Kinder und Jugendlichen Märchen und Abenteuergeschichten, die sie in eine andere, vielleicht bessere Welt führen. So, wie der 11-jährigen Farzad und die beiden 12 Jahre alten Mädchen, Susan und Asraa.
Farzad: "Wenn ich diese Geschichten hier lese, dann stelle ich mir vor, ich wäre in einer anderen Welt."
Susan: "Wir sind glücklich, wenn wir Bücher lesen können. Man kann so viel dabei lernen."
Asraa: "Ich fühle mich sehr gut, wenn ich Bücher lese. Ich mag diese Geschichten."
Bildung sei das Wichtigste für die junge Generation, sagt Freshta Karim, die Initiatorin des Projekts. Ganz besonders für die Mädchen. Während der Taliban-Herrschaft durften Mädchen nicht zur Schule gehen. Sollten die Taliban an die Macht zurück kehren, könnte dies wieder passieren.
"Es macht mich sehr glücklich, wenn ich sehe, wie neugierig die Kinder sind. Sie haben so viele Fragen und können sich über kleine Dinge freuen. Sie sind offen für alles, was sie lernen können. Das fasziniert mich an den Kindern. Im Moment haben wir zwei Büchereibusse und ein mobiles Kino. Wir sind in verschiedenen Stadtteilen Kabuls unterwegs. Und irgendwann wollen wir auch in die Provinzen."
Niedrige Bildunsrate
Afghanistan gehört zu den Ländern mit der niedrigsten Bildungsrate weltweit. Nach Angaben der UNESCO können unter den erwachsenen Afghanen, über 15 Jahre, nur drei von zehn lesen und schreiben. Und jedes vierte Kind muss seinen Eltern bei der Arbeit helfen, statt zur Schule zu gehen.
Sollte irgendwann Frieden einkehren in Afghanistan, so lautet die immer wieder zum Ausdruck gebrachte Hoffnung der Afghanen, könnte sich die wirtschaftliche Lage im Land endlich verbessern und damit auch die Lebenssituation der Menschen.