Montag, 26. September 2022

Deutsche AKW auf Stand-by
Was die Einsatzreserve der Atomkraftwerke bedeutet

Eigentlich sollten alle drei noch verbliebenen deutschen Atomkraftwerke zum Jahreswechsel endgültig abgeschaltet werden. Nun werden nach dem Plan von Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck die beiden süddeutschen AKWs in eine Einsatzreserve gehen. Was bedeutet das für die deutsche Stromversorgung?

20.09.2022

    Weißer Dampf steigt aus dem Kühlturm des Atomkraftwerks Isar 2 - im Vordergrund stehen Häuser eines kleinen Dorfes
    Das Kernkraftwerk Isar 2 geht Ende 2022 vom Netz, bleibt aber betriebsbereit (picture alliance / SVEN SIMON / Frank Hoermann / SVEN SIMON)
    Zur Absicherung des deutschen Stromnetzes für den Notfall soll aus den beiden noch am Netz befindlichen Atomkraftwerken Neckarwestheim 2 und Isar 2 eine AKW-Einsatzreserve geschaffen werden. Das dritte, das norddeutsche AKW Emsland, werde hingegen nicht gebraucht, so Wirtschaftsminister Habeck. Er stellte seine Pläne als Reaktion auf die Ergebnisse eines neuen Stromnetzstresstests vor, den die vier deutschen Übertragsungsnetzbetreiber vorgelegt haben. Diese sind für die überregionale Versorgung und Übertragung im Höchstspannungsbereich verantwortlich.

    Was sind die Ergebnisse des Stresstests?

    Die vier Übertragungsnetzbetreiber haben in dem Stresstest unterschiedliche Szenarien zur Entwicklung der Strommarkt-Situation durchgerechnet. Das Ergebnis: Die Versorgungssituation wird zum Winterhalbjahr angespannt. Auch die Netzstabilität wird teilweise kritisch. Eine stundenweise krisenhafte Situation im Stromsystem im Winter 22/23 sei zwar sehr unwahrscheinlich, könne aktuell aber nicht vollständig ausgeschlossen werden, heißt es. Das bedeutet, dass es unter bestimmten, ungünstigen Bedingungen tatsächlich zu Unterdeckungen im Stromnetz kommen kann.
    Die Szenarien der Netzbetreiber haben auch die Versorgung durchgerechnet und kommen zu dem Schluss, dass ein Streckbetrieb der AKW hier einen Beitrag leisten könnte. Die Netzbetreiber fordern deshalb zahlreiche Maßnahmen zur Netzstabilisierung. Es sei daher sinnvoll und notwendig, alle Möglichkeiten zur Erhöhung der Stromerzeugung und der Transportkapazitäten zu nutzen, sagte Stefan Kapferer vom Übertragungsnetzbetreiber 50Hertz.
    Das Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz hatte die Analyse erneut durchführen lassen, um das Risiko für die Stromnetzstabilität im kommenden Winter zu prüfen. Denn die Lage der Stromversorgung hat sich verschärft: Wegen der Dürre im Sommer, des Niedrigwassers in den Flüssen, des aktuellen Ausfalls rund der Hälfte der französischen Atomkraftwerke und der seit dem russischen Angriffskrieg auf die Ukraine insgesamt angespannten Lage auf den Energiemärkten gibt es eine Reihe von Unsicherheitsfaktoren.
    Kühlwasser und Kohletransport für Kraftwerke sind nicht gesichert und auch viele Wasserkraftwerke in Europa liefern nicht die volle Leistung. All das ist in die Berechnungen der Übertragungsnetzbetreiber eingeflossen.

    Was bedeutet Einsatzreserve und wie schnell könnten die AKWs wieder ans Netz gehen?

    Das bedeutet zunächst, dass die beiden Kraftwerke planmäßig zum Jahresende heruntergefahren werden, danach aber als Reservekraftwerke bereitgehalten werden. Sie produzieren keinen Strom mehr, werden aber einsatzbereit gehalten: Kühlkreisläufe werden nicht unterbrochen, Sicherheitschecks werden weiter durchgeführt, das Personal bleibt. Wenn man absehen kann, dass die Negativ-Szenarien des Stresstests eintreten, würden die Atomkraftwerke wieder hochgefahren werden und dann durchgängig bis April 2023 weiterlaufen.
    Karte zeigt die verbleibenden deutschen Atomkraftwerke
    (Deutschlandradio / Andrea Kampmann)
    Das Ein- und Abschalten wie bei den Gaskraftwerken funktioniert bei AKWs nicht. Atomkraftwerke sind für den Grundlastbetrieb gedacht: Man fährt sie hoch, und sie liefern rund um die Uhr Strom. Ein abgeschaltetes Atomkraftwerk wieder hochzufahren, dauert zwischen zwei Tagen und einer Woche. Es kommt zum Beispiel darauf an, welche wiederkehrenden Prüfungen anstehen: Muss nur die Funktionsfähigkeit der Notstromdiesel getestet werden oder sind größere Überprüfungen nötig?

    Welche Schwierigkeiten sind mit dem Reservebetrieb der AKWs verbunden?

    Damit die Betreiber ihre Anlagen wieder hochfahren können, müssen sie ihr gesamtes Personal vorhalten – ob es gebraucht wird oder nicht. Wie lange die Anlagen produzieren können, hängt davon ab, wie weit der Brennstoff reicht, denn es sollen keine neuen Brennelemente eingesetzt werden. Für Isar 2 hat Betreiber Eon erklärt, dass man bis zum 31. Dezember volle Leistung fahren könne und erst dann in den sogenannten Streckbetrieb gehen müsse.
    Dieser Streckbetrieb gehört zu den normalen Maßnahmen, um die reine Produktionszeit eines Reaktorkerns zu verlängern. Dabei wird die Kühlwassertemperatur langsam abgesenkt, damit die Kettenreaktion weiterläuft und die Ausbeute aus den Brennelementen maximiert wird. In Isar 2 käme man mit diesem Streckbetrieb bis Ende März, im EnBW-Kraftwerk Neckarwestheim 2 hingegen nur bis Anfang Februar. Eon will zunächst einmal prüfen, ob der Plan der Regierung technisch und organisatorisch machbar sei. EnBW erwartet vor dieser Prüfung zunächst eine Konkretisierung.
    Nach Bekanntwerden eines Ventil-Lecks im Atomkraftwerk Isar 2 in Bayern überprüft das Bundesumweltministerium mögliche Folgen für den geplanten Reservebetrieb. Ein Sprecher teilte am 20.9. in Berlin mit, der Betreiber PreussenElektra habe das Ministerium in der vergangenen Woche über eine interne Ventil-Leckage informiert. Demnach sei die Sicherheit der Anlage dadurch nicht beeinträchtigt. Auch könne das Kraftwerk bis zum eigentlich geplanten Betriebsende am 31. Dezember weiterlaufen. Für einen Reservebetrieb über dieses Datum hinaus sei jedoch laut Betreiber bereits im Oktober eine Reparatur nötig.

    Wäre auch ein Streckbetrieb der AKWs möglich und was würde der bringen?

    Aus Sicht der Netzbetreiber wäre das tatsächlich einer der Bausteine zur Sicherung von Versorgung und Netzstabilität. "Hier zeigen die Analysen, dass alle drei Kernkraftwerke einen Beitrag zur Reduzierung der Lastunterdeckung in Europa und in Deutschland leisten. In Deutschland führt dies dazu, dass Lastunterdeckungen weitestgehend vermieden werden können", sagte Hendrik Neumann vom Übertragungsnetzbetreiber Amprion. Habeck will einen solchen Streckbetrieb nun durch eine Änderung des Energiesicherungsgesetzes grundsätzlich möglich machen, aber nicht automatisch jetzt beschließen.
    Was bedeutet Streckbetrieb?
    Wenn die atomare Kettenreaktion in einem alten Reaktorkern am Ende seiner Lebensdauer mangels unverbrauchten Urans langsam automatisch zum Erliegen kommt, kann dieser Prozess durch Maßnahmen der Anlagensteuerung noch für einige Monate künstlich in die Länge gezogen werden. Man senkt etwa die Temperatur des Reaktorkühlwassers, was dessen Dichte erhöht und die für die Kettenreaktion verantwortlichen Neutronen stärker abbremst. Allerdings verliert der Reaktor dabei laufend 0,5 Prozent seiner Leistung pro Tag.
    Der mögliche Beitrag der Atomenergie zur Stabilisierung des Stromnetzes ist allerdings begrenzt. "Insgesamt besitzt Atomenergie im Vergleich zu den anderen dringenden Maßnahmen eine untergeordnete Rolle, um in kritischen Situationen die Netzsicherheit zu gewährleisten. Es bleiben auch bei einer Nutzung der drei verbleibenden Kernkraftwerke deutliche Eingriffe in den Kraftwerkspark nötig, um die Netzsicherheit zu gewährleisten", heißt es dazu vom Bundeswirtschaftsministerium.
    Die AKW würden den Bedarf an Strom aus dem Ausland nur um 0,5 Gigawatt senken. "Es bliebe auch dann ein Redispatchbedarf im Ausland von 4,6 GW. Redispatchkraftwerke sind Kraftwerke, die dem deutschen Markt kurzfristig Strom zum Ausgleich von Netzengpässen zur Verfügung stellen können."
    Auch der Effekt auf die Strompreisentwicklung lässt sich schwer einschätzen, da die Energiemärkte sich aktuell nicht sehr rational verhalten. Ein Weiterbetrieb der AKW hätte nur einen minimalen Effekt bei der Gas-Einspeisung und beim Strompreis, sagte Felix Matthes vom Öko-Institut im Dlf.

    Welche Reaktionen gibt es auf die Pläne von Wirtschaftsminister Habeck?

    Von der Parteispitze gibt es Rückendeckung. Grünen-Co-Parteivorsitzende Ricarda Lang betonte dabei noch einmal, dass man an den großen Linien festhält: Es soll keine Laufzeitverlängerung geben und keinen Kauf neuer Brennstäbe. Die Grüne Umweltministerin Steffi Lemke teilte mit, Habecks Vorschlag sei angesichts der schwierigen Lage vernünftig. Für die SPD nannte Fraktionsvize Matthias Miersch Habecks Pläne eine gute Grundlage. Scharfe Kritik kommt von den Umweltverbänden.
    Habecks Koalitionspartner FDP fordert weiterhin eine richtige Laufzeitverlängerung inklusive neuer Brennstäbe. FDP-Fraktionschef Christian Dürr bezeichnete die Pläne im ZDF als ersten wichtigen Schritt, hält aber an der Forderung der Partei nach einer Laufzeitverlängerung fest, "damit mehr Menge in den Markt kommt. Mehr Menge bedeutet sinkende Preise."
    In eine ähnliche Richtung argumentiert auch die Wirtschaftsweise Veronika Grimm im ZDF: "Vor allen Dingen, weil wir auf diese Art ja die Kosten haben, die Kraftwerke zu verlängern. Aber wir haben gar nicht den Nutzen, nämlich dass sie billigen Strom produzieren, der dazu beitragen würde, dass die Strompreise auch niedrig bleiben."
    Deutliche Kritik äußerte der CDU-Vorsitzende Friedrich Merz. Die Entscheidung von Wirtschaftsminister Habeck, nur im Notfall auf Atomkraft zu setzen, sei Irrsinn, sagte er im Dlf.
    Quelle: Ann-Kathrin Büüsker, Nadine Lindner, Dagmar Röhrlich, SMC, BMWK, og