Freitag, 01. März 2024

Über Antisemitismus
Ein Plädoyer für mehr wirkliches Verständnis

In seinem Buch „Unsicherere Heimat“ beleuchtet C. Bernd Sucher einerseits die jüdische Lebensrealität im Deutschland der Gegenwart. Er blickt aber auch über die Grenzen hinaus, um zu zeigen, wie andere Länder präventiv gegen Antisemitismus angehen.

Von Otto Langels | 11.12.2023
    Ein jüdischer Grabstein, zu sehen bei der Gedenkfeier anlässlich 85 Jahre Reichspogromnacht auf dem jüdischen Friedhof Erlangen.
    „An Lippenbekenntnissen zu den jüdischen Mitbürgern mangelt es nicht. Im Gegenteil, die Politikerinnen und Politiker der demokratischen Parteien scheinen sich mit philosemitischen Urteilen, mit Beistandsbekundungen überbieten zu wollen“, schreibt C. Bernd Sucher. (picture alliance / Panama Pictures / Dwi Anoraganingrum)
    1969 sei ein besonderes Jahr in den Beziehungen zwischen deutschen Juden und deutschen Nichtjuden gewesen, schreibt der Autor C. Bernd Sucher. Der israelische Botschafter in Bonn wollte damals an den Universitäten Frankfurt am Main und Hamburg mit Studenten diskutieren.
    „Doch dazu kam es nicht. Der Sozialistische Deutsche Studentenbund, der mit den Palästinensern sympathisierte, hatte zu Demonstrationen gegen die von jüdischen Studenten organisierte ‚Woche für den Frieden im Nahen Osten’ aufgerufen. Es kam zu turbulenten Szenen. Ich erinnere mich, dass der Botschafter nicht das Wort ergreifen konnte, weil er lautstark niedergeschrien wurde. Im Hamburger Audimax wurde ich selbst, der ich eine Kette mit Davidstern trug, von Kommilitonen als ‚faschistisches Judenschwein‘ angespuckt.“
    Es kam zu Handgreiflichkeiten und Prügeleien. C. Bernd Sucher floh.
    Wenige Monate später starben sieben Menschen bei einem Brandanschlag auf das Altersheim im jüdischen Gemeindezentrum München. Sie hatten alle den Holocaust überlebt.

    Aber bisher gibt es kein Pflichtfach Shoah oder Geschichte der Juden in Deutschland. In Rumänien hingegen wurde Anfang 2022 im Parlament beschlossen, von 2024 an ‚Die Geschichte des Holocaust und des jüdischen Volkes‘ an weiterführenden Schulen zu lehren.

    C. Bernd Sucher in „Unsichere Heimat“
    C. Bernd Sucher, langjähriger Redakteur der "Süddeutschen Zeitung" und Professor an der Münchner Fernseh- und Filmhochschule, erwähnt beide Ereignisse als signifikante Belege dafür, dass sich Juden in Deutschland nie sicher fühlen konnten. Seine Darstellung besteht aus drei Teilen: einem historischen Abriss, Einblicken in jüdisches Kultur- und Alltagsleben heute sowie Informationen zu jüdischen Institutionen. Abgerundet wird die Publikation durch Interviews mit Jüdinnen und Nichtjuden, darunter Deborah Feldman, Josef Schuster, Norbert Frei und Charlotte Knobloch.
    Über einen Besuch bei der Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde in München schreibt Sucher: „Bevor ich in das große, lichte Sitzungszimmer geführt werde, muss ich mich ausweisen und scannen lassen. Keinen Schritt kann ich ohne Begleitung tun. Nachdem ich drei Männer, das Sicherheitspersonal für die Präsidentin, passiert habe, komme ich endlich an.“

    Aufzeigen, wie gefährdet jüdisches Leben in Deutschland ist

    Suchers Darstellung ist eine gelungene Mischung aus persönlichen Eindrücken und sachlichem Text, anschaulich und in klarer Diktion geschrieben. Insofern unterscheidet sich sein Buch von früheren, rein historischen Werken Anthony Kauders‘, Richard C. Schneiders oder Michael Brenners.
    „Es ist ja letztendlich kein wissenschaftliches Buch, auch wenn es einen Anmerkungsteil hat, aber letztendlich ist es auch ein Kommentar zu jüdischem Leben in Deutschland. Die Absicht war, zu informieren, wie jüdisches Leben im Moment in diesem Land ist, und zugleich zu zeigen, wie gefährdet dieses Leben ist.“
    C. Bernd Sucher: „Unsichere Heimat. Jüdisches Leben in Deutschland von 1945 bis heute“
    Piper Verlag, München 2023
    272 Seiten, 24 Euro
    Ein virulenter Antisemitismus, dies wird aus Suchers Ausführungen auf deprimierende Weise deutlich, existiert in Deutschland weiterhin, belegbar auch seit oder trotz des Endes des NS-Regimes.
    1952 bekannten 37 Prozent der Bundesbürger, dass sie ein „judenfreies“ Deutschland bevorzugten. 30 Jahre später waren Umfragen zufolge 15 Prozent der Westdeutschen eindeutige und bis zu 40 Prozent potenzielle Antisemiten. Zur DDR referiert der Autor keine Zahlen. Ohnehin beschränkt sich seine Darstellung vorwiegend auf die Bundesrepublik.
    C. Bernd Sucher zählt über 320 Erinnerungsstätten für NS-Opfer in Deutschland: ehemalige KZ, Museen, Mahnmale, zerstörte Synagogen. Doch sie alle seien keine ausreichend wirksamen Mittel im Kampf gegen den Antisemitismus.
    „Ich glaube, diese Vielzahl an Erinnerungsorten produziert wiederum Antisemitismus, weil man wirklich zugemüllt wird, wenn Sie mir dieses Wort erlauben, mit Zeichen, mit Orten, mit Gegenständen, die an die Schuld der Deutschen erinnern. Diese Museen sind in der Mehrzahl nicht in die Zukunft gewandt, sondern es ist immer praktisch schamhaft verwiesen, was passiert ist während der Shoah.“

    Aufklärung zu jüdischen Leben

    Demgegenüber versucht der Autor, selbst ansatzweise Aufklärungsarbeit zu leisten, indem er Informationen zum jüdischen Leben heute liefert und in einem ausführlichen Glossar wichtige religiöse Begriffe erläutert.
    Es genüge eben nicht, wenn politische Repräsentanten immer wieder den besonderen Schutz jüdischen Lebens in Deutschland betonten, die Appelle aber auf wenig Resonanz in der Bevölkerung stießen.
    „An Lippenbekenntnissen zu den jüdischen Mitbürgern mangelt es nicht. Im Gegenteil, die Politikerinnen und Politiker der demokratischen Parteien scheinen sich mit philosemitischen Urteilen, mit Beistandsbekundungen überbieten zu wollen. Sie sind zugegen, wenn an die Novemberpogrome erinnert wird; sie eröffnen jüdische Museen und jüdische Kulturwochen. Sie bekunden Mitleid; sie rufen zur Wachsamkeit auf und zur Solidarität, sie fordern mehr Polizeischutz für jüdische Einrichtungen; sie rufen: ‚Nie wieder!‘“
    Doch diese Solidaritätsadressen seien letztlich – in Analogie zum hilflosen Antifaschismus - Formen eines hilflosen Anti-Antisemitismus.

    Lesungen bisher nur unter Polizeischutz

    Was aber tut not im Kampf gegen den Antisemitismus? Sucher fordert kontinuierliche Bildungsarbeit: „Aber bisher gibt es kein Pflichtfach Shoah oder Geschichte der Juden in Deutschland. In Rumänien hingegen wurde Anfang 2022 im Parlament beschlossen, von 2024 an ‚Die Geschichte des Holocaust und des jüdischen Volkes‘ an weiterführenden Schulen zu lehren.“
    C. Bernd Suchers Buch erschien Anfang November. Öffentliche Lesungen kann er derzeit nur unter Polizeischutz halten. Das Leben von Juden habe sich seit dem 7. Oktober noch einmal grundlegend geändert.
    „Im Moment wissen die Juden gar nicht, wo sie hinsollen. Also Israel verbietet sich, Frankreich, was ja auch mal so ein Sehnsuchtsort war, geht gar nicht. Unsichere Heimat, weltweit? Ja.“
    Nichts wünschten sich deutsche Juden mehr als eine „sichere Heimat“, schreibt C. Bernd Sucher am Ende seines gleichermaßen eindrücklichen wie beklemmenden Buches. Ein sichtbares, friedliches Miteinander von deutschen Juden und Nichtjuden scheint jedoch ferner denn je.