Sonntag, 29. Januar 2023

20. Todestag des Künstlers
Alfred Kantor und sein Bild-Tagebuch der Lagerzeit

Unter den Zeugnissen über die Konzentrationslager der Nationalsozialisten nimmt das „Buch des Alfred Kantor“ mit 127 kolorierten Zeichnungen über seine Lagerhaft eine besondere Stellung ein. Heute vor 20 Jahren starb der tschechisch-jüdische Künstler.

Von Doris Liebermann | 16.01.2023

"Das Buch des Alfred Kantor" - Umschlag der Ausgabe, 1987 im Jüdischen Verlag bei Suhrkamp.
"Das Buch des Alfred Kantor". Umschlag der deutschen Ausgabe, 1987 im Jüdischen Verlag bei Suhrkamp. (Jüdischer Verlag bei Suhrkamp Verlag /Insel)
„Ich erinnere mich noch besonders gut eines Mädchens mit langem, blondem Haar in einem Lodenmantel. ‚Bald wirst du den Rauch sehen; um die ist es geschehen‘, sagte ein Mann neben mir. Und so war es auch. Der Schlot begann Rauch zu speien wie zu einer Galavorstellung. Solche Anblicke, die einem das Mark gefrieren ließen, waren es, die mich in den allerersten Tagen in Auschwitz dazu trieben, einen Weg zu suchen, um zeichnen zu können.“

Mit fotografischem Gedächtnis die Schrecken der Lager dokumentiert

Er zeichnete unter Lebensgefahr in Theresienstadt, in Auschwitz, in Schwarzheide. In Verstecken oder nachts fertigte er Skizzen an, vernichtete viele, prägte sich aber mit seinem fotografischen Gedächtnis die brutalen Szenen ein, um einmal Zeugnis über die Verbrechen ablegen zu können: Alfred Kantor, von seinen Freunden „Fredy“ genannt.
Geboren wurde Alfred Kantor 1923 in Prag. Sein unbeschwertes Jugendleben nahm 1938 ein jähes Ende, als das Münchner Abkommen den Untergang der unabhängigen demokratischen Tschechoslowakei besiegelte: Die Deutschen marschierten in das Sudetenland ein und besetzten im März 1939 die sogenannte Rest-Tschechei.

Theresienstadt - Theater, Musik und Horror

Alfred Kantor besuchte damals eine Schule für Werbegrafik, doch 1940 wurden alle Juden aus öffentlichen und privaten Schulen ausgeschlossen. Im Dezember 1941 wurde er in das Konzentrationslager Theresienstadt deportiert, 65 Kilometer nördlich von Prag gelegen. Auch Kantors Mutter und seine Freundin Eva Glauber wurden dort interniert.
Während in Theresienstadt Menschen gequält und getötet wurden, duldete die
SS-Kommandantur ein kulturelles Leben, Literatur, Theater, Musik, schilderte Kantor: „Es war für mich außerordentlich schwierig, diese krassen Widersprüche zu verstehen: Ich begann den Drang zu spüren, diese bizarren Szenen festzuhalten, und sehr bald begann ich stündlich fast alles und jedes, was mir vor die Augen kam, zu zeichnen.“
Der 18-Jährige beschaffte sich Papier und Bleistift von Menschen, die in den Verwaltungsbüros arbeiteten und hielt in seinen Zeichnungen das Leben fest, das sich in der qualvollen Enge der Barackenräume von Theresienstadt abspielte. Als Kantors Freundin 1943 nach Auschwitz deportiert wurde, meldete er sich freiwillig zum Transport. Eva Glauber und Kantors Mutter wurden in Auschwitz ermordet.

Ansichten der Gaskammern, Krematorien, Häftlingsbaracken

Seine Bilder aus der „Hölle Auschwitz“ zeigen gequälte Menschen, Ansichten der Gaskammern, der Krematorien, getarnte Lastwagen, die mit dem Gas Zyklon B beladen waren, Innenansichten der Häftlingsbaracken, auch Portraits von Mitgefangenen.
„Durch die Rolle des Beobachters konnte ich mich wenigstens für ein paar Augenblicke loslösen von dem, was in Auschwitz vor sich ging, und somit war es mir möglich, die Fäden des Verstandes beieinander zu behalten.“
1944 wurde Kantor mit tausend anderen Häftlingen in das Zwangsarbeiterlager Schwarzheide, ein Außenlager von Sachsenhausen in der Nähe von Dresden, gebracht, um eine zerstörte Fabrik wiederaufzubauen. Mitte April 1945 wurde das Lager geräumt, die Rote Armee näherte sich. Das Kriegsende erlebte Kantor in Theresienstadt, von wo er nach Prag zurückkehrte: „Auf der Fahrt  nach Prag (wurden) wir in allen Ortschaften von der tschechischen Bevölkerung mit Blumen, Butterbroten und Äpfeln begrüßt.“

127 mit Wasser farbig kolorierte Zeichnungen

Die ersten beiden Jahre nach dem Krieg verbrachte Kantor in einem Lager für „displaced persons“ in Deggendorf. Dort ließ er sich von einem Buchbinder ein Buch mit leeren Seiten anfertigen. Auf ihnen schuf er 127 mit Wasserfarben kolorierte Zeichnungen, die er mit kurzen Kommentaren versah, ein Bild-Tagebuch der Lagerzeit, das als das „Buch des Alfred Kantor“ 1971 in New York erschien und berühmt wurde.
Ab 1947 lebte Alfred Kantor in den USA, zunächst in New York, später im US-Staat Maine und arbeitete in der Werbebranche. Alfred Kantor starb am 16. Januar 2003 im Alter von 79 Jahren in den USA. Einige seiner Skizzen aus der Lagerzeit befinden sich heute im Archiv des Jüdischen Museums Washington.