Sonntag, 04. Dezember 2022

Rapper Testos Autobiografie
Eine Jugend in der ostdeutschen Provinz

Hendrik Bolz ist Rapper. Er nennt sich Testo und ist Teil der Band „Zugezogen Maskulin“. Über seine Jugend in der ostdeutschen Provinz hat er jetzt ein Buch geschrieben - und schickt eine Warnung voraus: Es geht um Gewalt, Rassismus, Antisemitismus. Das soll nur aushalten, wer will.

Von Katharina Thoms | 14.02.2022

Das Buchcover "Nullerjahre" von Hendrik Bolz und im Hintergrund: Die Musiker Zugezogen Maskulin spielen bei der Feier anlässlich der Festivalwoche "30 Jahre Friedliche Revolution – Mauerfall" am Brandenburger Tor.
Ausführlicher als ein Rapsong: Die Jugenderinnerungen von Hendrik Bolz (Cover Kiepenheuer & Witsch Verlag / Hintergrund picture alliance/dpa | Annette Riedl)
Dieses Buch liest man wie im Technobeat. Immer wieder muss man nach Luft schnappen. Denn Hendrik Bolz stampft sich regelrecht durch die Geschichte seiner Jugend in der mecklenburgischen Provinz: brachial, hart, atemlos.   
„Blinken links, raus auf Überholspur, überholen, überholen, überholen, blinken rechts, einordnen, überholen lassen. […] Schrubben, schrubben, schrubben, ich guck in die Hose, da ist immer noch nichts passiert. […] Ich schließe die Augen, versuche mir jetzt die Mädchen in meiner neuen Klasse vorzustellen. […] Der Klügere gibt nach, der Klügere gibt nach, der Klügere gibt nach. Fällt mir noch immer total schwer und meistens klappt es nicht.“
Hendrik Bolz liefert mit seinen Erinnerungen wichtige Antworten auf die immer wieder gestellte Frage: Warum so viel Radikalität, Angst, Frust im Osten Deutschlands?
Wer hinguckt, kriegt aufs Maul
Bolz wächst in den 2000er-Jahren in Stralsund an der Ostsee auf: Teeniezeit in der Provinz. Plattenbau. Perspektivlosigkeit. Er selbst ist eigentlich ein guter Schüler. Die Rechtsradikalen in Mecklenburg-Vorpommern scheinbar auf dem Rückzug. Wird also alles besser in den Nullerjahren?
Bolz haut seinen Lesern und Leserinnen diese vermeintliche Gewissheit um die Ohren – bis sie kaputt ist. Die Erinnerungen an seine Jugend sind stellenweise so gewalttätig, dass sie schwer auszuhalten sind.
Aber der kleine Hendrik lernt auf dem Spielplatz in seinem Plattenbauviertel Knieper West nichts Anderes kennen. Von „den Großen“. Wer hinguckt, kriegt aufs Maul. Wer wegguckt, hat auch verloren. Nur die Angst ist immer da.
„Lust am Arschlochsein“
Lange habe er das verdrängt, sagt Bolz. Auch noch, als er zum Studieren nach Berlin ging. Aber mit den rechten Gewaltausbrüchen gegen Geflüchtete um 2015 sei etwas wieder hochgekommen, erzählt der Autor:
„Das kenne ich irgendwoher. Und diese Sprache! Und diese Lust am Arschlochsein und irgendwie, ja, das macht mir irgendwie Angst und erinnert mich an was, von dem ich eigentlich dachte, dass ich es hinter mir gelassen habe.“
Bolz hat für das Buch die ganze Welt von damals wieder hervorgeholt. Jedes Kapitel eine Geschichte, eine Anekdote, ein Alptraum.
Angeblich blühende Wendejahre
Anfangs lebt er als Kind noch in der Welt der Springerstiefel-Rechten. Die zwar irgendwann verschwinden. Aber die Menschen bleiben ja die gleichen: Der Ferienlagerleiter, der Spielplatzheld und die angehimmelte Nachbarsjugendliche leben weiter die Gewalt, reißen Judenwitze und haben einen Hass auf alles, was anders ist. Bolz schreibt:
„Beim Tischtennis erfuhr ich zum ersten Mal in meinem nun elfjährigen Leben, dass es nicht nur »Rechte« gab, sondern auch ihr Gegenstück, sogenannte »Linke«. […] Die rechte Subkultur […] hatte unter uns ostdeutschen Kindern und Jugendlichen eine totale Normalisierung erfahren.“
Bolz spickt seine Erzählungen immer wieder mit Musiktexten. Als Rapper logisch irgendwie. Aber die Textschnipsel sind nicht nur Stilmittel. An ihnen lässt sich auch der schleichende Wandel in der rechten Subkultur ablesen:
„Die Wände tapeziert mit Bravo-Postern von Bushido, aus der Anlage seine Stimme, auf den können sich irgendwie alle einigen, Rap-Fans, Kiffer, Rocker, Clubgänger, Mädchen, Dealer, Schläger, sogar einige Faschos finden’s nicht total scheiße, das ist Volksmusik, das sind die neuen Onkelz.“
Bolz erzählt vom Abstieg seiner Region, der enormen Arbeitslosigkeit, von Enttäuschungen der Menschen in den angeblich blühenden Wendejahren. Die erklärenden Einschübe zwischen den Geschichten sind zwar ohne Zweifel wichtig für den Kontext, fallen aus dem sonst authentisch-derben Ton aber leider raus.
Überforderung und Gleichgültigkeit
Stark sind die Informationen, wenn sie mit Menschen verknüpft sind: der respektierte, nette Fußballtrainer – der irgendwann am liebsten alle Politiker an die Wand stellen möchte. Die Erinnerung an sein Gymnasium, das bald abgerissen wird und deshalb immer mehr verkommt. Und sehr schmerzhaft auch die Kindergartenerinnerungen: Sie zeigen, wie stark die untergegangene DDR nachwirkt, ihr Erziehungsstil - hart sein, nicht petzen, allein klarkommen. Erwachsene kommen in diesem Buch so gut wie nicht vor. Hendrik Bolz:
„Das war eine Welt ohne Eltern. Das war eine Welt, zu der Eltern keinen Zugang hatten. Also wer mit seinen Eltern rumhängt, der ist ja wohl total der Lappen. Weil gleichzeitig aber auch die Eltern ja zu tun hatten.“
Im Buch verkaufen Erwachsene höchstens mal Bier an die Kinder. Oder gehen mit gesenktem Kopf weiter, wenn mal wieder jemand verprügelt wird. Überforderung und Gleichgültigkeit.
Offenbar auch, was Drogen angeht: Mit 13 wird Feuerzeugbenzin inhaliert, dann Bier getrunken, Alkopops. Später kiffen, süße Schnäpse, Ecstasy und Selbstgebrautes. Der Autor schreibt:
„Ich kringle mich vor Lachen, […] ich versink in der Couch, tiefer, tiefer, tiefer, werd verschluckt, werd verdaut, hahaha […] ich seh die arme liebe hübsche coole Laura mit den tieftraurigen, verletzten Augen […] Ich hör auf mit Lachen, doch die Tränen laufen weiter. Ich weine. Bevor es jemand merkt, wisch ich schnell alles weg.“
Ein Gesprächsangebot
Bolz beschreibt den Rausch der Drogen und Gewalt als Mittel, um die große Leere und die Angst wegzudrücken. Das klingt vielleicht banal. Ist in dieser Welt aber mehr als plausibel. Zum Beispiel, als er gemeinsam mit seinen Freunden vermeintlich linke Jugendliche brutal verprügelt:
„NOCH NIE IN MEINEM LEBEN HAB ICH MICH SO WOHL UND GUT GEFÜHLT. Alles kribbelt, alles knistert, alles hat einen Zauber, ich bin durch und durch erregt, das ist das Geilste […] Die Gewalt, die Macht, die Kraft, es macht mich komplett geil, ich glaub, mein Puller ist steif. […] wir sind die Stärksten, die Besten, ab jetzt wird aufgeräumt!“
Nicht alle Freunde in Hendrik Bolz‘ Buch „Nullerjahre“ schaffen es so glimpflich raus aus dieser Jugend wie er. Oder denken über Scham, Schuld und Ursachen dieser Ausbrüche nach.
Umso wichtiger, dass der Autor und Musiker jetzt mehr als nur einen Rapsong lang darüber erzählt hat. Das Buch, ein Gesprächsangebot – nicht nur für Menschen in Thüringen, Sachsen, Sachsen-Anhalt, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern.
Hendrik Bolz: „Nullerjahre. Jugend in blühenden Landschaften“
Verlag Kiepenheuer & Witsch, 336 Seiten, 20 Euro.