Samstag, 02. Juli 2022

Atomkraft für Energiesicherheit
Was kann Kernenergie in Deutschland aktuell leisten?

Wegen der Drosselung der Gaslieferung aus Russland flammt die Diskussion um eine mögliche Laufzeitverlängerung der drei noch aktiven Atomkraftwerke in Deutschland neu auf. Ist das überhaupt eine realistische Option? Welche Risiken gibt es dabei und welche Konsequenzen ergeben sich daraus für Mensch und Umwelt?

23.06.2022

Dampf kommt aus dem Kühlturm von Block 2 des Kernkraftwerks Neckarwestheim
Das Kernkraftwerk Neckarwestheim 2 ist eines der drei noch verbliebenen Atomkraftwerke in Deutschland. Es soll Ende 2022 abgeschaltet werden (picture alliance/dpa)
Vor dem Hintergrund der massiv gestiegenen Strom- und Gaspreise mehren sich Stimmen, die sich für eine Verlängerung der AKW-Laufzeiten aussprechen. Aktuell sind in Deutschland noch drei Atomkraftwerke am Netz. Sie decken mit insgesamt 4.300 MW Leistung im Durchschnitt etwa 30 TWh pro Jahr ab, rund sechs Prozent der deutschen Stromproduktion. Laut Atomgesetz müssen sie spätestens Ende 2022 abgeschaltet werden. Um die Laufzeit zu verlängern, müsste das Atomgesetz geändert werden.

Welche Positionen gibt es zu dem Thema?

Politik zu Kernenergie

Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) lehnt eine Debatte über längere AKW-Laufzeiten ab. Er verweist auf die Aussage von Experten, wonach die Brennstäbe in den drei verbliebenen Meilern nur noch bis Ende des Jahres reichten. Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) hat eine Verlängerung prüfen lassen. Fazit: "Im Ergebnis einer Abwägung von Nutzen und Risiken ist eine Laufzeitverlängerung der drei noch bestehenden Atomkraftwerke auch angesichts der aktuellen Gaskrise nicht zu empfehlen." Bundesfinanzminister Christian Lindner (FDP) hat sich hingegen für eine Debatte über eine Laufzeitenverlängerung der AKW ausgesprochen. Der bayerische Ministerpräsident Markus Söder (CSU) macht sich für eine Verlängerung stark, "bis diese Krise gelöst ist".

Energieexperten zu Kernenergie

Frank Umbach, Forschungsdirektor am European Centre for Energy and Resource Security in London, sagte im Deutschlandfunk, dass man die Kernenergie wieder in Betracht ziehen müsste.

Redaktionell empfohlener externer Inhalt

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit werden personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt. Deutschlandradio hat darauf keinen Einfluss. Näheres dazu lesen Sie in unserer Datenschutzerklärung. Sie können die Anzeige jederzeit wieder deaktivieren.

Auch der Chef des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW), Michael Hüther, warb für die Atomkraft "als eine Art Rückversicherung für den Fall der Fälle, wenn wir sie brauchen". Er schlug in der "Passauer Neuen Presse" vor, die Laufzeit angesichts der derzeitigen Krisensituation "um ein Jahr" zu verlängern.
Dem schließt sich die Internationale Energieagentur (IEA) an: "Wenn es technisch möglich ist, sollte man sie weiter betreiben", sagte IEA-Chef Fatih Birol der Wochenzeitung "Die Zeit".
Dagegen sprach sich die Energie-Ökonomin des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, Claudia Kemfert, in einem Statement dafür aus, statt Gas temporär mehr Kohle zu nutzen sowie den Ausbau erneuerbarer Energien zu beschleunigen und Energie einzusparen. Mit Blick auf die Klassifzierung von Erdgas und Kernkraft als grüne Technologien in der sogenannten EU-Taxonomie hatte sie die Atomkraft zuvor schon als "rückwärtsgewandte Technologie" bezeichnet.

AKW-Betreiber zu Kernenergie

Die deutschen Kernkraftwerke könnten mit den aktuell genutzten Brennstäben auch Anfang 2023 Strom produzieren, sagte Ralf Güldner, Stellvertretender Vorsitzender des Verbandes Kerntechnik Deutschland, im Dlf. Wenn es länger dauern sollte, müssten neue Brennelemente beschafft werden. Die Beschaffungszeit läge unter den aktuellen Bedingungen der Lieferketten bei 15 bis 18 Monaten, man könne sie also bis zum Winter 23/24 beschaffen. Da Brennelemente in diesen Reaktoren für drei bis vier Jahre im Einsatz seien, müsste man die AKW sinnvollerweise auch so lange am Netz lassen.
Laut Güldner werde es dabei keine hohen Investitionen geben, denn die AKW liefen bis zum letzten Betriebstag am 31. Dezember 2022 auf höchstem Sicherheits-Niveau, da würden keine Nachrüstungen erforderlich sein. Brennmaterial sei auch ohne Russland verfügbar.

Energiekonzerne zu Kernenergie

Die deutsche Energiewirtschaft hält derzeitige Überlegungen zur Verlängerung der Atomkraft für rückwärtsgewandt und fordert stattdessen im Angesicht drohender Versorgungsengpässe einen Fokus auf das Gassparen. Der Chef des Energiekonzerns RWE, Markus Krebber, sagte dem Sender "Welt", es könnten nicht einfach von irgendwoher die benötigten Brennstäbe für die AKW eingekauft werden, diese müssten „genau zum Reaktortyp passen“. Es gehe zudem nicht nur um die Höhe der Verfügbarkeit von Brennstäben, sondern auch um die „Frage der Sicherheitsarchitektur, der Sicherheitsüberprüfungen und wer übernimmt welche Risiken“.
RWE betreibt auch Gas- und Kohlekraftwerke in Deutschland, zählt nach eigenen Angaben weltweit zu den größten Anbietern von Erneuerbaren Energien und will eine Schlüsselrolle bei der Energiewende einnehmen.
Auch EON-Konzernchef Leonhard Birnbaum warb in einem Brief an die Beschäftigten der Atomtochter Preussenelektra um Verständnis, dass der Konzern seine Atommeiler nicht länger betreibt. EON betreibt aktuell noch Isar2.

Aktuelle Studien zur Kernenergie

Eine Studie im Auftrag der Ökoenergiegenossenschaft Green Planet Energy kommt zu dem Schluss, dass eine Laufzeitverlängerung keine Hilfe in der Energiekrise ist. Längere Laufzeiten für Atomkraftwerke führten demnach dazu, dass deutlich häufiger Erneuerbare-Energien-Anlagen in der EU abgeschaltet werden und so erhebliche Ökostrommengen verloren gehen. "Die in der Studie aufgezeigte massive Vernichtung von wertvollem Ökostrom ist neben der Atommüll-Problematik und dem Störfall-Risiko ein weiterer Beleg dafür, dass Atomkraft niemals ‚nachhaltig‘ sein kann. Sie hilft uns in Europa weder beim Klimaschutz – noch dabei, wirklich unabhängig von fossilen Energie-Importen zu werden", lautet das Fazit von Sönke Tangermann, Vorstand beim Analyseinstitut Green Planet Energy, das die Studie durchgeführt hat .
Grafik zeigt den Verbrauch der Kernenergie in Deutschland von 1990 bis 2020
Deutschland verbraucht immer weniger Kernenergie (Deutschlandradio / Andrea Kampmann)
Ein Gutachten des TÜV Süd, das vom bayerischen Umweltministerium in Auftrag gegeben wurde, soll laut dem bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder belegen, dass eine Verlängerung der Kernkraft technisch möglich sei. Demnach könnte Isar 2 bis zum Jahresende 100 Prozent Strom erzeugen – und mit den bestehenden Brennstäben dann noch mal sechs Monate lang insgesamt weitere fünf Terawattstunden, sagte Söder dem "Münchener Merkur".
Auch der Einsatz von kleinen modularen Reaktoren (SMR) gerät derzeit in die Schlagzeilen. Diese werden als die Zukunft der Kernenergie angepriesen. Die PNAS-Studie der University of Pennsylvania befasst sich mit dem Abfall, der bei SMR-Anlagen anfällt. Ein Ergebnis: Der Abfall dürfte – je nach Design – sehr viel schwieriger endzulagern sein. Und so kommt die Studie insgesamt zu dem Schluss, dass kleine modulare Reaktoren mit Blick auf die radioaktiven Abfälle keinen Fortschritt bringen würden.

Was würde eine Laufzeitverlängerung mit Blick auf die Brennelemente bedeuten?

Die Betreiber der drei noch verbliebenen Atomkraftwerke haben sich auf eine Stilllegung Ende dieses Jahres vorbereitet. Eine Verlängerung wäre mit einigem Aufwand verbunden. Wenige Monate ließen sich die Kraftwerke noch mit den bestehenden Brennstäben betreiben (etwa bis zum Frühjahr 2023). Dann wäre ein Wechsel der Brennelemente erforderlich. Neue Brennelemente sind Maßarbeit, sie müssten also speziell an die Anforderungen des jeweiligen Kraftwerks angepasst werden.
Karte zeigt die verbleibenden deutschen Atomkraftwerke
Ende 2022 sollen die letzten drei Atomkraftwerke abgeschaltet werden (Deutschlandradio / Andrea Kampmann)
Mit Russland stünde ein großes Lieferland nicht zur Verfügung, es gibt jedoch Alternativen: Framatome aus Frankreich und Westinghouse aus den USA. Die Angaben zu den Lieferzeiten variieren, laut der AKW-Betreiber liegen sie bei 15 bis 18 Monaten. Damit gäbe es nach dem Winter eine Betriebspause, die auch für Sicherheitsüberprüfungen und Wartung zu nutzen wäre. Diese ist bei den bestehenden Kraftwerken überfällig, wegen des Auslaufens wurden hier Fristen verlängert.
Neue Brennelemente wären für eine Laufzeit von etwa vier Jahren ausgelegt, der Ausstieg würde also entweder um wenige Monate oder um mehrere Jahre aufgeschoben. Etwas dazwischen wäre schwierig. Auch die Personalplanung könnte die Betreiber vor Probleme stellen. Menschen haben sich neue Jobs gesucht oder den (eventuell vorzeitigen) Ruhestand vereinbart. Die Unternehmen müssten sie motivieren, länger zu arbeiten oder neues Personal suchen.

Könnte Atomkraft überhaupt einen großen Beitrag zur Energiesicherung leisten?

Die drei noch laufenden Reaktoren liefern etwa sechs Prozent des deutschen Strombedarfs. Das ist etwa die Hälfte des Stroms, der bei uns im vergangenen Jahr durch Gas erzeugt wurde (12,5 Prozent laut Bundeswirtschaftsministerium). Das Bundeswirtschaftsministerium gibt zu bedenken, dass man ein Problem bei der Gas- und damit der Wärmeversorgung, nicht beim Strom habe.
Kurzfristig ist die Verschiebung des Atomausstieges eine naheliegende Möglichkeit, Engpässe in der Energieversorgung zu vermeiden. Der Vorteil gegenüber einer stärkeren Kohlenutzung ist die günstige CO2-Bilanz, vergleichbar mit der von Wind- und Sonnenenergie.
Grafik zeigt die Bruttostromerzeugung in Deutschland
Bruttostromerzeugung in Deutschland (Deutschlandradio / Andrea Kampmann)
Aber Atomstrom gehört zur Grundlast, wird also kontinuierlich in etwa gleicher Menge erzeugt. Atomkraftwerke könnten somit rein technisch nicht das ersetzen, was Gaskraftwerke leisten, wie das Wirtschaftsministerium erläutert. Gas wird in der Spitzenlast verwendet, also bei Bedarf schnell ein- und wieder ausgeschaltet.

Welche Risiken gibt es dabei für Mensch und Umwelt?

Bei einem Brennelemente-Wechsel würde mehr hoch radioaktiver Atommüll anfallen, für den es bisher kein Endlager gibt. Der Atomausstieg wurde wegen des Risikos eines großen Unfalls, der Freisetzung von Radioaktivität und der Unsicherheit um die Endlagerung von Atommüll beschlossen. All diese Gründe gegen die Atomkraft-Nutzung bestehen fort, die derzeitige Notlage überdeckt dies nur. Zudem ist umstritten, wie sicher die Kraftwerke in Deutschland noch sind. Sie sind relativ alt und in den Jahren vor der geplanten Abschaltung möglicherweise „auf Verschleiß“ gefahren – die Betreiber bestreiten allerdings, dass es hier zusätzliche Gefahren gibt.

Redaktionell empfohlener externer Inhalt

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit werden personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt. Deutschlandradio hat darauf keinen Einfluss. Näheres dazu lesen Sie in unserer Datenschutzerklärung. Sie können die Anzeige jederzeit wieder deaktivieren.

Quellen: Georg Ehring, Ann-Kathrin Büüsker, Statista, Reuters, afp, SMC, BMUV, og