Mittwoch, 01. Februar 2023

Polizeigewalt
Georgiana Banita schreibt über Phantombilder und Vorurteile

Auffällig viele Opfer von Polizeigewalt sind schwarz, migrantisch und männlich. Die Amerikanistin und Kulturwissenschaftlerin Georgina Banita analysiert xenophobe Phantombilder, die den zum Teil tödlichen Handlungen zugrunde liegen.

Von Ralph Gerstenberg | 16.01.2023

    Das Buchcover von Georgiana Banita: "Phantombilder. Die Polizei und der verdächtige Fremde" und ein Portrait der Autorin vor dem Hintergrund einer Phantombildercollage
    Georgiana Banita analysiert, welche Täterprofile Polizistinnen und Polizisten im Hinterkopf haben, wenn sie auf Streife gehen. (Buchcover Edition Nautilus / Portrait picture alliance / dpa / Ole Spata)
    41 Schüsse feuerten vier New Yorker Zivilbeamte am 3. Februar 1999 auf den guineischen Asylbewerber und Studenten Amadou Diallo ab. 19 davon trafen den 23-Jährigen, der sofort tot war. Die Beamten wurden wegen Mordes angeklagt und erwartungsgemäß freigesprochen. In seinem Song „American Skin (41 shots)“ sang Bruce Springsteen über die Gewalttat. Auch der Autor und Journalist Malcolm Gladwell setzte sich in seinem Bestseller „Blink! Die Macht des Moments“ mit dem Fall Amadou Diallo auseinander. In seiner Analyse des Ablaufs führten vorsätzliche und unbeabsichtigte Handlungen zu den folgenschweren Fehlentscheidungen der Polizisten. Dabei klammert er die allererste Entscheidung der Cops jedoch aus, kritisiert Georgiana Banita in ihrem Buch „Phantombilder. Die Polizei und der verdächtige Fremde“, jene Entscheidung, Diallo überhaupt für einen Verdächtigen zu halten.
    „Als sie dem schwarzen Mann, der vor seinem Haus stand, mit Misstrauen gegenübertraten, reagierten die Polizisten womöglich automatisch und nicht vorsätzlich, quasi aus einem Reflex heraus. Was aber ein einzelner Cop instinktiv beschließen mag, ist in aller Regel dem gängigen Polizeiparadigma absichtlich und strukturell eingeschrieben.“

    Die Wirkung von Phantombildern

    Institutionell verankerte rassistische Stereotype führen, so Banita, dazu, dass „der Fremde“ - männlich, schwarz, migrantisch - kontinuierlich als vorrangiges Zielobjekt von Ermittlern ins Visier genommen wird. Die vier Polizisten hätten Phantombilder als Fahndungsmittel im Hinterkopf gehabt, die auch nach der Tötung von George Floyd zu den immergleichen erschütternden Ergebnissen führten.
    „Das gängigste Phantombild in den USA ist derzeit die Bezeichnung ‚African American male‘, die praktisch permanent aus den Funkgeräten der Streifenwagen erklingt. In Europa ist es ‚der Afrikaner‘ oder ‚der Nordafrikaner‘ / ‚Araber‘, oder ‚maghrebinische Intensivtäter‘, die die deutsche Polizei als ‚Nafris‘ tituliert, ohne dass von irgendeiner Intensivtäterschaft auch nur vage auszugehen wäre.“
    Vermeintliche Täterprofile wie diese führten zu Verdächtigungen und Vorverurteilungen und letztlich zu Schikanen und Gewalt, führt Georgiana Banita aus und geht dabei auch auf das Phantombild als durchaus fragwürdiges Ermittlungswerkzeug ein, das nach wie vor ein Schlüsselinstrument in der Polizeiarbeit darstellt. 1881 setzte die britische Polizeibehörde Scotland Yard erstmals ein Phantombild ein, um den Eisenbahnmörder Percy Lefroy Mapleton zu überführen. Das fratzenhafte Porträt mit ausgeprägten Wangenknochen, flacher Stirn und fliehendem Kinn wirkte wie eine Karikatur auf den echten Mapleton, wie sich nach dessen Festnahme herausstellte.

    Racial Profiling

    „Solche Phantombilder tendieren dazu, individuelle, durch Habitus und Sozialisierung bedingte Angstbilder an bestimmte Gesichtseigenschaften zu knüpfen. Dies wiederum verleitet zu Schnell- und Pauschalurteilen, die Menschen das Leben kosten können, vor allem wenn sie von bewaffneten Polizisten in einem Sekundenbruchteil getroffen werden.“
    Zu den gängigsten Formen sozialer Stigmatisierung im Zusammenhang mit Polizeiarbeit zählt derzeit das Racial Profiling, führt Georgiana Banita aus. Am Beispiel der Ausschreitungen in der Stuttgarter Innenstadt vom 20. Juni 2020 zeigt sie, wie sich Festschreibungen von bestimmten Personengruppen zu Sündenböcken ins Gegenteil verkehren können. Die als „kriminelle Kanaken“ abgestempelten Jugendlichen greifen den abwertenden Terminus auf, bezeichnen sich selbst als Kanaken und geben der Polizei nun einen Grund, das Augenmerk auf sie zu richten.
    „Wut und Aggression, die, wenn man tiefer bohrt, eher weniger mit konkretem Fehlverhalten deutscher Beamt*innen zu tun haben [...], entladen sich an einer generischen Polizeibehörde, die nicht nur für den deutschen Staat und seine Exklusionspolitik steht, sondern im Sommer 2020 auch mit der Gewalt der US-Polizei gegen die ähnlich diskriminierten und kriminalisierten Afroamerikaner*innen assoziiert wird.“

    Kein Generalverdacht gegen die Polizei

    Ausdrücklich möchte Giorgiana Banita Polizistinnen und Polizisten, die auf Straßen und öffentlichen Plätzen verantwortungsbewusst ihren Dienst tun, von ihren „schweren Vorwürfen“ ausnehmen. Deshalb fügt sie dem Begriff Polizei differenzierende Präfixe hinzu, spricht von „Nekro-, Krypto und Xeno-Polizei“. Dahinter verbergen sich Polizeimethoden, die Gewalt und Folter, Algorithmen und Profiling sowie Grenzbefestigungen und Abschiebungspraktiken zu ihrem gängigen Arsenal zählen.
    In Ihrer Kritik richtet Georgiana Banita auch den Blick auf politische Strukturen und gesellschaftliche Missstände, die fremdenfeindliche polizeiliche Übergriffe überhaupt erst möglich machen: Ausgrenzungen auf dem Arbeitsmarkt und im Bildungswesen, eine zunehmende Gewaltbereitschaft sowie eine verfehlte Integrationspolitik. Um amtlichen Machtmissbrauch einzudämmen, müsse, so Banita, das Problem des Polizeirassismus mit der Frage nach sozialer Gerechtigkeit verschränkt werden. Ihr Buch ist eine wache Analyse von Handlungsmustern, ein engagierter Aufruf zu Eigenverantwortung und dringend notwendigen Reformen und - last but not least - eine Solidarisierung mit den Opfern.
    Georgiana Banita „Phantombilder. Die Polizei und der verdächtige Fremde“, Edition Nautilus, 480 Seiten, 24 Euro.