Montag, 26. September 2022

Strom gegen Gas
Die deutsch-französische Energiefreundschaft

In Deutschland und in Frankreich ist Energie knapp. Während Frankreich wegen maroder Atomkraftwerke um seine Stromversorgung bangt, schaut Deutschland auf die Gasspeicher. Beide Länder haben sich gegenseitig solidarische Lieferungen zugesagt.

21.09.2022

    Eine Photovoltaik-Freiflächenanlage (Solarpark), betrieben von der Firma Enerparc. Zahlreiche Solarzellen in dem Solarkraftwerk wandeln Sonnenenergie in grünen Strom um. In dem Solarpark steht ein Windrad. (Luftaufnahme mit Drohne)
    In Deutschland wird mehr Strom produziert als verbraucht, ungefähr die Hälfte wird inzwischen aus erneuerbaren Energien gewonnen (picture alliance / dpa / Daniel Reinhardt)
    Energie ist in Deutschland knapp und teuer geworden – und trotzdem exportiert Deutschland Strom nach Frankreich und verstromt dafür sogar Gas. Aus der Linkspartei kam daher bereits die Forderung, die Stromexporte auszusetzen.
    Doch Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) hat stattdessen eine Vereinbarung mit Frankreich getroffen, in der beide Länder sich zu Solidarität in der Energiekrise bekennen. Der französische Präsident Emmanuel Macron betonte, das sei im Interesse beider Länder.

    Warum hat Frankreich trotz Atomkraft nicht genügend Strom?

    Frankreich produziert circa 70 Prozent seines Stromes mit Atomkraftwerken. Doch mehr als die Hälfte der 56 französischen Atomkraftwerke sind derzeit wegen Instandsetzungsarbeiten sowie nach dem Auftreten von Rissen seit Wochen außer Betrieb. Der zweitwichtigste Stromlieferant der Franzosen ist die Wasserkraft, doch auch sie liefert wegen der extremen Hitze in diesem Sommer nicht zuverlässig. Dadurch ist Frankreichs Energieversorgung deutlich mehr in Schwierigkeiten geraten als durch ausbleibende russische Gaslieferungen, die im Energiemix keinen so großen Anteil haben.
    Die Stromerzeugung in Frankreich nach Energiequellen: Im Jahr 2020 wurden in Frankreich rund 67 Prozent des erzeugten Stroms aus Kernenergie gewonnen.
    Im Jahr 2020 wurden in Frankreich rund 67 Prozent des erzeugten Stroms aus Kernenergie gewonnen. (Statista/RTE - Electricity Report 2020)
    Frankreich kann diese Lücken nur zu sehr hohen Preisen durch Strom aus dem Ausland decken. Denn der Strompreis am Markt hat sich durch die Energieknappheit in vielen europäischen Ländern extrem erhöht. Etwa 1.000 Euro kostete eine Megawattstunde Strom Anfang September 2022, im vergangenen Jahr gab es eine Megawattstunde für unter 100 Euro.
    Im Winter könnte das französische Stromnetz an die Belastungsgrenze kommen, denn ein Drittel der Haushalte in Frankreich heizt mit Strom, in Deutschland machen das gerade einmal fünf Prozent. Wenn die Temperatur im Winter um ein Grad fällt, braucht es die Leistungskraft von zweieinhalb Kernreaktoren, um den zusätzlichen Bedarf zu decken.
    „Jeder muss sich dafür verantwortlich fühlen, seinen Verbrauch zu drosseln“, sagte der französische Wirtschaftsminister Bruno Le Maire Ende August. Die Premierministerin Élisabeth Borne nimmt dazu vor allem die Unternehmen in die Pflicht: Jedes Unternehmen müsse noch im September einen Energiesparplan vorlegen, sagte sie am 5. September 2022 vor dem Arbeitgeberverband. Falls man Energie rationieren müsse, werde man bei den Unternehmen anfangen.

    Droht Frankreich ein Blackout?

    Doch Borne räumt ein, dass auch die Haushalte betroffen sein könnten: „Wenn alle Stricke reißen, müssen wir den Haushalten den Strom abschalten“, sagte sie am 31. August 2022 im französischen Fernsehen. Wohnvierteln werde man dann der Reihe nach jeweils für zwei Stunden den Strom abstellen, man tue aber alles, um das zu verhindern.
    Frankreich sei in der Lage, den Mangel zu organisieren, zu ungeplanten Stromausfällen werde es daher auch im Winter nicht kommen, sagte der französische Ökonom Patrice Geoffron Ende August im Deutschlandfunk. Das werde trotzdem eine „schwierige Situation“, die für viele Bürgerinnen und Bürger auch „traumatisch“ werden könne.

    Warum kann Deutschland trotz Energiekrise Strom exportieren?

    In der ersten Hälfte des Jahres 2022 hat Deutschland sogar deutlich mehr Strom produziert als hierzulande verbraucht wurde. Große Produktionszuwächse gab es laut Statistischem Bundesamt bei Kohle (17,2 Prozent) und bei erneuerbaren Energien (12,1 Prozent). Fast die Hälfte des Stromes wurde aus erneuerbaren Energien produziert. Und erstmals seit Beginn der Statistik im Jahr 1990 führte Deutschland mehr Strom nach Frankreich aus als in umgekehrter Richtung importiert wurde. Dass Strom sowohl im- als auch exportiert wird, liegt daran, dass so Schwankungen im Netz ausgeglichen werden.
    Allerdings wurde auch verstärkt Gas verstromt, um den französischen Markt beliefern zu können, sagte der Präsident der Bundesnetzagentur, Klaus Müller, Ende August in der ZDF-Talkshow "Markus Lanz". Das habe mit "nachbarschaftlicher Solidarität" zu tun, sei aber "unter Gas-Gesichtspunkten nicht wünschenswert". Nach Daten von Smard, dem Energieportal der Bundesnetzagentur, wurden im Juli 2022 in Deutschland 4.036 Gigawattstunden aus Erdgas produziert, im Juli 2021 waren es nur 3.555 Gigawattstunden.

    Deutsche AKW als Reserve – auch für Frankreich

    Am 5. September 2022 gab Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) bekannt, dass zwei der drei noch genutzten deutschen Atommeiler zum Jahresende nicht wie ursprünglich geplant endgültig abgeschaltet werden: Sie sollen noch bis Mitte April als Reserve dienen. Der dritte verbliebene Reaktor Emsland werde aber wie geplant Ende des Jahres abgeschaltet. Eine Laufzeitverlängerung über Mitte April hinaus schloss Habeck kategorisch aus.
    Ein sogenannter Stresstest hatte zuvor ergeben, dass die süddeutschen AKW in Extremsituationen im Winter hilfreich sein könnten. Habeck nannte als Problemstellungen unter anderem die schwierige Belieferung von Kohlemeilern in Südwestdeutschland mit Kohle wegen des Rhein-Niedrigwassers. Zudem ist die Windkraft gerade in Süddeutschland nur schwach ausgebaut. Habeck verwies aber auch auf die wegen Wartung abgeschalteten AKW in Frankreich. Man werde Strom ins Nachbarland fließen lassen.

    Was bekommt Deutschland im Gegenzug?

    Während die Stromversorgung in Deutschland relativ gut aufgestellt ist, fürchtet man Engpässe beim Gas. Denn zum Heizen und in der Industrie wird in Deutschland viel Gas als Energieträger gebraucht. Die Knappheit beim Gas kann schon allein technisch nicht ohne Weiteres durch Strom kompensiert werden. Und hier hat Frankreich Hilfe angeboten.
    „Deutschland braucht unser Gas, und wir brauchen den Strom, der im übrigen Europa und insbesondere in Deutschland produziert wird“, sagte der französische Präsident Emmanuel Macron nach einer Videokonferenz mit Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) am 5. September. 2022. Beide Länder kämpfen zwar mit Energieknappheit. Aber Frankreich braucht vor allem Strom, auch weil viele Haushalte damit heizen. In Deutschland hingegen wird vor allem Gas zum Heizen eingesetzt. Deutschland hat im Jahr 2021 insgesamt gut 90 Milliarden Kubikmeter Erdgas verbraucht, Frankreich hingegen nur 43.
    Während Deutschland bis zum russischen Angriff auf die gesamte Ukraine etwa die Hälfte des genutzten Erdgases über Importe aus Russland abgedeckt hat, hat Frankreich nur etwa ein Viertel aus Russland bezogen. Im Gegensatz zu Frankreich hat Deutschland auch weiterhin kein LNG-Terminal, über das Erdgas per Schiff angeliefert werden könnte. Frankreich hat vier solcher Terminals und kann über diese 33 Milliarden Kubikmeter Erdgas importieren. Über Pipelines bekommt Frankreich zudem Gas aus Spanien.
    Der Chef der Bundesnetzagentur, Klaus Müller, geht davon aus, dass bereits im Oktober Erdgas über Frankreich nach Deutschland fließen wird. Zum Umfang der Lieferungen äußerte er sich aber im Gespräch mit dem Redaktionsnetzwerk Deutschland am 29. August 2022 nicht.

    Wie kommt der Strom nach Frankreich und das Gas nach Deutschland?

    Frankreich werde in den nächsten Wochen die notwendigen Gasverbindungen fertigstellen, um Deutschland Gas zu liefern, wenn es benötigt werde, sagte Macron am 5. September nach der Pressekonferenz mit Scholz. Frankreich nimmt dazu im Grenzgebiet zu Rheinland-Pfalz eine stillgelegte Gas-Pipeline wieder in Betrieb. Die eigentlich für Lieferungen nach Frankreich gebaute Leitung soll zum Winter nun Gas nach Deutschland bringen.
    "Diese deutsch-französische Solidarität ist die Verpflichtung, die wir mit Bundeskanzler Scholz eingegangen sind", sagte Macron. Genauere Angaben machte er zunächst nicht. Auch Deutschland habe sich in Bezug auf Stromlieferungen verpflichtet. Größere Stromlieferungen über Ländergrenzen hinweg sind in Europa keine Besonderheit und finden alltäglich statt.

    Streit um Pipeline von Spanien bis Deutschland

    Deutschland dringt auch auf die Wiederbelebung eines Pipeline-Projektes in Spanien. Der französische Präsident Macron hat dem Projekt aber auch nach der Videokonferenz Anfang September mit Scholz erneut eine Absage erteilt. Die Pipeline Midcat soll von Barcelona über die Pyrenäen bis zur Anbindung an das französische Netz im südfranzösischen Barbairan führen. In Spanien ist die Röhre bis Hostalric 106 Kilometer südlich der Grenze fertig, in Frankreich fehlen etwa 120 Kilometer.
    Spanien sieht darin ein Projekt von europäischer Bedeutung, das deshalb auch von der EU finanziert werden müsse. Das Erdgas, das durch die Röhre Richtung Norden fließen soll, könnten Spanien und Portugal aus verschiedenen Quellen beziehen, da beide Länder zusammen über insgesamt sieben Flüssiggasterminals verfügen. Zudem gibt es zwei Pipelines zum Gaslieferanten Algerien in Nordafrika. Später könnte im Zuge der Energiewende auch sogenannter grüner Wasserstoff durchgeleitet werden, der mit Hilfe von Wind oder Sonne erzeugt wird. Bisher gibt es nur zwei kleinere Gaspipelines von Spanien über die Pyrenäen Richtung Norden mit beschränkter Kapazität.
    Quellen: Julia Borutta, Statistisches Bundesamt, Smard Strommarktdaten, BP Statistical Review of World Energy 2022, GIE LNG Database, Statista, dpa, Reuters, AFP, pto